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China

"Liberty-Award"-Preisträger - "Manchmal packt mich die Wut"

18.03.2011
Der mit dem "Liberty Award" ausgezeichnete dpa-Korrespondent in Peking, Andreas Landwehr, findet die politische Lage in China bedrückend.
Die Website zum Liberty Award 2011
Die Website zum Liberty Award 2011

"Das geht mir oft sehr nahe", erklärte er im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. "Ich erlebe hier ungeheuer mutige Menschen, die einen hohen persönlichen Preis zahlen und für Ideale kämpfen, die wir Deutsche wie selbstverständlich genießen und viele leider schon gar nicht mehr zu schätzen wissen." Manchmal packe ihn die Wut.

In letzter Zeit gab es in China wieder vermehrt Übergriffe auf Journalisten. Erreicht die Regierung damit ihr Ziel, unliebsame Berichterstattung zu verhindern?

Landwehr: "Die Festnahmen und die Gewalt gegen ausländische Journalisten erreichen genau das Gegenteil. Denn im Mittelpunkt der Berichterstattung steht jetzt der chinesische Polizeistaat, der mit allen Mittel jeden möglichen Protest im Keim ersticken will. Schlimmer ist noch, dass in den vergangenen Wochen Dutzende von Bürgerrechtlern und Aktivisten in Haft genommen wurden, unter Hausarrest stehen, attackiert oder bedroht wurden. Einige werden jetzt wegen "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" angeklagt, nur weil sie den Protestaufruf im Internet an Freunde weitergeleitet haben. Dafür droht ihnen mehrere Jahre Haft."

Wie schätzen Sie die Chancen einer Pressefreiheit in China ein?

Landwehr: "Politisch werden die Zügel eher noch angezogen. Das Internet wird schärfer zensiert und gezielt manipuliert. Die Freiräume für chinesische Journalisten werden immer kleiner. Jede Woche bekommen sie eine Liste der Themen, über die sie nicht schreiben dürfen. China wird abgeschottet. YouTube, Facebook und Twitter sind wie ungezählte andere Webseiten gesperrt. Wenn sich trotzdem eine öffentliche Meinung entwickelt, dann liegt es an den neuen technischen Möglichkeiten im Internet, den Mikroblogs und den Löchern in der Kontrolle. In vertraulichen Gesprächen mit hohen Regierungsmitgliedern bin ich oft überrascht, welche panische Angst sie vor der öffentlichen Meinung im Internet haben. China hat viel erreicht. Warum diese Furcht?"

Kann der "Liberty Award" für Sie problematisch werden? Müssen Sie jedes Wort dreimal abwägen, das Sie in Berlin über China sagen?

Landwehr: "Darüber mache ich mir keine Gedanken. Niemand darf sich hier auf die Zunge beißen. Ich schreibe seit 18 Jahren kritisch über Menschenrechtsverletzungen in China. Das ist meine journalistische Aufgabe. Es ist Teil meiner Berichterstattung über den Aufstieg dieses so widersprüchlichen Riesenreichs zur zweitgrößten Wirtschaftsnation. Chinas Entwicklung hat ja auch viele gute Seiten. Die Nominierung ist aber eine Ermutigung für alle China-Korrespondenten, trotz aller Einschüchterung über jene Menschen in China zu schreiben, die nur von Freiheit und Demokratie träumen können. Viele landen dafür noch unter elendigen Bedingungen im Gefängnis."

Sie sind seit 1993 dpa-Bürochef in Peking. Was bewegt Sie am meisten?

Landwehr: "Die politische Situation empfinde ich als bedrückend. Das geht mir oft sehr nahe. Ich erlebe hier ungeheuer mutige Menschen, die einen hohen persönlichen Preis zahlen und für Ideale kämpfen, die wir Deutsche wie selbstverständlich genießen und viele leider schon gar nicht mehr zu schätzen wissen."

Welche Situation möchten Sie nicht noch einmal erleben?

Landwehr: "Dass Menschen, die ich bei meiner Arbeit kennenlerne und wegen ihrer Ideale schätze, plötzlich im Gefängnis landen. Das passierte nach den Olympischen Spielen Ende 2008 mit Liu Xiaobo, dem heutigen Friedensnobelpreisträger. Gerade erleben wir das wieder mit dem Anwalt Teng Biao und anderen Bürgerrechtlern. Da packt mich jedes Mal die Wut. Ich kann nur darüber schreiben und hoffen, dass die Welt sie nicht vergisst."

Noch eine Frage zur Erdbebenkatastrophe in Japan. Wie wird in China darüber und über den Atomalarm berichtet?

Landwehr: "Die chinesischen Medien berichten sehr professionell und faktenbezogen. Es herrschen zwar historische Spannungen zwischen Chinesen und Japanern, aber hier dreht sich alles um das menschliche Leid und die Zerstörung. Auch über die Atomkatastrophe wird ausführlich berichtet, obwohl der Volkskongress ausgerechnet an diesem Montag einen massiven Ausbau der Kernkraft in China beschlossen hat. In den Staatsmedien gibt es jetzt aber auch erste Berichte, die frühere Atomunfälle eher beschönigen. Vielleicht damit sich das Volk nicht allzu große Sorgen über die ehrgeizigen Atompläne Chinas macht."

Mehr Informationen zum Liberty Award finden Interessierte unter http://www.liberty-award.de/.