Kolumne/Visionen zum Auswechseln

15.09.1995

Dieter Eckbauer

Wir haben nicht mitgezaehlt, wie viele Visionen genau von den Bossen der IT-Industrie auf dem European IT-Forum 1995 in Paris vor einem geneigten Insider-Publikum ausgebreitet wurden. Einen Visionsengpass wird es nicht geben, selbst wenn man die Doubletten abzieht. Nicht aufhalten muessen wir uns mit dem Disput darueber, welche Rolle der PC in der verkabelten Info-Welt spielen wird. Er ist laengst ein Commodity-Produkt - zu mehr wollen ihn wohl nur die PC-Monopolisten Microsoft und Intel machen. Bleiben jene Zukunftsszenarien, die demonstrativ so ueberzeugt daherkommen, dass man sich der Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden Annahmen nur schwer entziehen kann.

Die von Microsoft-Boss Bill Gates, Oracle-Chef Larry Ellison und anderen Branchengroessen vorgetragenen Thesen zur Informationsgesellschaft stimmen insofern ueberein, als sie von zwei Voraussetzungen ausgehen: Die erforderliche IT- und Kommunikations-Technik, erstens, ist da, sie muss nur noch ausgeliefert werden. Zweitens bringt diese Technik den Bewohnern von Global Village, uns allen letztlich, grossen Nutzen. Diese Aussagen koennen einer ernsthaften Pruefung nicht standhalten. Vorgefuehrt wird wieder nur, dass sich die IT-Industrie selbst zelebriert. Es wird so getan, als hinge der Erfolg allein davon ab, wie schnell und wie gut es den Anbietern gelingt, wirklich benutzerfreundliche Systeme auf den Markt zu bringen. Das Worst- case-Szenario wird auf die Akzeptanzfrage im Sinne der Gewoehnung an Neues reduziert. Beim technischen Fortschritt war das immer so, lautet die Begruendung.

Schon dieses Argument ist mit einem Schoenheitsfehler behaftet. Fruehere Generationen hatten Zeit, neue Techniken einzuueben, den Nutzen abzuwaegen - Voraussetzungen fuer Akzeptanz ohne Wenn und Aber. Beispiel Telefon: Bei der Post ging's nicht so schnell. Unter Anspielung auf den "Cyberhype", der heute etwa um das Internet veranstaltet wird, erinnert das "Wall Steet Journal" an fruehere Flops, was Vorhersagen ueber den Segen technischer Errungenschaften betrifft. Heute noch seien 90 Prozent des Telefonverkehrs in den USA lokale Gespraeche - eine Kulturrevolution mit dem Resultat weltweiter telefonischer Verbruederung habe nicht stattgefunden.

Mit solchen Einwaenden sind Cyberspace-Euphemisten indes nicht zu schrecken. Auch wird es sie kaum nachdenklich stimmen, dass das Vordringen elektronischer Medien das Problem des sekundaeren Analphabetismus mit sich bringt, wie die deutsche "Stiftung Lesen" warnt: Verdient wird im Internet - wenn ueberhaupt - sowieso nur mit Electronic Commerce - dazu muessen die Consumer lediglich bunte Ikonen-Bilder kennen. Das kann ja heiter werden. Ernst nehmen sollten die IT-Verantwortlichen jedoch das Versprechen der Industrie, die Technikzukunft sei da, sie muesse nur noch ausgeliefert werden. Das ist glatt gelogen. Noch passt bei den neuen Medien und Multimedia nicht viel zusammen, fehlen Normen und Standards. Das kommt einem irgendwie bekannt vor. Im Cyberspace nichts Neues.