Kein Ende des Linux-Trends

Ludger Schmitz ist freiberuflicher IT-Journalist in Kelheim. Er ist spezialisiert auf Open Source und neue Open-Initiativen.
Die Open-Source-Gemeinde nutzt die kleiner gewordene Linuxworld zur Positionsbestimmung.

Auf den ersten Blick war das Fehlen eines Ausstellungsstandes von IBM auf der Linuxworld, die vom 15. bis 17. November in Frankfurt am Main stattfand, eine faustdicke Überraschung. Wenn eine Firma, die sich seit Ende der 90er Jahre massiv für das quelloffenen Betriebssystem stark gemacht hat und entsprechend großformatig immer auf der Konferenzmesse vertreten war, plötzlich fehlt, gibt das Anlass zu Spekulationen. Distanziert sich Big Blue gar ostentativ von Linux?

Hier lesen Sie …

  • Warum IBM und Sun nicht auf der Linuxworld waren;

  • wie Microsoft die Veranstaltung für Werbung in eigener Sache nutzte;

  • warum Oracle an einen Linux-Goldrausch glaubt;

  • welche Erfahrungen deutsche Linux-Dienstleister gemacht haben.

Branchengrößen wie IBM und Sun fehlten. Die Ausstellungsfläche nahm um 20 Prozent ab.
Branchengrößen wie IBM und Sun fehlten. Die Ausstellungsfläche nahm um 20 Prozent ab.

"Nichts wäre falscher als das", schlägt Tom Schwaller, Linux-IT-Architekt bei IBM, ob dieser Unterstellung die Hände über dem Kopf zusammen. Es gebe überhaupt keinen Grund, plötzlich einen anderen Kurs zu steuern. Das Unternehmen habe in diesem Jahr "jede Menge" zu Open-Source-Projekten beigetragen. Schwaller: "Wir haben Teile unserer Kronjuwelen verschenkt." Mit der "Websphere Application Server Community Edition" (WAS CE), die IBM noch vor Ende des Jahres bringen wird, schafft sich der Hersteller gar interne Konkurrenz zu einem strategischen kommerziellen Produkt.

Dass neben IBM auch Sun nicht mehr in Frankfurt vertreten war, interpretieren nicht einmal Vertreter von Microsoft als ein Ende des Linux-Trends. Im Gegenteil, Microsofts inzwischen beachtlich großer Stand auf der Linuxworld bestätigt, dass sich Open Source weniger denn je ignorieren lässt. Alfons Stärk, Microsofts Manager Platform Strategy, räumt gar ein: "Unsere Kunden sind hier. Die haben Fragen an uns." Und die Themen sind nach Auskunft von Stärk Interoperabilität und offene Standards. Denn Linux hat auch bei Microsoft-treuen Anwendern Fuß gefasst. Stärk: "Jetzt geht es um die Integration der Welten."

Gefragtes Fachwissen

Wie schnell Linux unverändert um sich greift, zeigt eine Meldung vom Linux Professional Institute (LPI), das mittels Prüfungen Linux-Spezialisten zertifiziert. Zur Frankfurter Kongressmesse meldete das LPI die weltweit 100000. Zertifizierung. Vor rund einem Jahr hatten erst 50000 Kandidaten die Examen bestanden. Ohne die schnelle Verbreitung des quelloffenen Systems gäbe es diesen Run auf die Qualifizierungsnachweise nicht.

Für den IDC-Analysten Dan Kusnetzky ist der Linux-Trend nur logisch: Ihm zufolge stehen die IT-Verantwortlichen überall vor der Anforderung, bessere Services zu geringeren Kosten zu liefern. Die Antworten heißen Standardisierung von Hard- und Software, Virtualisierung, Business-Integration und das Streben nach einer dynamischen IT. Und genau das lässt sich am einfachsten mit Open Source erzielen. Denn diese Systeme sind plattformunabhängig, legen Niedrigpreis-Hardware nah, setzen grundsätzlich auf offene Standards, sind nicht von Entwicklungsplänen einzelner Hersteller eingeschränkt und unterstützen seit ihrer Historie in der Apache-Nische Web-basierende Services.

Aufmerksame Anwender

Allerdings heißt das noch lange nicht, dass plötzlich ein Linux-Tsunami über die IT-Landschaften hereinbricht. Kusnetzky weiß, warum: "Erstens wird nichts repariert, was nicht kaputt ist. Zweitens wird nichts angefasst, was kaputt gehen könnte." Dafür gebe es gute Gründe. Die Anwender sollten jedoch nicht jene Argumente aus den Augen verlieren, die für Neuerungen sprechen. "Es sollte in Erwägung gezogen werden, wann und wo Open-Source-Software angebracht ist."

Für angebracht halten Anwendern Linux inzwischen nicht mehr nur für Web-gerichtete Applikationen, sondern längst auch für geschäftskritische Programme. So hat Oracle 2004 seine weltweiten Einkünfte aus Neulizenzen für Linux-Umgebungen gegenüber dem Vorjahr um 155 Prozent auf 527 Millionen Dollar steigern können. Robert Shimp, Vice President Technology Marketing bei Oracle, erklärt die Attraktivität von Linux nicht nur mit dem niedrigen Preis. Er zählt auf: "kostengünstigere Hardware, bessere Ressourcenausnutzung, geringere Infrastrukturkosten, weniger Aufwendungen für das System-Management, höhere Verfügbarkeit und Flexibilität sowie Vorteile bei Performance und Skalierbarkeit".

Keine Berührungsängste

All diese Pluspunkte sind für Oracle laut Shimp nicht theoretischer Art, sondern durch eigene Erfahrungen des Anbieters mit Linux belegt. Das Unternehmen verwendet das Open-Source- Betriebssystem, wo immer es möglich ist. "Oracle On Demand", das Outsourcing-Business des Softwarehauses, läuft auf Linux, ebenso die Anwendungs- und Technologie-Demonstrationssysteme sowie weite Teile der hausinternen IT. Mehr als 9000 Produktentwickler arbeiten auf Linux-Umgebungen. Shimp: "Wir haben nicht auf Linux umgestellt, um zu unterstreichen, dass wir dieses System unterstützen." Sein Unternehmen werde sämtliche zugekauften Anwendungen in einer Linux-fähigen Version herausbringen.