Bargeldlose Zahlung bahnt sich auch im Handel neue Wege:

Kunde muß "Geld der Zukunft" akzeptieren

03.08.1984

PADERBORN - Die Einführung der Selbstbedienung hat das Erscheinungsbild des Handels seit den 50er Jahren grundlegend verändert. Den weiteren Herausforderungen des Marktes begegnete die Branche in den letzten Jahren vor allem mit dem Aufbau von Warenwirtschaftssystemen. Die Automatisierung im Kassenverkehr wird weiter vervollständigt werden. Banking-POS - das zeigt auch der Blick über die Grenzen - bietet hierfür eine zukunftsweisende Lösung. Klaus Böhme. Projecktmanager Banking-POS bei der Nixdorf Computer AG, beschreibt die jetzige Situation und blickt auch in die Zukunft.

An Datenkassen stellt der Handel folgende Anforderungen: Der Verkaufsvorgang muß schnell und zuverlässig abgewickelt werden, alle Verkaufsdaten sind für die Warenwirtschaft exakt zu erfassen, alle Zahlungseingänge zu überwachen und der Zahlungsvorgang ist schnell und bequem für den Kunden abzuwickeln.

Doch bevor Handel und Computerindustrie gemeinsam diese Forderungen angehen konnten, waren wichtige Markierungssteine nötig, die dem Einsatz der "EDV" im Handel den Weg ebneten. Als ein entscheidendes Ereignis nach der Einführung der Selbstbedienung kann die Strichcodierung der Waren mit der 13stelligen (beziehungsweise 8stelligen) Europäischen Artikelnummer (EAN) von 1977 angesehen werden.

Warenausgang wird automatisiert

Mit dieser Entwicklung war im Einzelhandel die Grundlage für die Automatisierung des Warenausgangs geschaffen. Nach vorliegenden Schätzungen dürften heute nahezu drei Viertel aller Artikel vom Hersteller mit solch einem Strichcode versehen sein. Dies gilt vor allem für den Lebensmittelhandel.

Mit der Einführung von Strichcodelesern und Scannersystemen konnte nicht nur der Kassenbereich automatisiert werden, sondern zugleich die personalintensive Arbeit der Preisauszeichnung weitgehend entfallen. Die Computerkasse holt sich den womöglich öfters variierenden Preis eines Artikels im "Price-Look-Up"-Verfahren aus den zentral eingegebenen Datenbeständen. Spezielle Drucker können die Auszeichnung der Regaletiketten übernehmen. Große Handelsunternehmen beziffern den Nettonutzen solcher Scannersysteme nach zwei Jahren auf ein Prozent vom Umsatz.

In der Bundesrepublik Deutschland ist im Gegensatz zu den USA oder Japan das Scanning erst im vergangenen Jahr zum "Durchbruch" gekommen. Ende 1983 gab es nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels (BAG) 175 Scannersysteme. Diese Zahl soll sich in diesem Jahr schnell vergrößern. Dagegen sind Scanner in den USA mit rund 7500 und in Japan mit etwa 2000 solcher Systeme schon weit verbreitet.

Scanning ist jedoch nur ein Glied in einer Kette, an deren Ende das ganzheitliche Informationssystem im Handel steht.

Erst die automatisierte Warenwirtschaft kann volle Transparenz über das Artikelsortiment des Handelsunternehmens schaffen (bei Verbrauchermärkten etwa 50 000 und bei Warenhäusern bis über 150 000 Artikel) und helfen, Renner von Pennern zu trennen. Warenwirtschaftssysteme überwachen Deckungsbeiträge sowie betriebswirtschaftliche Kennzahlen und optimieren Bestellwesen und Lagerbestände.

Der Handel hat sich in den letzten Jahren bereits mit erheblichen Rationalisierungsanstrengungen den geänderten Erfordernissen angepaßt. Weitere Veränderungen kündigen sich an.

