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Kontakte knüpfen als Alien oder Astronaut - Weblin macht's möglich

15.10.2007
Auf der Internetseite von eBay hat sich eine illustre Runde versammelt. Ein Astronaut hüpft scheinbar schwerelos auf und ab, ein vierarmiger Alien kratzt sich am Kopf und ein Eisbär sondert eine Sprechblase ab: "Hi. Wo kommt ihr her?"

Hinter diesen Pixel-Figuren am Bildschirmrand verbergen sich Menschen aus Fleisch und Blut: Mit dem kostenlosen Programm Weblin können sich Nutzer auf Internet-Streifzügen von einem Alter Ego begleiten lassen und für andere Surfer sichtbar werden.

Das Konzept stammt von der Hamburger Firma Zweitgeist. Die Überlegung der Macher: Surfer, die sich ähnliche Seiten anschauen, haben auch ähnliche Interessen. Weblin ermöglicht ihnen, unabhängig von Chats oder Diskussionsforen in Kontakt zu treten - wie im richtigen Leben etwa an der Supermarktkasse oder an der Ampel. "Das Internet ist ein virtueller Raum, und wir machen das Licht an", sagt Geschäftsführerin Christine Stumpf, die 2005 mit Heiner Wolf die Firma gegründet hat. Der Bedarf ist da: Laut einer Forsa-Umfrage hat jeder fünfte Deutsche im Internet Bekanntschaften gemacht.

Weblin-Avatare versammeln sich am unteren Bildschirmrand...
Weblin-Avatare versammeln sich am unteren Bildschirmrand...

Ob Mensch, Tier oder Außerirdischer: Nutzer wählen ihre virtuelle Identität selbst aus. Alle Avatare können mittels Sprechblasen chatten, fröhlich oder böse gucken, tanzen und winken. Die Gesprächsthemen variieren - je nach Seite. Während auf Dogforum.de Vierbeiner im Mittelpunkt stehen, geht es bei Spiegel.de um die Nachrichten des Tages. Häufig stehen die Figuren auch einfach herum. "Ich hab das Programm nur nebenbei an", schreibt eine Benutzerin.

Um beim Surfen ihr virtuelles Alter Ego mitnehmen zu können, müssen Nutzer eine kostenlose Software installieren. Das Programm kontaktiert beim Besuch einer Internet-Seite den Weblin-Server und prüft, welche anderen User bereits dort aktiv sind. Deren animierten Figuren erscheinen dann. "Wir protokollieren nicht, welche Seiten unsere Nutzer sich anschauen", beruhigt Stumpf Datenschutz-Bedenken.

Damit aus dem virtuellen Gewusel handfeste Umsätze werden, plant Zweitgeist die Einspielung von Werbung. Zudem zahlen Premium-Mitglieder für besondere Funktionen und Avatare. "Das wird aber vermutlich ein kleinerer Anteil der User sein", sagt Stumpf. Von 2009 an schreibt das Unternehmen mit Weblin schwarze Zahlen, hofft die Geschäftsführerin.

Vorher will Zweitgeist vor allem die Nutzerzahlen steigern. Bisher liegen sie laut Anbieter im fünfstelligen Bereich, bis zum Jahresende sollen es 100.000 sein. Bei der Verbreitung der Software setzt Zweitgeist auf Partner wie Microsoft. Mittlerweile sind auch eine englische und eine italienische Version der Software erhältlich. Im September lernen die Avatare noch Japanisch.

Dass Weblin für einen kommerziellen Erfolg wachsen muss, meint auch Professor Armin Rott von der Universität Hamburg: "Soziale Netzwerke wie Weblin brauchen eine kritische Masse." Erst ab 100.000 Nutzern sei eine solche Plattform für die Werbevermarkter interessant. Ob diese dann tatsächlich Werbung schalten, sei schwierig zu sagen. "Die Vermarkter wünschen sich originelle Werbeformen, schrecken aber manchmal vor der aufwendigen Umsetzung zurück", erklärt der Medienökonom. Insgesamt sei der Markt für Sonderwerbeformen noch in einer Experimentierphase.

Wie Werbung auf Weblin aussehen kann, zeigt eine erste Kampagne von Adidas. Der Sportartikelhersteller lässt bereits alle 90 Minuten auf einigen Seiten sportliche Figuren über den Bildschirm laufen. "Hi everybody", grüßt etwa Joggerin Susan. Die Astronauten und Aliens bekommen kommerzielle Gesellschaft. (dpa/tc)