Gründer vor der Wahl

Kopie oder Innovation?

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er hat sich neben Energiethemen vor allem auf den Bereich Informationstechnologie im Bankensektor spezialisiert.
Auf den ersten Blick scheint es für Gründer leichter zu sein, Investorenkapital für ein Geschäftsmodell zu erhalten, das sich anderswo schon bewährt hat. Statt nachzuahmen kann es sich aber auch lohnen, eigene Ideen zu verfolgen.
Kopie oder Original - manchmal lohnt sich doch die Arbeit, eine eigene Idee umzusetzen.
Kopie oder Original - manchmal lohnt sich doch die Arbeit, eine eigene Idee umzusetzen.
Foto: OutdoorPhoto/Fotolia.com

Klon oder Original? Beide Ansätze bergen Chancen, weisen aber auch Risiken auf. Offensichtlich ist, dass IT-Startups mit innovativen Technologien und Plattformen heute gute Chancen haben, binnen kurzer Zeit den Weltmarkt zu erreichen. Dafür brauchen sie allerdings ein gutes Geschäftsmodell, Ausdauer und Experimentierfreude.

Günstige Hosting-Dienste erleichtern Start

Chancen ergeben sich beispielsweise durch günstige Hosting-Dienste wie etwa Amazon Web Services. Eine große Auswahl an kostengünstigen Verbreitungskanälen steht bereit - beispielsweise die App Stores für die Apple- und die Android-Welt, zu denen sich bald um Windows 8 eine weitere Alternative eröffnen wird. So gesehen können Startups heute mit vergleichsweise geringem Aufwand einiges in der IT- beziehungsweise Internet-Branche bewegen. Dennoch bleibt die Marktauslese hart. Dehalb fragt sich mancher Jungunternehmer, ob er lieber ein bewährtes Geschäftsmodell kopieren oder etwas ganz Neues anfangen soll.

Die Diskussion wird durchaus emotional und kontrovers geführt. In Berlin gibt es sogar die "Anti-Copycat-Revolution", die ein innovatives Gründerklima in Berlin und in Europa zum Ziel hat. Wer dahintersteckt, lässt sich auf einer Internet-Landkarte nachvollziehen. Hendrik Brandis, Managing Partner bei Earlybird Venture Capital, sieht auch wirtschaftlichen Sinn darin, nicht zu kopieren, sondern zu erfinden: "Unserer Meinung nach täuscht der Eindruck, dass Copycats in Deutschland erfolgreicher sind als die Originale." Das Gegenteil sei der Fall. Gemessen am Unternehmenswert, seien Originale hierzulande deutlich erfolgreicher.

Der Experte verdeutlicht dies an den Erfolgsbeispielen Interhyp (Baudarlehen im Netz) und Tipp 24 (Wettanbieter), die bei Weiterverkäufen deutlich höher bewertet worden seien als bekannte Copycats wie etwa StudiVZ oder brands4friends. Der Haken: Rund um eine gute Idee ein Unternehmen zu gründen ist aufwendig und mit hohen Risiken behaftet.

Hendrik Brandes: Managing Partner bei Earlybird Venture Capital: "Unserer Meinung nach täuscht der Eindruck, dass Copycats in Deutschland erfolgreicher sind als die Orignale."
Hendrik Brandes: Managing Partner bei Earlybird Venture Capital: "Unserer Meinung nach täuscht der Eindruck, dass Copycats in Deutschland erfolgreicher sind als die Orignale."
Foto: Earlybird Venture Capital

"Entscheidend ist der Innovationsgrad. Man sollte nicht nur die evolutionäre Verbesserung einer bereits bekannten Geschäftsidee in petto haben, sondern eine neue Technik oder ein neues Geschäftsmodell", so Brandis weiter. Das entscheidende Kriterium seien hohe Eintrittsbarrieren für Wettbewerber. "Das Management-Team und die Größe des Markts sind wichtig", so Brandis weiter.

Woran Gründer denken sollten

Pro-Argumente für Copycats

Die Übernahme eines existierenden Geschäftsmodells bietet im Wesentlichen drei Vorteile.

1. Absicherung durch ein scheinbar funktionierendes Geschäftsmodell;

2. ein klarer Aktionsplan für die Umsetzung, was die Fehlerquote reduzieren und die Geschwindigkeit in der Umsetzung erhöhen kann;

3. einfachere Finanzierung einschließlich von Exit-Optionen.

Konzeptionelle Hürden: Erstens sind die Vorbilder häufig nicht eins zu eins auf den deutschen Markt übertragbar. Zweitens besteht die Gefahr einer nachhaltigen Innovationsschwäche. Diese wird im Wettbewerb spätestens mittelfristig zum Problem. Und drittens besteht die Gefahr von Verletzungen der geistigen Eigentumsrechte mit oftmals gravierenden Konsequenzen.

Pro-Argumente für Originale

- Die Umsetzung eines neuen Geschäftsmodells ist besonders dann sinnvoll, wenn sich dadurch eine nachhaltig beherrschende Position im Markt erzielen lässt. Das kann sowohl durch das Besetzen einer Nische als auch durch Skalen- und Netzvorteile in größeren Märkten geschehen.

- Zudem ist ein neues Geschäftsmodell nötig, wenn kein Vorbild existiert oder wenn dieses zum Beispiel wegen exklusiven Zugriffs auf Ressourcen nicht kopiert werden kann. Gerade bei der ersten Variante kann man den Neuheitsgrad der eigenen Idee jedoch überschätzen. Die fehlende Differenzierung führt dann geradewegs in die Erfolglosigkeit.

Quelle: Capgemini Consulting

Dass das Gros der hiesigen Startups auf mehr oder minder abgewandelte Vorbilder baut, sieht Oliver Schön, Principal Consultant bei Capgemini Consulting, in deutschen Marktgegebenheiten begründet. Erstens sei das originäre Risikokapital bis dato limitiert, die Geldgeber agierten auch nicht besonders mutig. Und zweitens gebe es nicht genügend erfahrene Unternehmensgründer, denen man aufgrund ihres Lebenslaufs einen großen unternehmerischen Wurf zutraue, so Schön weiter.

An der Innovationsbörse heiß gehandelt sind derzeit Trends wie lokale Dienste, Couponing, Social Commerce und Travel. Gerade die Reisebranche ist durch starke US-Vorbilder geprägt. Copycats haben hier ebenso gute Chancen wie Senkrechtstarter, die eine neue Idee verwirklichen wollen.

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