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Kaum Licht am Ende des IT-Tunnels

18.09.2001
Der IT-Branche geht es schlechter, als die meisten Beteiligten offiziell zugeben wollen. Die Marktforscher von IDC haben daher ihre Prognosen für die IT-Ausgaben in Westeuropa nach unten korrigiert.

Von CW-Redakteur Alexander Freimark

MONACO (COMPUTERWOCHE) - Der IT-Branche geht es schlechter, als die meisten Beteiligten offiziell zugeben wollen. Für zusätzlichen Zündstoff hat der Terror-Anschlag auf die USA in der vergangenen Woche gesorgt. Die Marktforscher von IDC haben daher ihre Prognosen für die IT-Ausgaben nach unten korrigiert.

Keine guten Nachrichten hielt der europäische IDC-Kongress für eine ohnehin angeschlagene IT-Branche bereit. Die Veranstaltung, die wie im vergangenen Jahr in Monaco abgehalten wurde, stand ganz im Zeichen der Terror-Angriffe auf die USA in der Vorwoche. Fast alle amerikanischen Referenten kamen via Video-Stream ins Auditorium, denn sie konnten, wollten oder durften nicht per Flugzeug anreisen.

Flugangst

Eigentlich hätte der Zeitpunkt und die Besetzung der Keynote-Redner auf dem IDC-Forum in Monaco nicht besser gewählt sein können: Neben Hewlett-Packard-Chefin Carleton Fiorina sollte auch Compaqs CEO Michael Capellas seine Sicht zur Lage der Branche vortragen. Beide hatten zugesagt, lange bevor die Fusion der IT-Konzerne bekannt gegeben worden war.

Doch der Anschlag auf das World Trade Center machte den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. Weder Fiorina noch Capellas erschienen persönlich, auch die Professoren Lester Thurow (MIT) und Michael Porter (Harvard) sowie Accentures Chef-Forscher Glover Ferguson waren nur per Videokonferenz anwesend. Amazons CEO Jeffrey Bezos ließ sich selbst dort noch vertreten. Fiorina hingegen nutzte die Gunst der Stunde und referierte rund 20 Minuten über die positiven Effekte der Fusion mit Compaq, wobei sie mit der Presse und den Analysten wegen der kritischen Berichterstattung in den letzten Wochen ins Gericht ging. Mehr zum IDC-Forum lesen Sie in der CW Nr. 39 vom 26. September.

Zudem sorgte der Inhalt ihrer Botschaften nicht für Euphorie unter den Anwesenden, denn vom "Licht am Ende des Tunnels", so das engagierte Motto des Kongresses, war wenig zu sehen. Statt dessen übten sich die meisten Beteiligten in Schadensbegrenzung und sprachen sich gegenseitig Mut zu, getreu der Devise: Es wird schon besser werden, weil es immer wieder besser geworden ist. Stellenweise fühlte man sich an die prognostische Qualität von Bauernregeln erinnert.

Lediglich IDCs Chef-Marktforscher John Gantz traute sich mit konkreten Zahlen auf die Bühne und übte sich in Optimismus: Derartige Einbrüche habe es nämlich schon immer gegeben, beispielsweise im Jahr 1983. Damals hatten die Aktienkurse der PC-Hersteller den Dow-30-Index weit hinter sich gelassen, um im Juli des gleichen Jahres fast ins Nichts zu stürzen. Der richtige PC-Boom sei erst in den Jahren danach gekommen, so Gantz.

Auch 1992 gab es einen Tiefpunkt, als die IT-Budgets in Westeuropa nur um rund zwei Prozent wuchsen und sich der durchschnittlichen Steigerungsrate des Bruttosozialproduktes annäherten. Was folgte, war der Aufschwung durch die Internet-Euphorie. Demnach, so Gantz, sei auch davon auszugehen, dass es nach dem aktuellen Abschwung wieder zu einem Anstieg der IT-Ausgaben kommen werde. Dafür spreche, dass nach dem Tiefpunkt im Mai dieses Jahres die Budgets im Juli und August um sieben Prozent angewachsen seien. Zudem hätten unlängst 50 Prozent der Befragten in einer Untersuchung angegeben, dass sie für 2002 mit steigenden IT-Haushalten rechnen.

Jedoch sah sich auch Gantz gezwungen, nach den Terror-Angriffen die Wachstumsprognosen und das "Worst Case Scenario" von IDC neu zu formulieren. Statt der im schlimmsten Fall erwarteten 7,9 Prozent steigen die IT-Ausgaben in Westeuropa dieses Jahr womöglich sogar nur noch um 7,4 Prozent an, meinte der Analyst. Für 2002 fällt die Diskrepanz zwischen dem alten Worst Case (IDC-Name: "Hurricane Hugo") und der neuen Version ("Desert Storm") noch deutlicher aus: Das Wachstum der IT-Budgets beträgt dann nur noch 6,5 statt der ursprünglich avisierten 8,5 Prozent. Der Worst Case von gestern ist über Nacht zum Normalfall geworden.

Altes Worst Case Scenario (Hurrican Hugo)

2000: 12 Prozent

2001: 7,9 Prozent

2002: 8,5 Prozent

2003: 10,4 Prozent

2004: 10,8 Prozent

Neues Worst Case Scenario (Desert Storm)

:2000: 12 Prozent

2001: 7,4 Prozent

:2002: 6,5 Prozent

2003: 8,0 Prozent

2004: 11,5 Prozent

W achstum der westeuropäischen IT-Budgets im Vergleich zum Vorjahr (Quelle: IDC).

Zu den Motoren dieses begrenzten Wachstums zählte Gantz das E-Business sowie daran anknüpfende Integrationsprojekte mit dem Backend. Diese seien zwar von vielen IT-Verantwortlichen als wichtig identifiziert worden, allerdings gebe es in allen Bereichen betriebswirtschaftlicher Software einen enormen Nachholbedarf. Gerade einmal zwölf Prozent aller westeuropäischen Großunternehmen hätten ihre Website mit dem Tool für das Supply-Chain-Management (SCM) verknüpft, die Integration von ERP-Software und dem Internet sei nur bei 15 Prozent der Konzerne in die Tat umgesetzt worden.

Insgesamt werden in den nächsten neun Quartalen im EMEA-Raum mehr als 850 Milliarden Dollar für die DV ausgegeben, so Gantz. Davon entfallen 15 Prozent auf PCs und Workstations, 21 Prozent sind für die übrige Hardware vorgesehen. Softwareprogramme stehen mit 22 Prozent knapp darüber in der Gunst der Anwender. Den Löwenanteil in den Budgets bilden jedoch die Services: Mit 42 Prozent am gesamten IT-Kuchen fließen mehr als 350 Milliarden Dollar in die Kassen der Dienstleister. Es gibt also doch ein Licht am Ende des Tunnels - allerdings nicht an jedem.