Joint-venture soll mehrheitlich franzoesisch sein AT&T und Quadral wollen 40 Prozent vom Bull-Kapital

25.11.1994

Von CW-Korrespondent Lorenz Winter

PARIS - Befriedigt nahmen die zustaendigen Ministerien und das Management der Groupe Bull S.A. ein Angebot des US-Telecom-Multis AT&T und seines franzoesischen Partners Quadral auf, im Zuge der fuer Anfang 1995 vorgesehenen Privatisierung des Pariser Computerfabrikanten 40 Prozent seines Kapitals zu erwerben. Nicht ganz so erfreut ueber diese Aussicht duerften die bisherigen Bull- Aktionaere France Telecom und IBM sein, waehrend NEC schon sein Einverstaendnis signalisierte.

Noch bevor das amtliche Ausschreibungsverfahren am 21. November 1994 angelaufen war (siehe Kasten), zeigten sich die AT&T Corp. und die franzoesische Quadral S.A. daran interessiert, gemeinsam neuer Hauptaktionaer der defizitaeren Groupe Bull zu werden. Das noch zu gruendende Joint-venture soll zu 51 Prozent vom franzoesischen Teil beherrscht werden. Die Kapitalquoten sind langfristig festgeschrieben.

Die von Yazid Sabeg kontrollierte Quadral-Holding ist ihrerseits zu 40 Prozent Eignerin der Elektronikgruppe Cie. des Signaux & d'Equipments Electronique (CS). Sie trat bereits vor einigen Wochen als Brautwerberin fuer Bull auf, fiel aber als wirtschaftlich nicht stark genug durch.

Sabeg liess das offenbar keine Ruhe. Deshalb kehrt er jetzt, gestuetzt auf die finanziell bestens gepolsterte "Ma Bell", wie AT&T oft scherzhaft genannt wird, als Bieter zurueck. Sein neuer Vorschlag fand Gefallen. Die Gesellschaft franzoesischen Rechts wuerde nach einer Kapitalerhoehung 40 Prozent der Bull-Anteile halten und eine Strategie verfolgen, die sich die "technische Kompetenz, industrielle Kapazitaet und Marktposition zu eigen macht, um den IT-Konzern auch weiterhin als System- und Serviceanbieter fortzuentwickeln" - so der Text der jetzigen Offerte.

Ihr Inhalt kommt dem Pariser Finanz- und Industrieministerium gleichermassen zupass: dem Fiskus, weil Bull auch nach der letzten Rate einer auf mehrere Vorjahre verteilten Staatshilfe kurzfristig schon bald erneut drei Milliarden Franc frische Mittel braucht.

Den neuberufenen Industrieminister Jose Rossi wiederum erfreut die Aussicht, dass die Gefahr einer schrittweisen Demontage des Konzerns vermieden wuerde.

In der Tat beurteilen AT&T/ Quadral die technische Kompetenz Bulls bei Unix-basierten Grosssystemen, im TK-Bereich und bei Multimedia ausgesprochen positiv und wollen diesen Kern des Unternehmens auf jeden Fall erhalten.

Fuer Ma Bell kommt als weitere Attraktion hinzu, dass sie ueber Bull einen Fuss in das einzige europaeische Land setzt, wo sie bisher nicht aktiv ist. Kurz vor der Liberalisierung des TK-Marktes der EU schloesse sich fuer den US-Multi eine Luecke. Das "Wall Street Journal Europe" berichtet, AT&T wolle im Gegenzug zu seinem Engagement eine Lizenz fuer den franzoesischen Telekommunikationsmarkt.

Nach Angaben von Bull-Insidern hegt Miteigner NEC keinen Einwand gegen eine eventuelle Beteiligung von AT&T. Die Japaner wollen ihren Anteil an dem franzoesischen Computerkonzern ebenfalls erhoehen. Beobachter sprechen von zehn Prozent. Abzuwarten bleibt dagegen die Reaktion von IBM und France Telecom auf das unverhoffte

Manoever, die zur Zeit 2,1 beziehungsweise 17,2 Prozent von Bull halten.

Breite Aktienstreuung vorerst nicht zu erwarten

Fuer den Vorstandsvorsitzenden Jean-Marie Descarpentries bildet ein solider Kern von Grossaktionaeren des Unternehmens eine unerlaessliche Voraussetzung fuer die Ausgabe von Belegschaftsaktien und die Aufforderung zur Zeichnung von Gesellschaftsanteilen durch institutionelle Investoren. Erst auf sehr lange Sicht waere dagegen die Abgabe einer nennenswerten Zahl von Bull-Aktien an das Boersenpublikum denkbar.

Die Ausschreibungsbedingungen

Am vergangenen Sonntag veroeffentlichte der franzoesische Staatsanzeiger "JO" die Ausschreibungsbedingungen fuer potentielle Bull-Investoren. In der ersten Runde des Verfahrens, die bis zum 9. Dezember laeuft, muss sich dabei jeder Kandidat um mindestens zehn Prozent des Kapitals bewerben.

Die eingehenden Gebote werden vom Wirtschaftsministerium und der Privatisierungskommission auf alle finanziellen und industriellen Aspekte geprueft, einschliesslich eventuell erforderlicher Garantien fuer den Erhalt von Arbeitsplaetzen. Obwohl Bull moeglichst weitgehend erhalten werden soll, kennt die oeffentliche Hand laut Kommentar zum Ausschreibungsdekret "weder Tabus noch grundsaetzlichen Ausschluss noch Verbote". Das heisst: Teilverkaeufe sind nicht von vornherein undenkbar, ebensowenig die vollstaendige Uebernahme des Computerfabrikanten durch ein einziges auslaendisches Unternehmen.

Anfang Dezember beschliessen Ministerium und Kommission ueber eine "short list" der Bewerber. Diese haben dann bis zu sechs Wochen Zeit, um Bull in allen Teilen gruendlich unter die Lupe zu nehmen und ein "unwiderrufliches" zweites Gebot zu machen. In dieser Phase sind aber schon Aktionaersbuendnisse sowohl der Kandidaten untereinander als auch mit Partnern zulaessig, die weniger als zehn Prozent Besitz anstreben - wie zum Beispiel das Management von Bull. Wie die "Agence France Presse" berichtet hatte, planen Teile der Unternehmensleitung, einen bis zu fuenf Prozent grossen Anteil ihres Arbeitgebers zu erwerben.

Die Teilprivatisierung des Konzerns kann sowohl durch den Erwerb bisher in Staatsbesitz befindlicher Aktien erfolgen als auch durch eine Kapitalerhoehung. Dem Fiskus selber bringt die Transaktion im uebrigen kaum etwas ein: Er wird nur eine Quelle staendiger Verluste los. Denn im vergangenen Jahrzehnt buesste Bull mehr als 20 Milliarden Franc ein - trotz staatlicher Kapital- und Finanzhilfen in gleicher Hoehe. Statt der 45 000 Mitarbeiter von 1990 beschaeftigt das Unternehmen heute nur noch 30 000 Personen und generierte zuletzt einen Jahresumsatz von 28 Milliarden Franc.