Bezahlen mit dem Smartphone

Kanada prescht beim Mobile Payment voran

Moritz Jäger ist freier Autor und Journalist in München. Ihn faszinieren besonders die Themen IT-Sicherheit, Mobile und die aufstrebende Maker-Kultur rund um 3D-Druck und selbst basteln. Wenn er nicht gerade für Computerwoche, TecChannel, Heise oder ZDNet.com schreibt, findet man ihn wahlweise versunken in den Tiefen des Internets, in einem der Biergärten seiner Heimatstadt München, mit einem guten (e-)Buch in der Hand oder auf Reisen durch die Weltgeschichte.
Bezahlen mit dem Smartphone ist ein Hype-Thema. Kanada ist hier deutlich weiter als viele andere westlichen Länder - die Vorbereitungen zur Infrastruktur sind abgeschlossen, innerhalb des nächsten Jahres wollen drei große Banken mobiles Bezahlen anbieten.
Will Giles, zuständig für Emerging Payments bei MasterCard Canada zeigt die Funktionsweise der virtuellen Kreditkarte auf dem Smartphone.
Will Giles, zuständig für Emerging Payments bei MasterCard Canada zeigt die Funktionsweise der virtuellen Kreditkarte auf dem Smartphone.
Foto: Flickr: Invest in Ontario

In Deutschland ist Mobile Payment in der frühen Anfangsphase. Kanada ist im Vergleich deutlich weiter, hier sind die Vorbereitungen abgeschlossen und die ersten Unternehmen haben Lösungen kurz vor dem Marktstart. Moment - Kanada? Die überraschende Antwort ist, dass das Land mit die perfekten Voraussetzungen für Mobile Payment liefert, so der Sprecher der Handelskammer in Ontario: "Toronto ist ein Ballungszentrum für die drei relevanten Sektoren. Hier sind die Zentralen von Banken, Mobilfunk-Providern und IT-Firmen untergebracht."

Dazu kommt ein kulturelles Interesse: Kanadier sind laut einem anderen Sprecher Fans von Drive-Through-Essen (ein kanadischer Kollege bestätigt dies, allerdings nur unter Protest). Da es im Land zudem empfindlich kalt wird, bezahlen Kanadier im Drive-Through lieber mit Karten als mit Bargeld. 31 Prozent aller Kanadier besitzen ein Smartphone. Zum Vergleich: In den USA liegt dieser Wert bei 16 Prozent, in Deutschland erreichten wir 2012 laut Bitkom-Daten fast 40 Prozent Verbreitung. Eine interessante Parallele: Wie in Deutschland bevorzugen Kanadier EC-Karten deutlich gegenüber Kreditkarten. Die kanadische Regierung schaffte zusätzlich die Voraussetzungen, dass verschiedene Unternehmen einen gemeinsamen Standard entwickeln können, ohne dass sie kartellrechtliche Probleme befürchten müssen.

Kanadas Lösung heißt EnStream

Das Ergebnis ist EnStream: Das Unternehmen sieht sich als Dienstleister sowie als Mittler zwischen Banken und Firmen. EnStream stellt nicht nur die notwendige IT-Infrastruktur zur Kontrolle und zur Weiterleitung der Zahlungen bereit, das Unternehmen vermittelt auch den für Zahlungen notwendigen Platz auf SIM-Karten in Telefonen. Anders als die Amerikaner sind Kanadier vor kurzem auf das Chip/PIN-Verfahren umgestiegen, das auch in Deutschland verwendet wird. Das Verfahren speichert die Daten auf dem goldenen Chip statt nur auf dem Magnetstreifen.

Laut EnStream benötigten sie für die Daten einer Kreditkarte zwischen 50 und 100 Kbyte. Einzelne Apps, etwa für Loyalitätsprogamme, liegen bei drei bis vier KByte. Praktischer Nebeneffekt des Umstiegs: Die meisten Zahlungsterminal wurden kürzlich getauscht und unterstützen meist bereits die berührungslosen Zahlsysteme, die von Visa (PayWave) und MasterCard (PayPass) bereits eingeführt wurden. "Ein Viertel aller Verkaufsterminals unterstützen kabellose Bezahlsysteme", so der EnStream-Sprecher. Laut MasterCard wurden im August 2013 bereits 11 Prozent aller Kreditkartenzahlungen berührungslos mittels "Tap to Pay" bezahlt.

