Novitäten aus dem Computermuseum:

Kennen Sie den Röllchen-Speicher?

11.11.1977

MÜNCHEN (cw) - Unser Blick ins Computermuseum (CW 43, "Erfinder, Spinner, Pioniere und Museumsstücke") hat Folgen gehabt: Leserbriefe (wir drucken sie hier ab), Anrufe, Gespräche, Anregungen. So wissen wir erst jetzt, daß es in Hamburg ein Rechenzentrum gibt, das mit drei inzwischen einigermaßen betagten und ein wenig umgebauten Zuse-Rechnern erfolgreichen Kunden-Service betreibt. Und daß bei Leitz in Wetzlar eine Zuse-Anlage immer noch hilft, die optimale Leica-Optik zu berechnen. Wir haben über den ersten in Serie gebauten Kleincomputer der Welt, die Siemag Dataquick, berichtet und gemutmaßt, daß einige der 1957 (!) gebauten Maschinen um 1969 noch liefen. Hermann Stähler, alter Siemag-Chef und heute Philips-Geschäftsführer, klärte uns auf, daß irgendwo im Pfälzischen noch immer eine Dataquick läuft und läuft und läuft. Wir wollen uns das demnächst mal ansehen und darüber berichten.

Auch das noch: Wissen Sie, was ein Röllchenspeicher ist?

Wir wußten es bisher auch nicht. Aber bei Facit in Düsseldorf kann man das in den fünfziger Jahren entstandene Speicher-Kuriosum besichtigen. Denn Facit, heute mehr im Büromaschinen- und OBM-Geschäft engagiert, hat tatsächlich einmal einen recht ansehnlichen Computer entwickelt, aber nie in Serie gebaut, der eben diesen Röllchenspeicher hat: eine ganze Sammlung von Mini-Magnetbandrollen, die auf einer Drehscheibe angebracht sind und seriell einer Lese/Schreib-Vorrichtung zugeführt werden: ein Stück Computergeschichte fürs Museum. Warum nicht fürs "Deutsche" in München?

Das waren frühe Datenspeicher: die Informationen wurden verschlüsselt mit verschieden langen, geknoteten, verschiedenfarbigen Schnüren. Das Kerbholz der Krämer und Gastwirte hat als Vorläufer der Datenspeicher ja hierzulande sprichwörtlich Geschichte gemacht.

Daß auch Löcher, systematisch angeordnet, Information enthalten können, weiß man seit den Tagen des Herrn Jaquard in Frankreich. Er erfand die Lochkarten/ Streifentechnik zur Steuerung von Webstühlen (1784 - 1808), aber auch er hatte bereits Vorgänger. Löcher in Papierstreifen steuerten forthin Orchestrions, vorwiegend im vorigen Jahrhundert in Österreich gebaut. Ein österreichischer Auswanderersohn erfand in USA - nach dem "Tonband"-Vorbild - die Lochkarte: H. Hollerith. Die Lochkarte machte IBM groß. Ihre Kombination mit elektronischen Rechnern - eine Sprick in Flensburg - führte zu DV-Anlagen, wie sie in den letzten 20 Jahren marktbestimmend waren. Hier gibt es - wie man auf der Isarinsel sehen kann - auch die ersten und inzwischen ein Jahrhundert alten Bezüge zur Nachrichtentechnik: zum lochstreifengesteuerten Morsegerät, zum Fernschreiber. Löcher machten Computergeschichte.

Löcher in Papierstreifen in Verbindung mit der Pneumatik waren vor rund 50 Jahren bereits aber auch die Basis der ersten Textverarbeitungssysteme, damals allerdings wie bis in die sechziger Jahre hinein schlicht Schreibautomaten genannt. Rechnen und Schreiben - das weiß von alters her ein jedes Schulkind - gehören zusammen, werden sozusagen von der gleichen CPU, dem Gehirn, gesteuert, das auch die dazu nötigen Daten beziehungsweise "Textbausteine" speichert. Unter den neuen Aspekten der Informationsverarbeitung wird das heute technisch nachvollzogen. Doch als weiland der Peter Mitterhofer aus Partschins um 1865/66 dem kaiserlichen Hof zu Wien seinen hölzernen Prototypen einer Typenhebelschreibmaschine vorstellte, dachte man noch nicht an Computer.

