Fehlerhafte Abrechnungen

Kalifornien stoppt SAP-Projekt

Joachim Hackmann
Als Chefreporter Online der Computerwpoche spürt Joachim Hackmann aktuelle Themen aus allen Segmenten der IT-Branche auf. Seine thematische Vorliebe gilt der IT-Servicebranche. Dazu zählen etwa Trends, Neuerungen, Produkte und Unternehmen aus den Bereichen Cloud Computing, XaaS, Offshoring und Outsourcing sowie System-Integration und Consulting. Zudem betreut er die Computerwoche-Online-Rubrik "Mittelstand" und hält den Kontakt zur Computerwoche Xing-Lesergruppe.
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Acht Monate nach Betriebsstart zieht der US-Bundesstaat Kalifornien die Notbremse in dem Payroll-Projekt "MyCalPAYS". Das von SAP eingeführte System habe nie fehlerfrei gearbeitet, beklagt der oberste Controller.

Der US-Bundesstaat Kalifornien hat ein Abkommen mit der SAP gekündigt, das ein neues Abrechnungssystem für Gehaltszahlungen zum Ziel hatte. Das Vorhaben mit einem Gesamtvolumen von 371 Millionen Dollar litt unter erheblichen Problemen. Sowohl Zeitplan als auch Budget wurden überschritten.

Bislang hat das Vorhaben schon 254 Millionen Dollar verschlungen. Die US-Behörden haben es nun gestoppt, um zu eruieren, ob man zumindest Teile der lauffähigen SAP-Funktionen für eine künftige, andere Lösung nutzen könne, teilte der oberste kalifornische Controller John Chiang in einer Stellungnahme mit.

Foto: SAP AG

Das Projekt "MyCalPAYS" steht offenbar unter keinem guten Stern. SAP wurde im Jahr 2010 vom Staat Kalifornien verpflichtet, nachdem die Behörde den ersten Auftragnehmer Bearingpoint gefeuert hatte. Im Juni 2012 brachte SAP die erste von insgesamt fünf Projektphasen an den Start, die Installation offenbarte im Betrieb aber eine Reihe bedeutender Fehler, beklagte die Controlling-Abteilung des Staates in einer öffentlichen Stellungnahme. "In den acht Monaten seit Start des Lohnabrechnungssystems gab es bislang nur einen Zahlungszyklus ohne Fehlermeldungen", heißt es in der Erklärung zu den Hintergründen der Kündigung.

Die Verärgerung wog umso schwerer, als in der ersten Phase des Projekts lediglich eine Softwarelösung für die interne Controlling-Abteilung installiert wurde. Die Implementation erstreckt sich auf 1300 Mitarbeiter, in der Endausbaustufe sollte die SAP-Lösung eigentlich Zahlungen für 240.000 Staatsdiener bewältigen, wobei die individuellen Anpassungen der Controlling-Abteilung wohl "die leichtesten des gesamten Staates sind", wunderte sich Jacob Roper, Sprecher der Controlling-Abteilung.

Der Softwarekonzern kann die Entscheidung nicht nachvollziehen und reagierte enttäuscht: "SAP steht nach wie vor hinter der Software und den Arbeiten", sagte SAP-Sprecher Andy Kendzie. "Unsere Produkte funktionieren in Tausenden von öffentlichen Behörden rund um die Welt. Wir sind zudem davon überzeugt, dass wir sämtliche vertraglichen Verpflichtungen in dem Projekt erfüllt haben." Um die Situation zu entschärfen, habe man ernsthafte Versuche unternommen, mit dem Büro des Controllers zusammenzuarbeiten, unter anderem wurde schriftlich eine Schlichtung vorgeschlagen. Die Behörde antwortete auf diesen Vorschlag laut SAP mit der Kündigung. Dagegen berief sich Roper auf zwei Schreiben, in denen das Büro des obersten Controllers Chiang der SAP zweimal die Gelegenheit eingeräumt habe, die Probleme zu beheben.

Bislang hat der Staat Kalifornien 50 Millionen Dollar für die Arbeiten an dem Projekt an SAP überwiesen, weitere sieben Millionen Dollar hält die Behörde noch zurück. Der Großteil des bislang ausgegebenen Geldes fiel für Softwarelizenzen, interne Arbeiten und andere Kosten an, sagte Roper. Chiangs Büro werde "sämtliche vertraglichen und rechtlichen Optionen verfolgen, um SAP für die verfehlten Leistungen zur Rechenschaft zu ziehen und die Interessen des Staates und der Steuerzahler zu schützen", drohte die Behörde in einer schriftlichen Stellungnahme. "Das umfasst die vertraglich erforderliche Schlichtung und, falls erforderlich, den Rechtsstreit."

Derzeit arbeitet die Controlling-Abteilung daran, alle schon migrierten Transaktionen wieder auf das eigentlich schon aussortierte Abrechnungssystem zu übertragen. Die alte Lösung "wickelt derzeit sämtliche Zahlungen an alle 240.000 Mitarbeiter des Staates zuverlässig ab", befand die Controlling-Behörde spitz.

MyCalPAYS wurde 2006 als der weitreichendste Versuch zur Modernisierung der Abrechnungssysteme in den USA angekündigt. Als Betriebsstart der vollständigen Implementation war Juni 2009 vorgesehen. Marktbeobachtern zufolge ist die Frage, wer an dem aktuellen Desaster die Schuld trage, nicht ohne weiteres zu klären. "Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Daten, die dem System übergeben werden, falsch. Oder das System bekommt die richtigen Daten, verstümmelt sie aber intern", vermutet Michael Krigsman, CEO der Beratungsfirma Asuret, gegenüber dem IDG News Services. "Die SAP hat eine Historie der Projektpannen, sie hat aber auch viele Kunden in der öffentlichen Verwaltung, die erfolgreich mit dem Abrechnungssystem arbeiten. Es ist in diesem Fall kaum vorstellbar, dass die SAP es nicht vermag, eine Payroll-Lösung für 1300 Leute einzuführen."

Auch Kalifornien hat eine Geschichte mit gescheiterten Projekten, so dass auch Fragen nach der Rolle des Controllers in diesem Vorhaben erlaubt sind, betont Krigsman: "Welche Leichen hat er in seinem Datenkeller liegen, die zu diesem Problem führen konnten?" (mhr)

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