Auch die Automatisierung des Kassiervorgangs im Handel bahnt sich neue Wege. Mit elektronischen Zahlungssystemen am Verkaufspunkt POS (Point of Sale) könnte sich das Bild bald ändern: Statt Bezahlung Zahlung mit Scheck oder Kreditkarte soll der Betrag zukünftig elektronisch verrechnet werden. Die Kasse übernimmt Funktionen eines Erfassungsterminals, das die elektronische Zahlung sofort über Leitung an die Geldinstitute weiterreicht.

Darüber hinaus bieten POS-Systeme weitere Vorteile: Reduzierte Abwicklungskosten, eventuell Zeitgewinn bei umgehender Wertstellung auf dem Konto, volle Bankgarantie bis zu einem Wochenlimit von voraussichtlich 2000 Mark, weniger Bargeldumlauf, Service am Kunden und ein modernes Image.

Schnelle Kundenbedienung

Neben der Kostensenkung im Zahlungsverkehr durch beleg- und bargeldlose Zahlung wird durch das Banking-POS eine beschleunigte Kundenbedienung im Kassenbereich angestrebt. Laut Untersuchungen werden bisher pro Barzahlung 30 bis 45 Sekunden veranschlagt, bei der Scheckabwicklung rechnet man mit einer Kassenblockierung von bis zu zwei Minuten und bei Kreditkarten sogar bis zu drei Minuten. Dagegen sollen bei der elektronischen Abbuchung nur noch 10 bis 20 Sekunden pro Kunde für die Zahlungsabwicklung benötigt werden.

Banking-POS am Verkaufspunkt ist denkbar einfach: Die Zahlung erfolgt nicht mehr durch Übergabe von Zahlungsmitteln; sondern durch Identifikation eines Kundenkontos und einen unmittelbaren Zahlungsvorgang. Dafür sorgt die Online-Verbindung der Datenkasse mit einer Autorisierungszentrale der Kreditinstitute.

Universelles Kartensystem

Bereits 1981 wurden zwischen dem deutschen Kreditgewerbe und der Bundespost eine, "POS-Rahmenvereinbarung" geschlossen, die die Basis für die Einführung eines bundesweiten POS-Systems für die bargeldlose Zahlung bildet. Dabei kennzeichnet ein europaweit einzigartiger Vorteil hierzulande die Ausgangslage für die Schaffung eines einheitlichen bargeldlosen Zahlungssystems: Heute verfügen rund 17,5 Millionen Bundesbürger über Eurocheque-Karten. Die federführende Gesellschaft für Zahlungssysteme (GZS) will die Verbreitung der Eurocheque-Karte noch weiter ausdehnen. Damit steht dann ein universelles Kartensystem zur Verfügung.

München als Feldversuch

Erste Erkenntnisse und Erfahrungen sammeln seit dem vergangenen Jahr in einem Feldversuch drei Münchner Banken zusammen mit zwei großen Bekleidungshäusern sowie eine Reihe von Tankstellen mit der Nixdorf Computer AG. Auf der Grundlage von 300 000 EC-Karten in München und bei über 50 installierten Geldausgabeautomaten testen die Beteiligten erstmals die Akzeptanz dieser neuen Zahlungsform bei der Kundschaft. Wichtige Erkenntnisse liegen bereits vor, die bei den nächsten Tests in Berlin (Ende 1984) und in Frankfurt (Frühjahr 1985) bereits berücksichtigt werden können.

Der Feldversuch in München wurde zunächst als Offline-Konzept realisiert, da bei Testbeginn noch keine Autorisierungszentrale zur Verfügung stand. Die elektronischen Zahlungsvorgänge (Transaktionen) werden auf Disketten in Nixdorf-Datenkassen 8812 aufgezeichnet und täglich bei der Hausbank zur Verbuchung eingereicht. Die Sperrliste über gesperrte EC-Karten wird von den Banken auf Diskette zur Verfügung gestellt und in die Kassen geladen. Im nächsten Jahr soll der Feldversuch in München auf Online-Autorisierung umgestellt werden.

