Kein Königsweg durch den Mobile-Dschungel

Wolfgang Miedl arbeitet Autor und Berater mit Schwerpunkt IT und Business. Daneben publiziert er auf der Website Sharepoint360.de regelmäßig rund um Microsoft SharePoint, Office und Social Collaboration.
MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der Einsatz von Personal Digital Assistents (PDAs) gewinnt auch in Unternehmen an Bedeutung. Allerdings herrscht immer noch eine nahezu unüberschaubare Vielfalt an Plattformen und Anwendungsszenarien vor. Doch erste Standards zeichnen sich ab.

Mobile Computing steht derzeit hoch im Kurs. Die IT-Industrie erhofft sich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Flaute vor allem von diesem Markt neue Impulse. Privatanwender und Unternehmen beschäftigen sich gleichermaßen mit dem Thema, wobei beim professionellen Einsatz zwei Motive im Vordergrund stehen: Einerseits erhoffen sich viele Anwender, statt Notebooks billigere Endgeräte einsetzen und ihre Kosten senken zu können. Andererseits ergeben sich durch die Handhelds eine Reihe von Möglichkeiten, um etwa Geschäftsprozesse zu vereinfachen, Lücken in der Datenerfassung zu schließen oder neue, geschäftsfördernde Anwendungsfelder zu eröffnen.

Aufbau einer mobilen Infrastruktur: Mobile Anwendungen sind in der Regel sehr individuell - wie auch die eingesetzten Geräte. Für die Infrastruktur gibt es jedoch bewährte Schemata.
Aufbau einer mobilen Infrastruktur: Mobile Anwendungen sind in der Regel sehr individuell - wie auch die eingesetzten Geräte. Für die Infrastruktur gibt es jedoch bewährte Schemata.

Die aktuellen Prognosen der Analysten sind trotz der zuletzt deutlichen Abkühlung in diesem Markt weiterhin optimistisch. So prognostiziert die IDC-Studie „Worldwide Mobile Middleware Forecast 2002-2006“ ein weltweites Marktwachstum von 227 Millionen Dollar im Jahr 2001 auf 1,7 Milliarden Dollar 2006. Vor allem für Middleware-Anbieter dürfte sich das Geschäft lohnen, denn dieses Segment soll jährlich um nahezu 50 Prozent wachsen. IDC definiert mobile Middleware als Softwareplattform, die Server- und Client-Anwendungen einschließt und bestehende Software erweitert oder Möglichkeiten für die Entwicklung neuer Anwendungen auf unterschiedlichen Geräten bietet.

Office- oder Branchenanwendungen

Der Mobile-Sektor ist unübersichtlich - zu vielfältig sind nach wie vor die möglichen Anwendungsszenarien sowie das nahezu unüberschaubare Angebot an Techniken und Lösungen. Das liegt auch daran, dass die IT-Branche es mit einer neuen Zielgruppe zu tun hat: Den meisten Waldarbeitern, Handwerkern oder Regalbestückern war der IT-Einsatz bisher fremd. Doch mit der Miniaturisierung der Geräte werden teils exotisch anmutende Projekte realisiert.

In den ersten Jahren des PDA-Booms dominierten die klassischen PIM-Anwendungen (Personal Information Manager) wie Kalender und Adressverwaltung. Der Integrationsaufwand in bestehende IT-Strukturen mit Notes oder Exchange hielt sich dabei in Grenzen, wenn Synchronisationslösungen von Herstellern wie Extended Systems oder Pumatech zum Einsatz kamen. Das Einbinden von „wilden PDAs“, die entweder als private oder Abteilungsgeräte in Unternehmen auftauchen, zählt auch heute noch zu den vorrangigen Aufgaben der IT-Abteilungen.

E-Mail wurde vielfach als Killerapplikation für mobile Endgeräte ausgemacht. Tatsächlich gehört Mail inzwischen in vielen Unternehmen zum ersten Schritt einer Mobile-Strategie. Mittelfristig geht der Trend jedoch klar zu vertikalen, branchenspezifischen Anwendungen, die in die bestehenden Geschäftssysteme integriert sind. Genau hier werden meist auch die messbaren geschäftlichen Vorteile erwartet, die die Investitionen rechtfertigen sollen. Einen interessanten Unterschied in dieser Frage hat die Giga Information Group in einer Untersuchung zwischen US-amerikanischen und europäischen Unternehmen herausgefunden: US-Unternehmen bevorzugen etwa zur Hälfte „Personal-Productivity“-Anwendungen wie E-Mail, Kalender, Adressen, die andere Hälfte setzt auf vertikale Anwendungen, selten werden beide Welten gemischt. Unter den europäischen Befragten stufte nur ein Drittel vertikale Anwendungen als wichtiger ein.

Tequila-Ausfahrer als Marktforscher

Am stärksten hat sich der Mobil-Trend bisher in der Sales-Force-Automation (SFA) bemerkbar gemacht. In ihrer Studie „Mcommerce Trends Europe 2001“ haben die Marktforscher von Datamonitor festgestellt, dass von 208 befragten Unternehmen 59 Prozent das Haupteinsatzgebiet für mobile Anwendungen im Vertrieb sehen. Im Vordergrund steht dabei, Bestellungen direkt verarbeiten zu können und Transaktionen schneller durchzuführen. Auch das mobile Abfragen von Warenbeständen und Aussagen über die Lieferbarkeit dienen der Verbesserung der Kundenbeziehungen.

Doch es geht nicht mehr nur um das Optimieren bestehender Prozesse, wie Jürgen Müller, Vice President Sales des Mobile-Middleware-Spezialisten Ianywhere erklärt. Die Sybase-Tochter, führender Anbieter bei mobilen Datenbanken, hat mit Kunden ganz neue Wege beschritten, so etwa mit dem mexikanischen Spirituosen-Hersteller Jose Cuervo. Dessen Fahrer arbeiten mit Palm-OS-basierenden Geräten von Symbol, um in den Supermärkten den Abverkauf der eigenen Tequila-Marke und den der Konkurrenten zu erfassen. Mit Hilfe seiner Ausfahrer kann Jose Cuervo nun seine eigene Marktforschung betreiben und möglicherweise schneller auf Veränderungen reagieren.

So unterschiedlich die Anwendungsszenarien derzeit sind, so vielfältig sind auch die Technologien, Plattformen und Geräte. Von industrieweiten Standards ist man jedoch noch weit entfernt. Diese Situation erschwert nicht nur den Anbietern das Verkaufen von Hardware und Software, sondern auch den Anwendern die Entscheidungsfindung - und sie führt zu Fehlentwicklungen. So hätten viele Anwender nicht verstanden, wie man mobile Applikationen entwickeln muss, meint etwa Rob Veitch von Ianywhere. Statt auf vertraute Design-Prinzipien zu bauen, seien vor allem in Europa Web-basierende oder WAP-Frontends entwickelt worden. Dieser Trend habe sich als nicht praxistauglich erwiesen und sei mittlerweile abgeflaut.

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