Kein Lichtblick für Freiberufler

18.04.2002
Von Katja Müller
Die Flaute auf dem IT-Projektmarkt trifft Freiberufler am härtesten. Sie müssen zuerst gehen, wenn die Unternehmen sparen. Neue Aufträge gibt es nur für ein geringeres Honorar.

„Der durchschnittliche Stundensatz von freiberuflichen IT-Profis ist laut unserer Umfrage nicht gefallen“, erklärt Stefan Symanek von der Gulp Information Services GmbH. Seit etwa vier Jahren erfasst der B-to-B-Dienstleister rund 88 Prozent des deutschen IT-Projektmarktes für Freiberufler.

Ein Blick auf die von Gulp vermittelten Stundensätze scheint Symaneks Meinung zu bestätigen. Danach verdienten Softwareentwickler, Trainer, Projektleiter, Administratoren und sogar Qualitätssicherungsexperten im Februar pro Stunde etwa drei bis vier Euro mehr als zum gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahres; insgesamt lag das Salär zwischen 60 und 79 Euro. Lediglich für den Berater ändere sich nichts: Er müsse sich nach wie vor mit 77 Euro zufrieden geben.

Honorarforderungen kaum durchzusetzen

Doch die Honorare haben mit der wirklichen Situation am IT-Projektmarkt nichts zu tun, behauptet Thomas Goetzfried, Geschäftsführer der gleichnamigen Aktiengesellschaft in Wiesbaden. „Allein beim Berater sind zehn Prozent weniger Gehalt realistisch“, erklärt der Diplominformatiker, der sich auf die Vermittlung von Freiberuflern für individuelle Projektdienstleistungen spezialisiert hat.

In der Tat gaben die Freiberufler bei der Gulp-Online-Analyse lediglich ihre Wunschvorstellungen zu den Honoraren an. Derzeit seien diese Forderungen aber kaum durchzusetzen: „Gegenüber meinen Kunden muss ich das verlangte Honorar erst einmal um 20 Prozent senken.“ Zwar gebe es immer noch einen Verhandlungsspielraum, der sei aber deutlich enger geworden, so der Geschäftsführer. Sogar bereits ausgehandelte Verträge blieben von dem Spardruck des Kunden nicht verschont. Goetzfried:„Oft ist es für den Freiberufler besser, den Stundensatz im laufenden Projekt zu reduzieren, als sich etwas Neues suchen zu müssen. Dort ist das Honorar nämlich noch viel niedriger.“

Die Situation am IT-Projektmarkt spitzte sich parallel zum wirtschaftlichen Abschwung in Deutschland zu. Konnten sich die Freiberufler seit Anfang 1998 vor Aufträgen kaum retten, wendete sich im September 2001 das Blatt: In den ersten zwölf Wochen des vergangenen Jahres standen laut Gulp-Analysen den selbständigen IT-Profis noch 10 535 Angebote offen, im ersten Quartal 2002 nur mehr 5783. Dazu kommt, dass Oktober und November traditionell die besten Monate im IT-Projektmarkt sind und das neue Jahr bisher in aller Regel mit einem Wachstum begonnen hat. Trotzdem erreichte der Marktindex von Januar bis März 2002 nur 55 Prozent des Vorjahresquartals.

Banken setzen mehr auf interne Mitarbeiter

Besonders hart traf es die Selbständigen, die für Kreditinstitute arbeiten. Diese zählten zu den größten Auftragsgebern für Freiberufler. Zwar gelten sie immer noch als IT-Projekt-Arbeitgeber Nummer eins, aber laut Gulp-Statistik ist ihr Marktanteil seit Februar 2001 um etwa ein Drittel auf 19,1 Prozent geschrumpft. So habe sich die Nachfrage nach Oracle-Datenbankenspezialisten im Laufe des vergangenen Jahres fast halbiert.

Eines der am stärksten betroffenen Unternehmen ist die Commerzbank, Frankfurt am Main. Laut Firmensprecher Peter Pietsch seien rückblickend „die Kosten ein wenig aus dem Ruder gelaufen“. Das Kreditinstitut kürzte daraufhin sein IT-Budget um 110 Millionen Euro und baut derzeit 3000 Stellen ab. IT-Betreuer Martin Müller musste die meisten Freiberufler nach Hause schicken und konzentriert sich seitdem auf die fest angestellten Mitarbeiter: „Die Externen kosteten uns dreimal so viel wie die Internen“.

Da im vergangenen Jahr auf einen Mitarbeiter des Hauses etwa zwei Freiberufler entfielen, bezeichnet Müller die Kürzungen als geradezu dramatisch. Immerhin 30 Prozent der selbständigen IT-Profis, die für die Bank arbeiteten, hätten sich inzwischen um eine Festanstellung im Haus beworben. Über den Zeitpunkt, wann das Kreditinstitut seine externen Aufträge aufstocken will, kann Müller nur mutmaßen. Frühstens ab 2003 sei es denkbar, neue Freiberufler für Projekte anzuwerben.

Für Goetzfried handelt es sich bei dem drastischen Einbruch allerdings eher um eine Marktbereinigung: „Die gegenwärtige Situation mit der Internet-Euphorie der vergangenen Jahre zu vergleichen, ist falsch.“ Zudem hinterfragen die Unternehmen ihre IT-Projekte: Was ist Luxus, und was brauchen wir wirklich? So setzten laut Goetzfried beispielsweise viele in der Vergangenheit auf Java-Projekte und stellen nun fest, „dass eine Excel-Tabelle auch gereicht hätte“. Zwar erhält das Software- und Beratungshaus pro Tag zirka 50 Bewerbungen von selbständigen IT-Profis; vor Jahresfrist waren es zehn bis 20. Aber Experten, die sich einem Nischengeschäft widmen, hätten nach wie vor eine Chance.

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