Das Mitterhof-Prinzip blieb nicht allein. Es gab Dutzende von Systemen, darunter, wie unsere Bilder zeigen, ausgemachte Kuriositäten - zum Beispiel die Schreibkugel (Mignon/AEG und andere). Der IBM-Kugelkopf, in neuerer Zeit jahrzehntelang die Alternative zum Typenhebel, entstand in der Grundidee zur Zeit unserer Großväter. Doch eben er ist auch zu einem der wichtigsten Schreibwerke für Blattschreiber, Kleincomputer und Terminals geworden, bis der Matrix-/Nadeldrucker kam. Und der ist ein Kind unserer Zeit: die Entwicklung begann 1958 in den USA. Ebenmit Magnetbandspeicher war der MARK III von Aiken, Anno 1950. Die erste Magnetplatte dagegen ließ noch so alt oder jung sind die in der Datenverarbeitung hier und da verwendeten elektrochemischen und elektrostatischen, Druckverfahren. Ein wenig älter sind die Zeilendrucker: Start 1953. Über die Geschichte der Schreibmaschinen bis zum Schreibautomaten kann man sich im Deutschen Museum in der Abteilung Schreiben & Drucktechnik informieren - wie sich heute herausstellt, eine gar nicht so abwegige Kombination.

Die letzte Jahreszahl, die wir nannten, war 1953. In ebenjenem Jahr geschah Ungewöhnliches: an der Moskauer Universität wurde der Computer namens BESM vorgestellt. Er verfügte über eine Magnettrommel und - man höre und staune - mangels einer schnellen Druckausgabe über COM (Computeroutput on Microfilm), zwar primitiv, aber funktionabel und erstmals in der Welt.

Informationen aus Löchern, Daten vom Kerbholz (wer denkt da nicht an mechanische Steuerbrücken und modernere Stecktafeln?) - das hatten wir schon. Die Magnettrommel auch. Das Prinzip der elektromagnetischen Aufzeichnung allerdings ist älter als Dr. Dirks. Am Anfang stand - in der Grundidee von Oberlin Smith 1888 skizziert - das 1898 dem Dänen Poulsen erteilte Telegraphon-Patent für die magnetische Schallaufzeichnung auf Draht. Der Draht wich ab 1928 dem Magnetband (Patent Dr. Pfleumer, Dresden). Der erste Computer 403 (England) war es soweit. Geradezu jugendlich ist die Diskette, die Floppy Disk. Die Entwicklung begann 1957 in den USA.

Ein Jahrzehnt später erfand der heutige IBM-Geschäftsführer Ulrich Steinhilper, damals IBM-Schreibmaschinenverkäufer, den Begriff Textverarbeitung. Der wurde von Stuttgart nach den USA exportiert und kam in den letzten Jahren als "Word processing" zurück. Blickt man in den Bildschirm, auf dem sich heute in modernen Systemen "Word processing" abspielt, hat man ein Instrument der Bild-Nachrichtentechnik vor sich, eine Braunsche Röhren, erfunden zwischen Etsch und Belt. Und hinter dem grünflimmernden Text: "Sehr geehrter Herr, und haben wir Ihr geschätztes Gestriges . . ." blickt uns das ernste Gesicht eines Mannes namens C. Babbage entgegen. Der Engländer schrieb 1837 ein Traktat: "On the Mathematical Powers of the Calculating Engine." Seine Zeitgenossen hielten Babbage für einen Phantasten. Die Wirklichkeit hat ihn überholt. So jung sind die Computer. Gehen Sie doch mal wieder ins Museum...