Digital startet Offensive - Marktführerschaft in Europa im Visier

Kienzle und Philips sollen jetzt für DEC den Mittelstand erobern

22.11.1991

MÜNCHEN (bk) - Die Digital Equipment Corp. (DEC) Maynard, will die Nummer eins im europäischen DV-Mittelstandsmarkt werden. Nach der jetzt abgeschlossenen Übernahme der Computeraktivitäten von Philips hat fortan vor allem die Villinger Digital- Kienzle Computersysteme GmbH & Co. KG dafür zu sorgen, daß dieses hochgesteckte Ziel erreicht wird.

Das Konzept in Deutschland stand schon von der endgültigen Übernahme der Philips Information Systems Division durch den amerikanischen Minicomputer-Konzern fest. Es sieht vor, den Mittelstandsbereich von Philips in die Digital-Kienzle Computersysteme GmbH & Co. KG zu überführen, während die Digital Equipment GmbH in München das Banken- und Großkundengeschäft von Philips und den Bereich Finanzen/ Versicherungen von Digital-Kienzle übernimmt.

Mit einem Kundenstamm von nunmehr rund 2000 Banken und Jahresumsätzen von gut 1,5 Milliarden Dollar, so Jörg Rieder, Geschäftsführer der Münchner GmbH, steige Digital in diesem Markt jetzt weltweit zum zweitgrößten Anbieter hinter der IBM auf.

Ähnliche Erfolge erhofft sich das amerikanische DEC-Management nun auch von Digital-Kienzle im wachstumsträchtigen Mittelstandsgeschäft in Europa.

Mit der Digital , Equipment Enterprises (DEE) wurde eine europäische Unternehmensorganisation geschaffen, die - ausgehend von den ehemaligen Mannesmann-Kienzle-Niederlassungen - selbständig operierende Schwestergesellschaften in zunächst sechs europäischen Ländern vereint und ausschließlich für die mittelständische Klientel zuständig zeichnet.

Digital-Kienzle fällt dabei laut Geschäftsführer Hans Wolfgang Dirkmann nicht nur "der Aufbau einer effizienten, dem SME-(Small and Medium Enterprises-) Markt angepaßten Organisation" zu, in der die Villinger die Value Added Reseller (VARs) der Digital GmbH und die Philips-Mittelstands-Aktivitäten zusammenfaßt, sondern auch die Belieferung der europäischen Schwestern mit Produkten.

Die vom US-Konzern vorgegebenen Ziele sind deutlich. Dirkmann: "Wir haben den klaren Auftrag, Marktführer zu werden - Digital-Kienzle in Deutschland, DEE in den einzelnen Ländern." Dennoch soll nichts überstürzt werden. Kommen die Villinger im hiesigen Mittelstandsgeschäft zusammen mit den Philips- und den VAR-Aktivitäten der Münchner GmbH derzeit auf einen Marktanteil von zwölf Prozent (Platz drei nach IBM und Siemens-Nixdorf), so haben sie bis 1994 rund 15 Prozent im Visier. In Europa soll bis 1995 einen Marktanteil von zehn Prozent erreicht werden.

Darüber hinaus streben die Villinger, deren Personalbestand sich mit den Philips-Mitarbeitern nun auf rund 3280 Beschäftigte beläuft (32 Philips-Bankspezialisten und zirka 105 Digital-Kienzle-Banker gehen zur Münchner Schwester), möglichst bald den Sprung in die Gewinnzone an. Für das Rumpfgeschäftsjahr (30. Juni) mußte Digital-Kienzle bei einem Umsatz von 355 Millionen Mark zwar noch ein rotgefärbtes Bertriebsergebnis hinnehmen - eine konkrete Zahl wollte Dirkmann nicht nennen -, doch bewege man sich "kräftig auf die schwarzen Zahlen" zu. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet der Digital-Kienzle-Geschäftsführer mit einem Umsatz von rund 800 Millionen Mark, zumal das erste Quartal mit Einnahmen von 165 Millionen Mark vielversprechend gelaufen sei.

Vorerst aber gilt es, die neuerliche Umstrukturierung gut über die Bühne zu bringen, die neuen Mitarbeiter zu integrieren, mit den hinzugekommenen Philips-Produkten klar zu kommen, deren weitere Lieferung vorerst durch ein einjähriges Abkommen mit den Niederländern gesichert ist, und die mit der Digital GmbH getroffene Zuteilung der Verantwortungsbereiche zu realisieren. Dirkmann: "Wir haben mit unserer Münchner Schwester das gesamte Kundenspektrum in den Bereichen öffentliche Hand, Banken, Großhandel und Fertigung überarbeitet und genau festgelegt, wer künftig von wem zu betreuen ist."

Daß es anfangs trotzdem hier und da zu Problemen bei der Zuständigkeit kommen kann, ist Jörg Rieder bewußt: "Es ist durchaus möglich, daß wir in dem einen oder anderen Fall, zum Beispiel im Bankenbereich, Rechner und Support von Digital-Kienzle liefern müssen. Nur - unser ausgearbeitetes Konzept spricht nicht gegen eine Zusammenarbeit der beiden Häuser." In einem Projekt, so Rieder weiter, das Kompetenzen aus beiden Unternehmen fordere, werde die eine Schwesterfirma die andere künftig einbinden.

Für das deutsche DEC-Dreiergespann - neben Digital-Kienzle und der Digital GmbH gehört auch noch die Digital Equipment International GmbH dazu, die in Kaufbeuren Speichersysteme produziert-, stehen somit hierzulande alle Zeichen auf Expansion. Gemeinsam, so hofft Rieder, werde man im laufenden Geschäftsjahr auf einen Umsatz von 3,5 Milliarden Mark kommen. Die Gesamtbelegschaft zählt rund 8600 Mitarbeiter, davon stehen mehr als die Hälfte - rund 4860 - auf der Gehaltsliste der Münchner GmbH.

Neben den Mitarbeitern aus dem Bankbereich von Philips und Digital-Kienzle übernimmt die Vertriebsgesellschaft entgegen der ursprünglichen Vereinbarung mit Philips auch noch drei Entwicklungsgruppen des PKI-Werkes Siegen-Eiserfeld. Dabei handelt es sich um 59 Mitarbeiter, die sich mit Kommunikationsnetzwerken, Multimedia-Software und Workstations beschäftigen.