Die Bezahl-App der CIBIC-Bank in Aktion: Transaktionen müssen innerhalb einer festgelegten Zeitspanne erfolgen, sonst werden sie nicht akzeptiert.
Die Bezahl-App der CIBIC-Bank in Aktion: Transaktionen müssen innerhalb einer festgelegten Zeitspanne erfolgen, sonst werden sie nicht akzeptiert.
Foto: Flickr: Invest in Ontario

Damit sind die Grundlagen für die erste Ausbaustufe gelegt: Zunächst wollen Anbieter wie das Mobilfunkunternehmen Rogers oder MasterCard eine virtuelle Kreditkarte in Smartphones bringen. Damit ist das Smartphone zunächst de-facto eine Kreditkarte ohne zusätzliche Funktionen. Interessant für das Thema Sicherheit: Da die Smartphones über die Infrastruktur einen ständigen Rückkanal zu den Banken besitzen, können sie die CVC-Nummer bei jeder Überweisung dynamisch ändern. Ältere Nummern werden dabei ungültig und können nicht mehr genutzt werden - ein cleverer Schutz gegen Skimming, also das illegale Abgreifen von Kreditkartendaten.

Als dritter Spieler will Interac ins kabellose Zahlen einsteigen, ein Pendant zu EC-Zahlung hierzulande. Anders als bei Kreditkarten wird die Zahlung direkt vom Konto abgebucht. Laut dem Sprecher nutzen Kanadier bei sechs von zehn Kartenzahlungen Interac statt Kreditkarten - das Potential ist entsprechend groß. Die Technik wird den Namen Interac Mobile tragen und ist kurz vor dem Start. Auch hier ist zunächst ein Ersatz für Karten geplant. In weiteren Ausbaustufen soll dann sogar ein P2P-Bezahlsystem möglich sein; sprich Nutzer können Geld über Smartphones von einem Konto zum anderen übertragen.

Kartenemulation ist nur der erste Schritt

Alle Beteiligten setzen darauf, dass die Emulation einer Karte der erste Schritt ist. In den nächsten Ausbaustufen sind neue Funktionen geplant. Der Provider Rogers hat sich zu diesem Zweck extra eine Banklizenz gesichert, das Unternehmen will den Kunden eigene Kreditkarten anbieten. Rogers will diese in einer App bündeln, die neben allen Kreditkarten auch Kundenkarten oder Guthaben für verschiedene Dienste verwaltet.

Interessant ist, dass alle Varianten beim kontaktlosen Bezahlen eine Art PIN-Grenze anbieten. Ist der gekaufte Betrag unterhalb dieser Grenze, fordert das System bei der Bezahlung keine zusätzliche Bestätigung. Egal ob Karten oder Mobile Payment, die Bezahlsysteme verhalten sich unterhalb dieser Grenzen wie Bargeld. MasterCard setzt diese aktuell bei 50 kanadischen Dollar an, will die Grenze im Oktober aber auf 100 kanadische Dollar anheben. Interac zieht die Grenze ebenfalls bei 50 kanadischen Dollar.

Risiko PIN-Grenze

Das ist zwar enorm bequem (der Autor selbst hat die Funktion mehrfach mit einer berührungslosen Kreditkarte in einer US-Kaffeekette ausprobiert), dennoch hinterlässt es ein unbehagliches
Gefühl. Was, wenn die Karte oder das Smartphone verloren geht oder gestohlen wird? Wer diese Funktion, die inzwischen bei vielen Kreditkarten aktiv ist, sicher nutzen will, sollte seine Kontoauszüge in jedem Fall genau im Blick behalten.

Der Bezahlvorgang ist nicht anders als mit einer Kreditkarte. In weiteren Ausbaustufen versprechen die Anbieter mehr Intelligenz und Funktionen über Apps.
Der Bezahlvorgang ist nicht anders als mit einer Kreditkarte. In weiteren Ausbaustufen versprechen die Anbieter mehr Intelligenz und Funktionen über Apps.
Foto: Flickr: Invest in Ontario

Dennoch ist das Konzept - und vor allem der Fortschritt in Kanada - interessant. Die Technik macht Sinn, vor allem, wenn die Smartphones die Bezahlsysteme mit intelligenten Zusatzfunktionen koppeln. Dafür eignen sich etwa Loyalitätsprogramme oder ständig aktualisierte Informationen über den Kontostand. Das kanadische Modell ist in jedem Fall durchdacht und bietet eine ordentliche Grundlage. Bleibt abzuwarten, ob die Kunden die Begeisterung der Unternehmen teilen.