Kritik an der Kritik der Datenverarbeitung

31.07.1981

Prof. Dr. Peter Mertens

Informatik-Forchungsgruppe VIII, Universität Erlangen-Nürnberg

Eine Verlagerung der "Arbeit der Geldbewegungen" auf das Bankgewerbe ist durchaus sinnvoll, weil dort technische Kapazitäten für den Zahlungsverkehr aufgebaut sind, wobei die Zusatzlast mit relativ wenig Zusatzkosten verkraftet werden kann. Die überwiegende Zahl derjenigen Bürger, die überhaupt Zahlungen an die Finanzkasse zu leisten haben, werden bereits vor der Schließung der Barkassen am bargeldlosen Zahlungsverkehr teilgenommen haben. Für die Mehrzahl der Arbeitnehmer mit relativ unkomplizierten steuerlichen Verhältnissen werden die Abgaben vom Arbeitgeber abgeführt.

Bürger profitiert

Es ist falsch, anzunehmen, daß der Bürger "als Bankkunde das zu zahlen hat, was die Steuerverwaltung verlagert". Denn Kosten und Kostensteigerungen bei der öffentlichen Verwaltung finanziert der Bürger als Steuerzahler allemal, so daß er an Rationalisierungsmaßnahmen schon von daher interessiert sein muß. Wegen der oben angedeuteten Kapazitätsbedingungen und Rationalisierungseffekte ist anzunehmen, daß der Bürger per Saldo finanziell profitiert, ganz abgesehen davon, daß er sich Wege und bei Benutzung des Dauerauftrags- oder Lastschriftverfahrens auch Mahnungen erspart.

Und es ist irreführend, zu behaupten, daß das Bankeinzugsverfahren ,,den Steuerzahler letztlich vor vollendete Zahlungen stellt": Der Steuerzahler hat die völlig freie Wahl zwischen der Individualüberweisung, dem Dauerauftrag und dem Lastschriftverfahren. Wenn er sich "vor vollendete Zahlungen gestellt fühlt", muß er eben auf den - nicht unbeachtlichen - Komfort des Lastschriftverfahrens verzichten und einen anderen Weg wählen.

Ich halte es für problematisch, im gegebenen Zusammenhang uneingeschränkt von "Privatisierung" zu sprechen, denn am gesamten innerdeutschen bargeldlosen Zahlungsverkehr haben Kreditbanken, gemessen an der Zahl der Zahlungsaufträge, nur einen Anteil von zirka 17 Prozent. Addiert man den Anteil der Genossenschaftsbanken von zirka 14 Prozent hinzu, so repräsentieren Banken mit überwiegend privater Trägerschaft einen Marktanteil von lediglich zirka 31 Prozent [2]. 3. Es werden der modernen Informationsverarbeitung Nachteile zugerechnet, die andere, meist tiefergehende Ursachen haben. Beispielsweise haben viele Gesetze im Wohlfahrtsstaat zur Voraussetzung, daß Behörden detaillierte Daten über den Empfänger von Sozialleistungen (Einkommen aus verschiedenen Quellen, Ersparnisse, Einkommen von Angehörigen, Wohnungsgröße, gesundheitliche Beeinträchtigungen etc.) kennen und bei ihren Berechnungen verwenden. Der Wohlfahrtsstaat ist "datenhungrig". Daraus ergeben sich Datenschutzprobleme, die aber nicht der elektronischen Datenverarbeitung angelastet werden dürfen, sondern ihren Ursprung in den verstärkten Staatseingriffen in die Lebensführung des einzelnen haben. Ebenso dürfen Auswüchse von Fragebogenaktionen nicht in Datenschutzprobleme, die von der EDV ausgelöst wären, umstilisiert werden.

