Pannenprojekt MyCalPAYS

Kalifornien zerrt SAP vor den Kadi

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Das HR-Projekt "MyCalPAYS" entwickelt sich für Auftraggeber und -nehmer zum Desaster. Nun wird der finale Streit um das Geld wohl vor Gericht ausgefochten.
Foto: SAP

Für die SAP AG wird es nun ernst. Am vergangenen Donnerstag hat der Staat Kalifornien eine Klage gegen den Softwarekonzern am Sacramento County District Court eingereicht. Anlass ist ein Großprojekt, dass in den Augen der obersten Kontrollbehörde des US-Bundesstaates völlig aus dem Ruder gelaufen ist und mehrere Millionen Dollar Steuergelder verschleudert hat, ohne erkennbaren Nutzen zu stiften.

"Nach drei Jahren, in denen wir SAP annähernd 50 Millionen Dollar gezahlt haben, um die Software in ein neues Gehalts- und Vergütungssystem zu integrieren, ist alles, was das Büro des States Controllers zeigen kann, eine Lösung, die selbst für eine Gruppe von 1500 Pilotanwendern keine fehlerfreie Abrechnung liefern kann ", heißt es in der Klageschrift.

Erst scheiterte Bearingpoint, dann SAP

Das Vorhaben "MyCalPAYS" wurde im Jahr 2005 gestartet. Erst 2010 stieß SAP hinzu, nachdem der eigentliche Auftragnehmer Bearingpoint gefeuert worden war. Im vergangenen Februar wurde es dann endgültig gestoppt (siehe Kalifornien stoppt SAP-Projekt), weil die Behörde keine Aussicht auf einen erfolgreichen Abschluss mehr erkennen konnte. Ursprünglich sollte MyCalPAYS für insgesamt 240.000 Bedienstete im öffentlichen Dienst des Bundesstaates die Vergütung abrechnen und dazu ein 30 Jahre altes System ablösen. Nun geht John Chiang, der oberste kalifornische Controller, rechtlich gegen den Auftragnehmer und Softwarelieferanten SAP vor. Chiang beklagt ein instabiles System, erhebliche Fehler und übermäßige Honorare und reichte eine entsprechende Schrift beim Gericht ein.

SAP beteuerte indes die eigene Unschuld: "Wir betonen es noch einmal: Weder SAPs Software noch SAPs Leistung in der Implementierungsphase tragen Schuld an der Situation", schrieb Andy Kendzie, Sprecher des Unternehmens, dem IT-Informationsdienst IDG News Service. "Unsere Software arbeitet genauso, wie sie sollte. Wir sind sehr enttäuscht darüber, wie das Büro des Controllers versucht, das Problem zu SAP abzuschieben, während SAP ernsthaft daran gearbeitet hat, die Schwierigkeiten des Staates mit der Payroll-Implementation zu beheben."

Zweifel an der Controlling-Behörde

Die Auseinandersetzung vor Gericht hat sich spätestens im vergangenen August angedeutet, als ein Bericht des California Senate Office of Oversight and Outcomes, eine Art Aufsichts- und Kontrollbehörde der Legislativen, erschien. In ihm wird auch das Verhalten der eigenen Controlling-Behörde und ihrem Chef John Chiang gerügt. Nach der Analyse mehrerer hundert Dokumente sowie Interviews mit vielen Beteiligten habe man herausgefunden, dass es Verfehlungen in der Due Diligence, Verfehlungen beim Beheben mehrfach und frühzeitig aufgetretener Kernprobleme sowie eine chronische Fluktuation beim Führungspersonal gegeben habe, heißt es in dem Report. Möglicherweise seien auch die Erwartungen unrealistisch gewesen.

Der Controlling-Behörde wirft der Report vor, dass sie die politische Führung unzureichend informiert habe: "Das State Controllers Office (SCO) hat optimistische Berichte abgegeben, die die Turbulenzen des Projekts verschleiert haben." Abschließend sei kaum noch zu klären, wer das Projekt zum Scheitern gebracht.

Gerichtsstreit über 190 Millionen Dollar

Seit dem Erscheinen dieses Berichts schieben sich die Beteiligten gegenseitig die Schuld für ein gescheitertes Vorhaben zu, dass schon über 250 Millionen Dollar verschlungen haben soll. Für SAP und die Behörde steht jeweils viel Geld auf dem Spiel. Controller Chiang verlangt von der SAP Schadenersatz in Höhe von 135 Millionen Dollar. SAP möchte rund 50 Millionen Dollar an ausstehenden Zahlungen.