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LBBW: Mainframes werden Service-orientiert

23.07.2007
Die Landesbank Baden-Württemberg hat ihre komplexen Cobol-Systeme als Web-Services neu gestaltet. Sie hofft, 80 Prozent davon wiederverwerten zu können.

Als Rechenzentrum der Sparkassen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz hatte die Sparkassen-Informatik (SI) eine Lücke im grafischen Frontend ihrer Beratersoftware entdeckt: Das Tool für den Wertpapierhandel basierte noch auf der altmodischen grünen Linemode-3270-Darstellung. Sie sollte durch eine moderne Benutzeroberfläche ersetzt werden.

Da die Sparkassen die Wertpapiertransaktionen bei ihrer Landesbank abwickeln lassen, erhielt die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) den Auftrag für die Entwicklung der neuen Anwenderschnittstelle. Das war jedoch einfacher gesagt als getan. Handelte es sich doch um ein selbstentwickeltes Cobol-System, das auf IBM-Mainframes lief und mit DB2- sowie IMS-Datenbanken arbeitete (siehe auch "IBM macht Mainframe-Nutzung einfacher").

Mehr als 1000 Einzelprogramme

Das Wertpapier-Order-Management besteht aus mehr als 1.000 über viele Jahre gewachsenen Programmen. Eine umfangreiche, zentrale Komponente lieferte bislang die Online-Oberflächen im Börsen-Order-System: Dieses Programm bediente nicht nur die Berater, sondern stellte auch Services für das Backoffice bereit.

"Wir wollten nicht einfach den Linemode in Grafik umsetzen", erläutert Hans-Jürgen Bäuerle, zuständiger Gruppenleiter bei der LBBW, die Herausforderung. Die neue Lösung sollte gegenüber der alten keinerlei funktionale Einbußen erfahren. Diese Anforderung "disqualifizierte", so Bäuerle, "so genannte Screenscraper oder ähnliche Lösungen von vornherein". Darüber hinaus bestand die LBBW darauf, dass das System die von IBM angebotenen Standardverbindungen wie MQ-Series oder IMS-Connect nutzte.

Erweiterung in Richtung SOA

Einen Lösungsansatz lieferte das Systemhaus Machold, das die LBBW bereits seit einem Jahrzehnt betreut. Die in Stuttgart ansässigen Berater brachten das Produkt "Ivory" von GT Software aus Atlanta, Georgia, ins Spiel. Ivory ist ein Werkzeug für die Erweiterung herkömmlicher IBM-Großrechner-Anwendungen. Laut Anbieter lassen sich die Applikationen damit in "modernste Technologiewelten" einbinden – als da wären: Internet und Intranet sowie Service-orientierte Architekturen (SOA)

Die Ivory-Software besteht aus zwei Komponenten: Ivory-Studio und Ivory-Server. Erstere ist ein grafisches Designwerkzeug, mit dessen Hilfe sich Web-Services definieren lassen. Sie werden dann an die Komponente Ivory-Sever übertragen, die auf dem Großrechner installiert ist. Die Entwickler haben eigenen Angaben zufolge bewusst auf Middleware verzichtet – mit der Begründung, dass sich auf diese Weise Stabilität, Performance und Sicherheit des Großrechners besser erhalten ließen. Die Host-Anwendungen bleiben dabei unverändert.

Reduzierte Netzlast

Der übliche Weg, Web-Services zu realisieren, bestehe darin, jede Anfrage einzeln zum Host zu senden, der dann die Antworten zurückschickt, so Machold. Dieses "Frage-Antwort-Spiel" erzeuge jedoch eine hohe Netzlast. Zudem benötige der Applikations-Server eine eigene Business-Logik, um die Anwendungen zu sammeln. Anders die bei der LBBW realisierte Lösung: Der Applikations-Server schicke für jeden Service nur einen einzigen Aufruf an den Host, und zurück kämen ausschließlich die gewünschten Daten. Zudem ließen sich bestehende IMS-Transaktionen unter bestimmten technischen Voraussetzungen weiter nutzen.

Die Web-Services selbst werden über die Entwicklungsoberfläche Ivory-Studio definiert; eine Programmierung im eigentlichen Sinn entfällt damit. Wie Machold versichert, beherrschte das LBBW-Team das Tool innerhalb von zwei Tagen, ohne extra darauf geschult worden zu sein – indem es den Ivory-Spezialisten über die Schulter schaute.

Die grafische Oberfläche war für das Entwicklerteam nur noch Fleißarbeit, beteuern die Stuttgarter. Der achtmonatige Zeitrahmen für das Projekt sei wurde eingehalten worden, und das System laufe seit seiner Inbetriebnahme stabil. Peu à peu werden nun alle Arbeitsplätze der Wertpapierberater auf die neue Oberfläche umgestellt. Bis das geschehen ist, steht die alte Version noch als Backup zur Verfügung.

Investition in die Zukunft

Der Weg über Web-Services erwies sich laut Machold als der richtige Ansatz (hierzu siehe auch: "Von Host-Transaktionen zu Services"). Für die LBBW bedeute er eine Investition in die Zukunft. Deshalb sollen auch die anderen Funktionen, beispielsweise aus dem Backoffice-Bereich, abgelöst werden. Zunächst stehe die Umstellung des Brokerage-Systems an. Sie sei durch die jetzt getätigten Investitionen teilweise bereits vorfinanziert.

Vom Sinn dieser Investitionen hätten sich die Entscheider der Landesbank durch greifbare Vorteile überzeugen lassen, betonten die Berater: Bis zu 80 Prozent der jetzt eingeführten Funktionen ließen sich für weitere Services wiederverwenden. (qua)

Projektsteckbrief

  • Projektart: Modernisierung einer Mainframe-Anwendung durch Überführung in Web-Services.

  • Branche: Finanzdienstleister.

  • Umfang: zunächst nur für die Wertpapierlösung.

  • Nächster Schritt: Ausdehnung auf das Brokerage-System.

  • Projektdauer: acht Monate.

  • Stand heute: läuft stabil.

  • Produkt: Ivory von GT Software, Atlanta, Georgia.

  • Dienstleister: Machold Systemhaus 21, Stuttgart.