Zahlreiche Folgen der Gesetzgebung wären ohne leistungsfähige EDV überhaupt nicht beherrschbar, mit Datenverarbeitung sind sie es oft mehr schlecht als recht. Die Änderungshektik bei Gesetzen und Vorschriften auf dem Gebiet der Energieversorgung zum Beispiel führt dazu, daß die Abrechnungsprogramme in den Energieversorgungs-Unternehmen immer wieder geändert werden und daß die ausgegebenen Rechnungen sehr viele Details enthalten müssen. Abbildung 1 faßt skizzenartig ein Beispiel zusammen. Für diese Änderungshektik ist die politische Führung verantwortlich. Es muß gerade auf die EDV-Spezialisten, die versuchen, die gesetzgeberischen Auflagen mit ihren Instrumenten so gut wie möglich zu erfüllen, wie Hohn wirken, wenn schließlich der aufgrund seiner Richtlinienkompetenz auch für diese Entwicklung im Gesetzgebungsprozeß verantwortliche Bundeskanzler beklagt, daß er seine Stromabrechnung nicht mehr lesen könne 4. Es fehlen eine gewisse Toleranz gegenüber Anfangsschwierigkeiten bei der Einführung neuer Systeme und die Geduld, einen Lernprozeß abzuwarten. 5. Grundtenor der Wirkungsforscher ist ein ausgesprochener Technik-Pessimismus. F. R. Güntsch, einem leitenden Beamten des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, ist zuzustimmen, wenn er schreibt: "Wo also bleiben die Stimmen derer, die überzeugt sind, daß die Probleme auch mit einer Vorwärtsstrategie zu lösen sind", oder: "Die Literatur ist hier alles andere als ausgewogen." 6. Die Kritik hinterläßt zuweilen den Eindruck von Beckmesserei. Als Beispiel diene eine Kritik von H. J. Weihe an dem System "Start" zur Unterstützung von Reisebüros:

Weihe schreibt: "Die Etablierung neuer Quasi-Monopole faktisch-technischer Natur macht das Angebot für den normalen und uninformierten Kunden noch undurchschaubarer und unvergleichbarer. Die Überzeugungskraft eines "Computer-Outprints" und die Bequemlichkeit, alle Reisedokumente sofort in Empfang nehmen zu können, wird die Kritikfähigkeit des Konsumenten herabsetzen. Insgesamt ist zu fürchten, daß die scheinbare Objektivierung des Angebots eher eine Kanalisierung und Manipulation des Kunden begünstigt." 7. Die Kritik wirkt emotional und übertreibt maßlos. Als Beispiel sei eine Meinung wiedergegeben" die der 2. Landesvorsitzende des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte in Bayern, R. Gutmann, 1978 im offiziellen Organ dieses Verbandes vertreten hat. Ermeint,

- daß der Computer einen weiteren. Schritt zur perfektionierten Freiheitseinengung des zahnärztlichen Berufsstandes bedeute;

- daß er eine berufs-, menschen- und freiheitsfeindliche Maschine sei;

- daß bei einer Rationalisierung der Zahnarztpraxis über die jetzt erreichten Grenzen hinaus eine brutale Vermarktung und Versklavung der Körperlichen, insbesondere aber der geistigen und psychischen Kräfte beginne.

[1] Brinckmann, H., Rationalisierung der öffentlichen Verwaltung durch Einsatz der DV, in: Hansen, H. R; u. a. (Hrsg.), Mensch und Computer, München-Wien 1979, S. 109 ff., hier S. 117 ff.

[2] Bank for International Settlements (Hrsg.), Payment Systems in 11 developed countries, Basel 1980, S. 146.

[3] Güntsch, F., Kritischer Zweckpessimismus zuwenig- sensible Durchsetzungsstrategie zwingend. COMPUTERWOCHE v. 18. 4. 1980, S. 6

[4] Weihe, H. J., Wettbewerbspolitische Konsequenzen der Klassierung von Datenspeicher- und Datenverarbeitungskapazitäten, in: Hansen. H. R. u. a. (Hrsg.). Mensch und Computer München-Wien 1979, S. 207 ff

[5] Gutmann, R., Inhumanes System Der freie Zahnarz, Nr. 4/1978, S. 90 ff.

Daß auch von Kritikern Toleranz zu fordern sei, daß von Wissenschaftlern Ausgewogenheit zu erwarten wäre, daß manche Kritikaster durch Beckmesserei (Duden: kleinliches Tadeln) zu imponieren versuchen und maßlose Übertreibung die Kritiker der Datenverarbeitung lächerlich macht, moniert Professor Peter Mertens von der Universität Erlangen-Nürnberg in diesem Gastkommentar. Da auch Kritik an den Kritikern wichtig zu nehmen ist, erscheint seine Abhandlung zweimal an dieser Stelle. Der erste Teil stand in der letzten Nummer zu lesen.