LAN Server 4.0 basiert nur noch auf IBM-spezifischem Code ATM-Boom haelt trotz Defiziten bei der Normierung weiter an CW-Bericht, Juergen Hill

23.09.1994

ATLANTA - Hohe Bandbreite, kein Problem - so lautete die zentrale Botschaft der Networld + Interop in Atlanta. Um die Gunst der Anwender buhlten neben dem ATM-Forum die Fast Ethernet Alliance, das 100-VG-Anylan-Konsortium sowie die Verteter des Switched- Ethernet-Lagers. Neben dem Wunsch nach mehr Bandbreite im Netz, standen Themen wie remotes Networking und Internet im Zentrum des Interesses.

Fuer den meisten Gespraechsstoff auf der Messe sorgte allerdings eine andere Ankuendigung: Novells geplanter Rueckzug aus dem Geschaeft mit Desktop-Betriebssystemen und die Annaeherung an Microsoft (vgl. CW Nr.37, Seite 1 und 10). Waehrend ein Teil der Besucher Frankenbergs Entscheidung begruesste, hoerten andere fuer die Networking-Company bereits das Sterbegloeckchen laeuten.

Bei der Gates-Company, die waehrend dem Networking-Summit in Atlanta den Produktionsstart von Windows NT 3.5 bekanntgab, bewerten Mitarbeiter Novells Entscheidung und die damit verbundene Annaeherung ganz pragmatisch: "Das Leben wird fuer uns einfacher. Jetzt koennen wir die Novell-Vertriebskanaele nutzen, um den Resellern zu zeigen, wie sich Windows-NT-Server besser in ein Netware-Netz integrieren lassen", meinte ein Microsoft-Vertreter. Novells Abkehr von der Appware Foundation, dem Forum zum Aufbau plattformuebergreifender Applikationen, kommentierte der Sprecher trocken mit den Worten, es sei fuer jede Company wichtig zu erkennen, wo sie hingehoere.

Im Trubel um die Novell-Ankuendigung ging ein anderes Announcement fast unter. IBM praesentierte den "Lan Server 4.0 Entry" sowie den "LAN Server 4.0 Advanced". Big Blue durchtrennte damit endgueltig die Bande zu Microsoft, da das neue Netzwerk-Betriebssystem nur noch IBM-spezifische Codes und keine Anleihen der Gates-Company mehr enthaelt.

Wesentliche Neuerung des LAN Servers 4.0 ist die Unterstuetzung von DCE und Objekten, die Anwendern die Verwendung von Directory- und Enterprise-Naming-Services erlauben. Darueber hinaus wurde das grafische Interface verbessert sowie das Zusammenspiel mit Multiprozessor-Servern und Pentium-basierten Rechnern optimiert.

So unterschiedlich die Ansaetze von Microsoft, Novell und IBM in Sachen Networking auch sein moegen, in einem Punkt waren sich die drei Hersteller auf der Interop einig: Sie bekannten sich vorbehaltlos zur Unterstuetzung des Internet- und Internetworking- Protokolls TCP/IP. Eine Entscheidung, die nach einem Messerundgang nicht weiter erstaunte. Zahlreiche Hersteller stellten auf der Show neue Internet- und TCP/IP-Tools sowie World-Wide-Web-Browser vor.

Internet-Zugang in den USA deutlich guenstiger

Wunderte sich der Besucher aus Europa anfangs noch ueber diese Euphorie, so machte der Besuch bei einem Service-Provider schnell deutlich, warum das Netz der Netze jenseits des grossen Teiches so floriert. Es werden in den USA Zugangskosten tarifiert, wovon kommerzielle Anwender hierzulande momentan nur traeumen koennen. So berechnet beispielsweise der Service-Provider Performance Systems International Inc. (PSI) fuer den Zugang 29 Dollar pro Monat inklusive 29 Stunden Internet-Nutzung, egal ob die Verbindung via Waehlmodem oder ISDN erfolgt.

Die Kosten sind allerdings nur ein Faktor fuer die Internet- Euphorie, auch in puncto Anwendungen sind die Amerikaner weiter. So verkuendete der Veranstalter der Networld + Interop bereits das Konzept der virtuellen Messe "N+I Online!", die basierend auf den WWW-Features, Text, Audio und Video-Informationen zur Verfuegung stellt. Zur Interop '95 in Las Vegas soll der Startschuss zum virtuellen Messrundgang fallen. Vorstellbar sind dabei digitale Diskussionen mit den Austellern, die Online-Teilnahme an Eroeffnungsreden sowie Diskussionsforen fuer die Besucher.

