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Krise der Münchner Linux-Migration war PR-Stunt

31.03.2006
Eine geschickt lancierte Anfrage der Grünen-Fraktion im Rathaus lenkte die Aufmerksamkeit der Presse auf die Kampagne gegen Softwarepatente.
Florian Müller verknüpfte die von ihm initiierte Kampagne NoSoftwarePatents mit der Migration Münchens auf Linux.
Florian Müller verknüpfte die von ihm initiierte Kampagne NoSoftwarePatents mit der Migration Münchens auf Linux.

Im August 2004 gab es ausgesprochen negative Schlagzeilen für Linux. Die Stadt München stoppte eine wichtige Maßnahme ihrer geplanten Migration von Windows auf Linux, die weltweit für Aufsehen sorgte. Es bedurfte eines anwaltlichen Gutachtens, das darlegte, dass die Aussichten, patentrechtliche Schwierigkeiten zu bekommen, bei Linux und anderen Open-Source-Produkten nicht größer seien als bei anderer Software. Oberbürgermeister Christian Ude konnte an seiner erklärten Absicht festhalten, die Migration durchzuziehen. Sie läuft seither weiter, aber mit Verzögerungen.

Jetzt ist bekannt geworden, wie es zur Krise des Projekts "Limux" kam. Es steht in einem vorab veröffentlichten Kapitel aus einem Buch von Florian Müller, das demnächst erscheinen wird: "Die Lobbyschlacht um Softwarepatente". Müller berichtet, dass er im Sommer 2004 in größten Schwierigkeiten war, für die von ihm maßgeblich initiierte Kampagne gegen die geplante Patentrichtlinie der EU genügend öffentliche Aufmerksamkeit und damit politische Kraft zu bekommen. "Eine richtige Krise musste her, und zwar sofort."

Er fand Hilfe bei der Fraktion der Grünen im Münchner Stadtrat. Diese stellte eine offizielle Anfrage an Ude, ob Patente die geplante Linux-Migration gefährden könnten. Wilhelm Hoegner, Leiter des Amts für Datenverarbeitung der Stadt München, reagierte mit einer E-Mail auf einer Mailing-Liste des Limux-Projekts. Darin hieß es unter anderem: "Aufgrund der zu prüfenden Fragen wurde die eigentlich für Ende Juli geplante Ausschreibung des Limux-Basis-Clients gestoppt. Zunächst wird die Verwaltung die rechtlichen und finanziellen Risiken versuchen abzuschätzen, bevor das Verfahren weitergeht."

Müller verbreitete am nächsten Morgen eine Pressemitteilung mit dem Titel "EU-Softwarepatente: München legt Linux-Projekt auf Eis". Darin hieß es ferner: "Die Entscheidung der Stadt München sollte alle Alarmsirenen in der Bundesregierung schrillen lassen. Das Bundesinnenministerium empfiehlt allen öffentlichen Verwaltungen den Umstieg auf Linux, und das Bundesjustizministerium macht das Ganze zu einer Fehlentscheidung, die Milliarden von Euro kosten kann."

Müller hatte seine Krise: Die Münchner Linux-Migration hatte in der Presse schon große Aufmerksamkeit gefunden; mit ihr hatte Müller seine Kampagne gegen Softwarepatente erfolgreich verknüpft. Außer dem Stopp der Linux-Migration kam die Frage der Softwarepatente in die Schlagzeilen.

Doch es hagelte auch Kritik am Vorgehen Müllers. So kritisierten Open-Source-Aktivisten, er habe eine wichtige Referenzinstallation für Linux in Gefahr gebracht. Das kurzzeitige Zurückzucken der Münchner IT-Verantwortlichen habe Bedenken gegen Linux Nahrung gegeben. Insgesamt sei Firmen, deren Geschäft Open Source ist, in München und anderswo Schaden zugefügt worden. Müller habe also unverantwortlich gehandelt, um für sein Anliegen Aufmerksamkeit zu gewinnen.

In seinem Buch verteidigt Müller seine Aktivitäten. Unter anderem erklärt er: "In gewisser Weise war die Aufregung um Limux ein Sturm im Wasserglas, da die Stadt München ihr Migrationsprojekt fortsetzte, aber der Durchbruch in den Medien hatte nachhaltige Auswirkungen auf die Debatte über Softwarepatente." Andere meinen, Müller sei nur knapp dem zweifelhaften Verdienst entgangen, das Limux-Projekt zu Fall gebracht zu haben. Zu seinem Glück hat München mit Christian Ude einen Oberbürgermeister, der sich nicht von seinem Entschluss abbringen ließ, die Linux-Migration durchzuführen. Das hatte zuvor nicht einmal Microsoft-Boss Steve Ballmer mit einem persönlichen Besuch bei Ude geschafft. (ls)