Interview

"Konnektivität ist wichtiger als Vollständigkeit"

15.11.1996

CW: Das diesjährige SNI-Ergebnis vor Steuern liegt um zehn Millionen Mark unter dem Vorjahreswert. Worauf führen Sie diese Tatsache zurück?

SCHULMEYER: Unter anderem wurde unser Ergebnis durch drei Faktoren beeinflußt: durch die allgemein schwierige Situation in unserer Branche, vor allem in Europa, durch den Verkauf des hochprofitablen Druckergeschäfts sowie durch das Thema Escom.

CW: Der Siemens-interne Forecast für den SNI-Gewinn lag dem Wirtschaftsmagazin "Capital" zufolge bei 331 Millionen Mark. Was veranlaßte Sie zu dieser optimistischen Einschätzung?

SCHULMEYER: Mir ist völlig unklar, woher diese Zahl kommt. Insgesamt hat Siemens-Nixdorf im abgelaufenen Geschäftsjahr weitere Fortschritte erzielt, vor allem im Vergleich zu den Mitbewerbern. Ich halte das Ergebnis für vernünftig und vertretbar.

CW: Bedauern Sie heute Ihre Investition in Escom?

SCHULMEYER: Wenn Sie eine Minderheitsbeteiligung abschreiben müssen, ruft das niemals großartige Gefühle hervor. Andererseits haben wir durch Einkaufsvorteile schon im ersten Jahr unsere Investition wieder herausholen können.

CW: Ihren eigenen Worten zufolge wollen Sie etwas vom Silicon-Valley-Spirit und mehr Experimentierfreude in SNI hineintragen. Wie meinen Sie das?

SCHULMEYER: Die Führungskräfte in großen, klassischen Unternehmen denken traditionell monolithisch. Ich bemühe mich, die Idee in das Management einzubringen, daß jede Einheit weniger auf Vollständigkeit und mehr auf Konnektivität hin konzipiert werden sollte.

CW: Wie wirkt sich das auf die Struktur des Unternehmens aus?

SCHULMEYER: Wir haben unsere Struktur dahingehend verändert, daß wir 250 kleine Einheiten gebildet haben. Um deren Konnektivität zu erreichen, haben wir eine Matrix-Organisation geschaffen, die diese Einheiten zwingt, ihre Zusammenarbeit auf mindestens zwei Dimensionen auszuweiten. Und jetzt pumpen wir via Internet soviel Information in diese Systeme, wie wir können.

CW: Was wollen Sie auf diese Weise bewirken?

SCHULMEYER: Wenn Menschen jederzeit über Informationen zu allem und jedem verfügen, regt sie das an, selbst Verbindung mit anderen herzustellen. Und das führt letztendlich zu einer Netzorganisation. In einer wissensbasierten Ökonomie stellt das einen unschätzbaren Vorteil dar. Es ist die Art und Weise, wie das Silicon Valley funktioniert.

CW: Olivetti steht zum Verkauf, und andere europäische PC-Unternehmen befinden sich zumindest teilweise bereits in den Händen ausländischer Unternehmen. Nur SNI scheint in Europa als große unabhängige PC-Company übrig zu bleiben. Aber spielt das eigentlich eine Rolle?

SCHULMEYER: Die Frage ist wieder einmal, wie wir mit dem Rest der Welt verbunden sind. Das Thema Konnektivität ist nicht auf die Company beschränkt, sondern bezieht sich auch darauf, wie SNI in ein Netz aus Partnerunternehmen eingebettet ist.

CW: Was tun Sie, um diese Verbindungen zu stärken?

SCHULMEYER: Beispielsweise haben wir das Management und sogar die Leute auf der Ebene darunter ermutigt, ihre eigenen Netze auch außerhalb des eigenen Unternehmens auszudehnen. Außerdem haben wir Pyramid keineswegs nur gekauft, um unseren Umsatz um 300 Millionen Mark zu steigern, sondern auch, um in Silicon Valley präsent zu sein und dadurch Verbindungen herzustellen.

CW: In Deutschland wird der High-Tech-Industrie oft mangelnde Innovationskraft vorgeworfen. Halten Sie diesen Vorwurf für gerechtfertigt?

SCHULMEYER: Zweifellos sind es vor allem die USA, die die Dinge beeinflussen. Es geht dabei nicht nur um die Innovation selbst, sondern auch darum, sie schnell in den Markt zu bringen und dann auszupolstern. Das technische Know-how unserer Mitarbeiter ist mindestens so gut wie das der Leute im Silicon Valley. Ein Problem haben wir nur bei der Umsetzung dieses Wissens.

CW: Woran liegt das?

SCHULMEYER: Zum Teil am Markt. Er ist ziemlich konservativ und fragmentiert. Wenn Sie eine Innovation auf den deutschen Markt bringen wollen, müssen Sie sehr kreativ sein.