Finnisches Frickel-Phone

Jolla Phone mit Sailfish OS im Test

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Gestensteuerung, viel Flexibilität und vor allem Offenheit: Mit Sailfish-OS hat der Nokia-Ableger Jolla eine interessante Alternative zu Google Android, Blackberry, iOS oder Windows Phone herausgebracht. Die COMPUTERWOCHE hat das erste Smartphone der Finnen in die Finger bekommen und getestet.
Foto: Jolla

Als Nokia im Jahr 2011 die Entscheidung traf, das in Kooperation mit Intel entstandene Mobile-OS Meego aufzugeben und sich im Highend-Bereich voll auf die Lumia-Reihe mit Windows Phone zu konzentrieren, war das Schicksal des Linux-basierenden Betriebssystems nicht besiegelt. Eine Reihe von Nokia-Mitarbeitern und Entwicklern machten sich auf, um die Arbeit in Form des Startup Jolla Ltd. weiterzuführen.

Dank Crowdfunding und der Unterstützung des finnischen Mobilfunkproviders DNA gelang es der Company Ende vergangenen Jahres, das erste Jolla-Smartphone an den Start zu bringen. Nach erster Kontaktaufnahme auf dem Mobile World Congress im Frühjahr hatte die COMPUTERWOCHE nun die Gelegenheit, die Qualitäten des Finnen-Smartphones genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der erste Eindruck

Spröde Eleganz: Jolla Phone
Spröde Eleganz: Jolla Phone
Foto: Geeksphone

Zugegeben: Das Jolla Phone kann beim Design seine Nokia-Wurzeln nur schwer verstecken, Eckig wie ein Lumia-Gerät, nur ohne das typische Polycarbonat-Gehäuse, strahlt es eine spröde Eleganz aus. Der Oh-Effekt bleibt beim Auspacken des Geräts allerdings aus. Das Jolla Phone ist relativ schlicht, lediglich das Wechsel-Cover aus dünnem Plastik sticht hervor - das Gerät wirkt damit wie aus zwei Teilen zusammengesetzt.

Mit "The Other Half" findet sich hier auch die erste Besonderheit: Über die Wechselschale, beziehungsweise des darin integrierten NFC-Tags, kann der Nutzer sein Smartphone individualisieren, also ein besonderes Thema mit Wallpaper etc., bei Jolla "Ambience" genannt, einrichten. Dies ist allerdings nur der Anfang, weitere Deckel sind geplant. Dank der unter der Rückschale verborgenen Kontakte ist es theoretisch möglich, eine Tastatur anzudocken oder das Device über eine spezielle Schale kabellos zu laden.

Wegen der Ausbuchtungen des Backcovers kann man das Jolla Phone nicht unbedingt als Handschmeichler bezeichnen. Man spürt in der Hand die Ecken und Kanten, wenngleich man an Abmessungen mit 131 mal 68 mal 9,9 Millimeter nur wenig bemängeln kann. Auch das Gewicht ist mit 141 Gramm akzeptabel.

Wie ein Blick auf die Spezifikationen zeigt, ist die Hardware nicht unbedingt die starke Seite des Finnen-Handys und stellt für Pixel- und Taktratenzähler sicher kaum ein Kaufargument dar. So besitzt etwa das von einem Gorilla Glass 2 geschützte 4,5-Zoll-IPS-Display nur qHD-Auflösung (960 x 540 Pixel, 245 ppi). Die Darstellung ist mit 245 ppi (iPhone 5s: 326ppi, Samsung Galaxy 5: 432 ppi) etwas pixelig, ein Umstand, der durch Jollas Auswahl der Schrifttypen sogar noch verstärkt wird. Der von einem Gigabyte RAM unterstützte Dual-Core-Prozessor von Qualcomm (Snapdragon 400, MSM8930) wirkt mit einer Taktrate von 1,4 Gigahertz zumindest auf dem Papier als unterdimensioniert, in der Praxis hat er mit dem schlanken Betriebssystem aber keine Probleme und zeigte im Test keine merkliche Schwäche.

Auch der Rest der Hardware bietet kaum Außergewöhnliches: Der interne Speicher beträgt 16 GB, von denen 14 GB dem Nutzer frei zur Verfügung stehen. Für zusätzlichen Bedarf ist der Speicher aber auch über eine microSD erweiterbar. Für Bilder und Videos ist im Jolla Phone hinten eine durchschnittliche 8-Megapixel-Kamera mit Autofokus und LED-Blitz eingebaut, während auf der Vorderseite ein 2-Megapixel-Objektiv zum Einsatz kommt.

Das Gerät unterstützt zur Kommunikation mit der Außenwelt Bluetooth 4.0 und USB 2.0. Verbindung zum Internet nimmt das Jolla Phone via WLAN 802.11a/b/g/ n (nur 2,4 Ghz) und Mobilfunk auf. Hier unterstützt das Device - wenn man die Einstellungen für die mobile Datenübertragung einmal gefunden hat - neben HSPA auch LTE (800/1800/2600 MHz). Die Laufzeit des austauschbaren 2100 mAh-Akku ist passabel, am Ende eines Testtages, an dem das Gerät neben der üblichen Nutzung auch einer Stunde Video-Streaming (YouTube) via WLAN und einem 30-Minuten-Telefonat ausgesetzt wurde, betrug der Akkustand immer noch 41 Prozent.

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