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Lernout & Hauspie muss Gläubigerschutz beantragen

30.11.2000
Konkurs in Belgien folgt heute

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die unter Druck geratene belgische Softwareschmiede Lernout & Hauspie (L&H) hat gestern vor einem US-Bundesgericht in Delaware Gläubigerschutz nach Paragraph 11 des US-Konkursrechts beantragt. Den Spezialisten für Spracherkennung und -synthese fehlen rund 100 Millionen Dollar, die ihr koreanischen Ableger eigentlich einnehmen sollte, außerdem pochen Banken auf die Rückzahlung von Krediten in dreistelliger Millionenhöhe. Für deren Ablösung waren die in Korea vermuteten Mittel angeblich eingeplant. Auch in Belgien will L&H heute Konkurs anmelden.

Das Unternehmen war vor 13 Jahren von den belgischen Entrepreneuren Jo Lernout und Pol Hauspie gegründet worden und galt lange Zeit als technisch führender Anbieter. Seit einigen Monaten wird aber immer klarer, dass L&H seine Bilanzen durch Scheingeschäfte in Asien, vor allem in Korea, künstlich aufgebläht hat. Zuletzt kündigte die Company an, sie müsse ihre Zahlen für die vergangenen zweieinhalb Jahre revidieren. Die Firmengründer und andere hochrangige Manager sind bereits von ihren Posten zurückgetreten.

Die Hausbanken hatten L&H nun aufgefordert, bis Ende dieser Woche einen rettenden Restrukturierungsplan vorzulegen, der unter anderem den Verkauf von Unternehmensteilen vorgesehen hätte. Andernfalls bestanden die Geldinstitute auf der sofortigen Rückzahlung ihrer Kredite. Lernout & Hauspie sieht sich allerdings außerstande, seine Außenstände zu begleichen. "Wie haben alles versucht, um mit unseren Banken zu einer Einigung zu kommen", erklärte Chief Executive Officer John Duerden. "Nach eingehender Analyse der Sachlage hielten wir den Antrag auf Gläubigerschutz für den besten Weg, um unsere wertvolle Kundenbasis und Technik zu retten."

Juristisches Hickhack droht nun laut "Wall Street Journal" um die Aktiva des Anfang dieses Jahres von L&H übernommenen US-Herstellers Dictaphone. Dessen früherer Mehrheitsaktionär Stonington Partners Inc. habe eine Klage wegen Betruges gegen die Belgier eingereicht und wolle den Deal wieder rückgängig machen, heißt es.