Weitere Testziele haben sich die Beteiligten an den Pilotprojekten gestellt: Neben der Prüfung der Akzeptanz durch den, Kunden, vor allem Kosten/Nutzen-Analyse zwischen Handel und Geldinstituten, Valutierung, Definierung und Optimierung des technischen Ablaufs. Dazu kommen Erarbeitung rechtlicher Grundlagen und Bestimmung der erforderlichen Sperrdateien.

Mit einer weitaus größeren Beteiligung soll 1985 im Rhein-Main-Gebiet (Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt und Bad Homburg) ein großangelegter Flächentest in Online-Technik starten. Die GZS, ein Gemeinschaftsunternehmen der Kreditwirtschaft, rechnet mit 500 bis 700 Terminals der teilnehmenden Handels- und Dienstleistungsunternehmen.

Positive Erfahrungen

Die Möglichkeit, den Zahlungsverkehr rationeller zu gestalten, sehen vor allem Geldinstitute schon heute.

Die Vorteile von POS-Systemen untersuchen auch die Spitzenverbände des Handels, über das "Wann" und "Wie" wird allerdings kontrovers diskutiert. Strittig sind die alles entscheidenden Fragen nach Verteilung von Kosten und Nutzen für die technischen Geräte, für Datenübertragung und -verarbeitung. Sicherlich positiv macht sich bemerkbar, daß die notwendigen Investitionskosten für Hardware in den letzten Jahren eindeutig gefallen sind. Dagegen zeigt die Gebührenpolitik der Bundespost einen steigenden Trend.

Berechnungen der Kreditwirtschaft besagen, daß unter Einschluß aller Kosten ein großes Handelsunternehmen etwa 10 bis 20 Pfennig pro Transaktion zu zahlen hat. Diesen Kosten müssen die betriebswirtschaftlichen Einsparungsmöglichkeiten vom Inkasso bis zum Erscheinen auf dem Geschäftskonto - bis heute kaum quantifiziert - gegenübergestellt werden. Einzelfaktoren sind: Verkürzte Kassier- und Abrechnungszeit, Zusammenstellen des Bargelds und Plazierung bei der Bank, interne Verbuchungskosten, Prüfen des Bankauszugs, Zinsverlust und Geldschwund bis zur tatsächlichen Gutschrift.

In anderen europäischen Ländern liegen schon umfangreiche Erfahrungen mit POS-Systemen vor. In Norwegen haben Banken, Mineralölgesellschaften und Supermärkte ein elektronisches Abrechnungssystem mit Nixdorf-Kassen realisiert, das demnächst landesweit in Betrieb gehen soll. Die beteiligten Kreditinstitute zeichnen für den Entwicklungsaufwand verantwortlich, die Investitionskosten trägt das jeweils beteiligte Unternehmen. In Spanien haben beispielsweise die regional tätigen Sparkassen von Navarra und-Madrid Einzelhändlern POS-Systeme zur Verfügung gestellt. Die Handelsunternehmen und Einzelhandelsgeschäfte zahlen als Teilnehmer des elektronischen Abrechnungsverbundes eine Mitgliedsgebühr - eine Art Leasingrate. Nachteil: Die Banken legen bei diesem Verfahren fest, welche Zahlungsmittel der Handel zu akzeptieren hat. Weitere Beispiele für POS-Systeme aus Frankreich, Belgien, Österreich ließen sich anführen. Als länderübergreifendes Resümee läßt sich ziehen, daß Handel und Banken zusammen an Lösungen arbeiten, um die Vorteile des elektronischen Zahlungsverkehrs gemeinsam zu nutzen.

Banking-POS wird das Bargeld in diesem Jahrhundert nicht verdrängen. Das "elektronische Geld" kann aber schon bald den Spielraum von Kreditkarten einschränken. Der Erfolg wird ganz entscheidend davon abhängen, inwieweit Kreditinstitute und Handel beim Kunden dieses "Geld der Zukunft" vermarkten können.