Johannes Helbig, Deutsche Post: SOA-Evangelist wider Willen

Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Kein anderer CIO predigt Service-orientierte Architektur so wie Johannes Helbig. Ob das an SOA liegt oder an Helbigs Leidenschaft, Management-Prinzipien zu diskutieren - er überzeugte damit die Jury des diesjährigen Wettbewerbs "CIO des Jahres", die den CIO der Deutschen Post auf Rang zwei wählte.

SOA hat als Medienhype ausgedient. Die ersten Leser reagieren bereits aggressiv auf das Buzzword. Zu unkonkret, zu komplex, zu verwaschen vom IT-Markt. 1000 Anbieter lassen ihre Produkte unter der SOA-Fahne segeln. Alles, was irgendwie nach Integration klingt, ist auf einmal SOA. Bei aller Sympathie für die Kernidee kriegen die ersten CIOs Hass-Gefühle, wenn mal wieder ein Berater auf der SOA-Wolke vorbei schwebt. Johannes Helbig hingegen wird nicht müde, das Thema zu zirkulieren. Allerdings hat er Sorge, auf die Rolle des "Mr. SOA" reduziert zu werden: "Wenn SOA für die Management-Prinzipien steht, die guter Enterprise Architektur zu Grunde liegen, fühle ich mich durch eine soche Bezeichnung geehrt. Aber SOA darf nicht als Evangelium missverstanden werden. Es ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeit", sagt Helbig.

Johannes Helbig wehrt sich dagegen, dass seine Management-Prinzipien auf drei Buchstaben reduziert werden.
Johannes Helbig wehrt sich dagegen, dass seine Management-Prinzipien auf drei Buchstaben reduziert werden.
Foto: Joachim Wendler

In einer Powerpoint-Präsentation zur IT-Strategie der Post vom August 2007 spricht er lieber vom großen Ganzen. Helbig argumentiert auf den 135 Seiten nicht an konkreten Anwendungsbeispielen entlang. Grob verkürzt schreibt er: "Vermeide Mega-Projekte! Entwickle eine modulare Unternehmens-Architektur! Mit modularen Diensten lassen sich neue Anwendungen wie Legosteine zusammensetzen!" Helbig bewegt sich bewusst auf einer Meta-Ebene und schiebt nicht eines der 180 Projekte in den Vordergrund, die er in den letzten zwei Jahren abgeschlossen hat. "Move" wäre so eines: 1500 Sortiermaschinen in 83 Briefzentren werden dadurch neu gesteuert. Nicht der Rede wert, findet Helbig, der Move in einer Zeile unter Punkt I.3.c seiner Bewerbung zum CIO des Jahres abhandelt.

Nach sechs Jahren McKinsey

Helbig steuert die IT der Post-Bereiche Brief, Mail International, DHL Paket, der Filialen und von Wiliams Lea Deutschland. Rund 1000 Mitarbeiter sind ihm unterstellt. Angesichts dieser Verantwortung kümmert er sich nur am Rande mit Sortiermaschinen. Fragt man Helbig, was das Wichtigste seiner Strategie sei, nennt er drei Punkte (natürlich nennt er drei Punkte, Berater nennen immer genau drei Punkte, und Helbig war sechs Jahre bei McKinsey):

1. Ziel: SOA als grundlegende Basis für

  • strategische Flexibilisierung nach Wegfall des Briefmonopols

  • evolutionären Migrationsansatz zum Schutz bestehender Investitionen und

  • Vermeidung von Großprojektrisiken

  • Business-Prozess-Baukasten für Ausbau des Mehrwertleistungsgeschäfts

2. Ziel: Ein föderales Modell in der Organisation, gekennzeichnet durch

  • Verankerung der IT als vollwertige strategische Geschäftsfunktion (statt als Querschnitt)

  • Hohe dezentrale Eigenverantwortlichkeit der Fachbereiche

  • Konsequente Trennung von Demand und Supply

  • Ausprägung der Demand-Seite (CIO) als schlanker business-seitiger Service-Management Bereich (Schwerpunkt: Prozesse, nicht Technik) zur Sicherstellung von Innovation, architektonischer Integrität, Effizienz

  • Konzernübergreifende Harmonisierung und Synergiesicherung durch föderales IT Board als höchste Governance-Instanz

3. Ziel: Eine Neuverteilung der Ressourcen durch

  • Vollständiges Outsourcing von Infrastrukturleistungen und Anwendungsentwicklung

  • Verlagerung des internen Qualifikationsschwerpunktes auf strategische Kompetenzen ("upstream"-Prozesse in der IT-Wertschöpfungskette)

  • Power-Shift von externen Integratoren hin zum Auftraggeber

  • Lenkung des Budgets auf Neuentwicklungen ("Change vs Run")

Das "SOA Innovation Lab"

Johannes Helbig auf einen Blick: Stationen, Projekte, Ansichten.
Johannes Helbig auf einen Blick: Stationen, Projekte, Ansichten.

Konkrete Projekte haben auf dieser Meta-Ebene keinen Platz. Wer sie sehen will, kann auf die "SOA-Days" der Post gehen. Zweimal jährlich präsentiert Helbig dort, wie man eine SOA-Strategie zu konkreten Funktionsbausteinen verarbeitet. "Senacor", die kleine IT-Tochter der Post, tritt dabei als Dienstleister zwischen den IBMs und Oracles auf. Helbig selbst hat auf den letzten SOA-Days nur noch Grußwort und Verabschiedung gesprochen. Ansonsten zieht sich der Vordenker lieber in das "SOA Innovation Lab" zurück, einem Kreis von Anwendern, die SOA-Standards zu definieren suchen. Vertreter von Bahn, Bayer, Commerzbank, Daimler, Siemens, VW und anderen hat der Post-CIO darin um sich geschart. CIOs und Chef-Architekten von 18 führenden Anwenderunternehmen haben sich am 7. September unter seiner Regie erstmals zusammen gefunden.

Das passt zu Helbig. Herkunftsbedingt, so sagt er, orientiere er sich an den preußischen Tugenden Fleiß, Ausdauer und ziviler Courage. Während SOA in den Medien langsam ins Tal der Desillusion hinab kippt, sammelt der Post-CIO die Schar der Gläubigen um sich und gründet mit Senacor sogar eine eigene SOA-Firma aus. Das ehrt ihn. Kein anderer deutscher CIO bekennt sich in seinem Handeln so sehr zu einem Thema. Der Verdienst für die CIO-Community ist unbestritten.