Sie weiß, was Jogi brüllt

Julia Probst schaut Fußballern aufs Maul

20.06.2012
Wenn Jogi Löw aufs Spielfeld brüllt, sich Bastian Schweinsteiger auf dem Platz ein Wortgefecht liefert, dann ist ihr Einsatz gefragt: Eine Lippenleserin schaut den Trainern und Spielern bei der EM auf den Mund und übersetzt für die Fans.
Jule Probst kämpft für Barrierefreiheit in der Gesellschaft und im deutschen TV.
Jule Probst kämpft für Barrierefreiheit in der Gesellschaft und im deutschen TV.
Foto: Julia Probst

Millionen Fußballfans hängen an seinen Lippen. Doch nur die Wenigsten verstehen das, was Bundestrainer Joachim Löw seinen Spielern auf dem Feld zuruft. Da kommt Julia Probst ins Spiel. Die gehörlose Bloggerin bietet zur Europameisterschaft einen besonderen Service: Sie liest Trainern, Spielern und Betreuern von den Lippen ab und twittert sofort los, was gesagt, geschrien, geschimpft wird. ""Mario, mach zu" sagte Schweini grad", "Jogi in der Rückblende: "Hoch Lukas!"" oder "Lahm gratulierte Bender mit: "Klasse gemacht!"", schrieb sie am Sonntag unter ihrem Twitternamen @EinAugenschmaus beim Spiel Deutschland - Dänemark beispielsweise.

Noch harmlos, doch manchmal geht es auch deftiger zu: "Scheiße, Mensch", schreit Löw da schon mal laut Probst - und die muss es wissen, denn schließlich ist sie von Geburt an gehörlos und hat schon als Kleinkind angefangen, von den Lippen zu lesen. "Meine ganze Familie ist hörend, weswegen ich lautsprachlich aufgewachsen bin", schrieb sie der dpa in einem E-Mail-Interview. Auf einen "Spiegel-Online"-Artikel über die Lippenleserin angesprochen, gelobte Löw am Dienstag auf der EM-Pressekonferenz etwas Mäßigung: "Da sind einige deftige Flüche schon über meine Lippen gekommen, das muss ich auch mal zugeben. Von daher werde ich mich wahrscheinlich ein bisschen hüten müssen in Zukunft."

Diese Reaktion habe sie total überrascht, schreibt die 30-Jährige. "Ich musste ungläubig lachen. Ich würde ja sehr gerne mal Herrn Löw und die N11 treffen, davon träumt doch jeder Fan!" Eine Selbstzensur der Nationalelf sei aber eigentlich gar nicht nötig: "Unsere Jungs wissen sich zu benehmen, richtige Beleidigungen lassen die nicht fallen." Außerdem schreibe sie nur auf, was sie einwandfrei erkennen kann. "Unverständliches klammere ich in Tweets mit (unverst) aus."

Denn das Lippenlesen hat auch seine Grenzen: "Alles kann ich nicht ablesen", sagt Probst. Eine störende Lichtquelle, eine Ablenkung oder einfach Müdigkeit können das Lippenlesen erschweren. Auch Schreien oder ein Dialekt kann "das Mundbild verzerren", sagt sie. Wie kommt sie dann mit einem brüllenden, badisch eingefärbten Löw klar? "Von den Lippen von Jogi abzulesen ist trotz allem immer mal wieder ganz gut möglich. :-)" - auch weil sie als Schwäbin aus dem Landkreis Neu-Ulm den badischen Dialekt ganz gut verstehe, schreibt Probst, die sich auch mit ihrem Blog aktiv für die Rechte und Teilhabe von behinderten Menschen einsetzt.

In Deutschland ist Probst mit ihrem freiwilligen Service zur EM, den sie schon zur WM 2010 anbot, eine Exotin. Anderswo spionieren Lippenleser bereits professionell gegnerische Teams aus - beim American Football oder im spanischen Fußball etwa, weswegen man Nationalcoach Vicente del Bosque häufig mit vorgehaltener Hand sprechen sieht, auch Mesut Özil hat sich das bei Real Madrid schon angewöhnt. Ein Trend auch hierzulande? "Nein", sagt Probst, es gebe keine Anfragen von Vereinen, "auch nicht vom Fernsehen. Schade eigentlich." (dpa/tc)