Ob virtuelle Messe oder nur einfaches Arbeiten zuhause, das Thema remotes Networking gewinnt in den USA einen immer hoeheren Stellenwert. Von einfachen E-Mail-Loesungen, wie sie die Firefox Corp. praesentierte, bis hin zum remoten LAN-Zugriff via Router, konnte der Besucher auf seinem Rundgang zahlreiche Loesungen finden. Besonders auffallend war, dass viele Hersteller in Sachen Remote Access noch auf Modemverbindungen setzten und nicht auf digitale Verbindungen wie ISDN in Europa.

Eine Moeglichkeit, beide Verbindungsarten zu nutzen, bietet Motorolas neues "Hybridmodem TA 200", das die Merkmale eines ISDN- Adapters sowie eines analogen 14,4 Kbit/s-Modems in einem Geraet vereint.

Neben der remoten Anwendung des Telecommuters im Hotel oder zuhause sehen viele Anbieter in der Anbindung von entfernten LANs ein lukratives Marktpotential. Das Angebot reichte hier beispielsweise von 3Coms "Netbuilder Remote Office Modell 227", der zehn Nodes unterstuetzt, bis hin zu komplexen Loesungen wie dem "Excalibur Access Node 2000", einer Entwicklung von Racal-Datacom und Wellfleet Communications, die das Know-how der beiden Companies in Sachen digitaler WAN-Zugriffstechnologie und Multiprotokoll-Routing kombiniert.

Waehrend auf der Interop in Sachen ISDN eher Zurueckhaltung herrschte, schallte das "Yes, ATM is here today" des ATM-Forums um so lauter durch die Messehallen. Auch die Tatsache, dass die ATM- Standardisierug immer noch nicht abgeschlossen ist, tat dem Engagement der Hersteller keinen Abbruch. 20 Hersteller und Carrier beteiligten sich an dem ATM-Netz des ATM Forums in Atlanta, um ihre Interoperabilitaet zu beweisen. An der Allianz waren nahezu alle von Rang und Namen beteiligt: Hardwarehersteller wie Sun oder NEC, Internetworking-Companies wie Cisco, Wellfleet, DEC und Madge Networks sowie die Carrier Bellsouth und GTE Telephone Operations, um nur einige zu nennen.

Die Palette des ATM-Angebots reichte ueber Adapterkarten, Multiplexer, Router bis hin zu LAN- und WAN-Switches., die ATM auf FDDI, Ethernet und Token Ring umsetzen. BBN-Tochter Lightstream praesentierte mit "Lightstream 2020" einen ATM-Switch, der globale virtuelle LAN-Dienste fuer FDDI und Ethernet bietet. Darueber hinaus demonstrierte Cabletron das neue ATM-Modul "Connection Management Services Entity" (CMSE) fuer den MMMAC Plus Hub. Die Komponente kann laut Anbieter alle Netzwerkadressen mappen und die Verwaltung des Datenverkehrs in einem Netz mit ATM- und Ethernet-Verkehr vereinfachen.

Das schnellste Netz der Messe basierte allerdings nicht auf ATM, sondern auf dem Fibre Channel Protocol der Fibre Channel Association. Mit diesem Verfahren demonstrierten unter anderem HP, IBM und Sun den bidirektionalen Datentransfer mit Geschwindigkeiten von bis zu 266 Mbit/s.

Stichwort High-speed Networking: Angesichts des allgemeinen Geschwindigkeitrausches in Sachen Networking wollten natuerlich auch die Vertreter der traditionellen LAN-Techniken nicht zurueckstehen. Unbesehen aller Normierungsfragen scheint die Fast- Ethernet-Allianz auf dem Markt momentan die besseren Karten gegenueber dem 100-VG-Anylan-Konsortium zu haben. Die Allianz, die mittlerweile ueber 60 Mitglieder zaehlt, hat mit der Thomas Conrad Corp. und Asant'e Ttechnolgies Inc. zwei weitere prominente Mitstreiter gewonnen.

Zwoelf Hersteller, darunter Intel, 3Com, Synoptics, Sun, DEC und Cogent kuendigten auf der Messe Fast-Ethernet-Produkte an, wobei die meisten der vorgestellten Adapterkarten, Repeater, Switches, Chip-Saetze oder Module fuer Hubs, Routers und Bridges noch bis zum Jahresende ausgliefert werden sollen. Trotz der grossen Mitgliederzahl der Fast Ethernet Alliance, gehen viele Hersteller auf Nummer sicher und unterstuetzen auch Full Duplex Ethernet.