Zu hohe Ansprüche, zuviel Stress

Karrierefalle Perfektion

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
Perfektionisten haben den Anspruch, immer 100 Prozent oder mehr zu leisten. Sie sind für alles verantwortlich und kontrollieren es. Sie arbeiten am liebsten allein. Im (Berufs-)Leben haben Sie es darum oft schwer.

Auf den ersten Blick sind Perfektionisten für ein Unternehmen die perfekten Mitarbeiter. Sie streben feherlose und überdurchschnittliche Leistungen an, sie fühlen sich allein dafür verantwortlich, dass alles klappt. Sie handeln nach dem Grundsatz „Alles ist machbar, man muss sich nur anstrengen“. Nein-Sagen geht nicht – wer wirklich will, kann immer noch ein bisschen mehr. Doch Mitarbeiter, die eine solche Haltung an den Tag legen, können kaum mit Fehlern umgehen oder werten es schon als völliges Versagen, wenn sie einmal nicht die angestrebten 100 Prozent leisten. Sie arbeiten am liebsten allein, denn Teamarbeit bremst sie eher aus.

Gestresste Perfektionisten

Die Folge: Sie arbeiten länger als ihre Kollegen, sie sind schneller gestresst und schließlich unzufrieden. Das kommt auch daher, dass sie schlecht delegieren können und Aufgaben selbst erledigen oder nachbearbeiten, die andere eigentlich machen können. Sie versuchen oft, zu viele Aufgaben auf einmal zu erledigen, verzetteln sich im Kleinkram und konzentrieren sich zu wenig auf die wesentlichen Dinge. Fristen halten sie nur unter Termindruck ein, da sie sich zu viel vorgenommen haben. So empfehlen sich Perfektionisten immer seltener für den beruflichen Aufstieg: Sie erwecken den Eindruck, dass sie ihre Arbeit nicht oder nur unter erheblichem Mehraufwand schaffen. IBM fand vor einiger Zeit in einer Befragung von 1000 deutschen Beschäftigten heraus, dass der Bekanntsheitsgrad im Unternehmen und eine souveräne Ausstrahlung den beruflichen Aufstieg am meisten beeinflussen, während dieser von der Qualität der eigenen Arbeit nur zu zehn Prozent abhängt.

Wege aus der Perfektionismusfalle

Die Management-Trainerin Irene Becker und die PR-Beraterin Jutta Meyer-Kles waren selbst jahrelang Perfektionistinnen, bis sie eingesehen haben, dass das Streben nach Perfektion nur Stress und Unzufriedenheit mit sich bringt. In ihrem Buch „Lieber schlampig glücklich als ordentlich gestresst“ (Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2004) zeigen Becker und Meyer-Kles darum nachvollziehbare Wege aus der Perfektionismusfalle auf. Ein besonderes Augenmerk richten sie dabei auf Frauen, da diese zu übersteigerten Ansprüchen an sich selbst und an ihre Arbeit neigen.

Als Leser sollte man sich die Zeit nehmen, die zahlreichen Beispiele aus der Welt der Perfektionisten zu lesen, sich durch Checklisten zu arbeiten und anhand diverser Fragebögen eigene Einstellungen oder den Arbeitsstil zu hinterfragen und übersteigerte Erwartungen zu relativieren. Dann sieht man vieles klarer und vielleicht auch lockerer. Ein Beispiel: Statt „Nur eine fehlerlose Leistung wird anerkannt“ sollte man sich sagen „In vielen Bereichen schmälert ein Fehler nicht die Anerkennung“.