Wer hat Angst vor Fintechs?

Kooperation statt Konfrontation heißt es für Banken

Steffen Lorenz arbeitet als Principal Consultant für die Software AG Deutschland GmbH. Als Diplom-Wirtschaftsinformatiker beobachtet und bewertet er aktuelle Wirtschaftstrends, individuelle Kundenanforderungen und neueste Technologien.
Als Experte schreibt Steffen Lorenz über Lösungsstrategien zur erfolgreichen Transformation in Richtung Digitales Unternehmen.

Junge Start-up-Unternehmen mit Geschäftsmodellen im Bereich Financial Services (Fintechs) erleben derzeit eine Popularität wie es sie seit dem Dotcom-Hype der Jahrtausendwende nicht mehr gegeben hat. Schon werden erste Abgesänge auf die gesamte Banken- und Versicherungsbranche angestimmt. Für Banken und Versicherungen ergeben sich nun unterschiedliche Strategien für den Umgang mit den vermeintlich neuen Konkurrenten.

Fast scheint es, als würden Fintechs derzeit wie Pilze aus dem Boden sprießen. Kaum ein Tag vergeht ohne Meldungen über Neu- oder Ausgründungen, erfolgreiche neue Finanzierungsrunden für Start-Ups oder Übernahmen durch etablierte Unternehmen. Kaum eine Konferenz für Financial Services oder zur Digitalen Transformation, auf der nicht Sprecher aus Start-Ups ihre neuen Geschäftsmodelle präsentieren.
McKinsey führt in seiner Datenbank Panorama Fintech die Profile von mehr als 1.200 Fintechs auf der ganzen Welt.

Digitale Finanzangebote sind nicht mehr alleine das Hoheitsgebiet der Banken.
Digitale Finanzangebote sind nicht mehr alleine das Hoheitsgebiet der Banken.
Foto: vege - fotolia.com

Allein in Deutschland werden diesem Sektor deutlich über 100 Unternehmen zugerechnet. Hier ist gut erkennbar, dass sich die Fintechs in immer neuen Kernbereichen der Finanzdienstleiser positionieren: Kontoführung, Zahlungsverkehr, Sparverträge, Kredite, Versicherungen.

Für Banken und Versicherungen wächst damit die Gefahr, dass sich die Fintechs ein immer größeres Stück vom Kuchen wegschnappen und so die Existenz von Banken und Versicherungen grundlegend gefährden.

Man mag argumentieren, dass die Fintechs noch viel zu klein sind, um eine wirkliche Gefahr darzustellen. Voraussichtlich werden nur einige wenige dieser Start-Ups eine relevante Marktgröße erreichen. So meldet das Handelsblatt am 10.11.2015, dass derzeit weltweit nur rund 40 dieser Unternehmen eine Marktkapitalisierung von über 1 Milliarde Dollar haben.

Viel gefährlicher sind die großen internationalen Player wie Apple mit ApplePay oder Alibaba mit AliPay, die massiv an Angeboten für Financial Services arbeiten. Doch täuschen wir uns nicht - gefährlich sind auch die Fintechs. Sie können schnell und effizient sehr innovative Angebote für Kunden - speziell die „digital natives“, also die Kunden der Zukunft - entwickeln, weil sie keine Legacy-IT, keine starren Prozesse und kein regulatorisches Korsett haben.

Banken und Versicherungen müssen sich daher aus mehreren strategischen Optionen eine passende Strategie heraussuchen, die zu ihrer individuellen Situation passt.
Zu diesen Optionen zählen:

  1. Investition:
    Die Bank schafft ein Ökosystem, um Start-Ups zu finanzieren und zu fördern. Sie steht mit Geld, Expertise und Kundenzugängen zur Verfügung und profitiert so von der Arbeit der Fintechs. Beispiel: Main Incubator der Commerzbank

  2. Übernahme (Kauf):
    Die Bank kauft ein Fintech-Unternehmen, um es in die eigene Organisation zu integrieren. Beispiel: der Kauf der Devisenhandelsplattform 360T durch die Deutsche Börse AG.

  3. Kooperation/Partnerschaft:
    Fintech und Bank arbeiten zusammen, um schneller und besser neue Angebote an den Markt bringen zu können. Beispiel: das Angebot des Fintechs Gini wird von der Deutschen Bank und der Commerzbank genutzt, um Bezahlvorgänge für deren Kunden bequemer zu machen.

  4. Wettbewerb:
    Scheiden alle anderen Optionen aus, dann muss sich die Bank bewusst und aktiv mit eigenen Mitteln dem Wettbewerb stellen.

Für die Mehrzahl der Banken, insbesondere kleinere Häuser, ist der Kooperationsansatz der vielversprechendste. Dieser Ansatz kombiniert die leistungsstarken und bewährten Back-End-Angebote der Finanzdienstleister mit den innovativen Angeboten und Front-Ends der Fintechs. Auch die Start-up-Kultur der Fintechs kann für das eigene Unternehmen genutzt werden, um schnell neue Angebote und Lösungen zu entwickeln.

Erleichtert kann dies werden, durch eine Digitalisierungs-Plattform, welche die wesentlichen Services und IT-Systeme der Organisation kapselt und eine nahtlose Verknüpfung mit den Angeboten der Fintechs unterstützt. Eine solche Plattform sollte Systeme für neue Nutzer öffnen, Daten über System- und Organisationsgrenzen hinweg integrieren und Prozesse umfassend digitalisieren können.

Durch diese Digitalisierungs-Plattform wird die Kooperation nicht nur beschleunigt, sondern es wird auch eine Möglichkeit geschaffen, agil auf wechselnde Anforderungen zu reagieren. Denn: nicht jedes Start-up wird überleben, nicht jede Partnerschaft funktioniert und nicht jede App wird zum Erfolg. Daher muss auch einkalkuliert werden, dass es immer wieder Änderungen und Wechsel in der Kooperation geben wird. Zur Kooperation gehört auch das Scheitern. Auch dafür muss auf der technischen Seite ein Rahmen geschaffen werden, der kein starres Korsett vorgibt, sondern schnelle und häufige Wechsel erleichtert. Diese Dynamik aus den Fintechs muss sowohl in die Technik, aber auch die Kultur der Banken und Versicherungen übernommen werden, um den Kunden der Zukunft zu gewinnen. (bw)