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Jeff Bezos: "E-Commerce liegt uns im Blut"

25.04.2001
Jeffrey Bezos, der CEO und Gründer von Amazon.com, spricht über E-Commerce-Partnerschaften mit Borders und Toys R Us, die Börse und einen Lehman-Brothers-Report, der zum Verkauf der Aktien des Online-Kaufhauses riet.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit Jeffrey Bezos, dem CEO und Gründer des Online-Kaufhauses Amazon.com, sprach Miguel Helft von der CW-Schwesterpublikation "The Industry Standard".

CW: Ihre Partnerschaft mit der Buchhandelskette Borders soll sich nicht auf die Amazon-Bilanz auswirken. Wieso ist sie dann überhaupt sinnvoll?

BEZOS: Als wir die Allianz mit dem Spielehändler Toys R Us im September 2000 ankündigten, haben wir unsere Ergebnisprognosen auch nicht verändert. Allerdings hätten wir den Vertrag nicht unterschrieben, wenn er sich nicht positiv auf Amazon und damit auf unsere Aktionäre auswirken würde. Wir werden die wirtschaftlichen Details des Abkommens mit Borders nicht bekannt geben, aber Amazon profitiert davon, Borders profitiert davon und letztlich natürlich auch alle Nutzer. Wir verschaffen den Borders-Kunden Zugang zur Online-Erfahrung von Amazon.

CW: Hat sich der Vertrag mit Toys R Us positiv auf Ihre Bilanz ausgewirkt?

BEZOS: Wir haben das nicht finanziell herausgerechnet, und wir werden damit auch gar nicht erst anfangen. Allerdings sind wir sehr erfreut über den Deal, sowohl finanziell als auch strategisch. Und ich weiß sicher, dass Sie von Toys R Us das Gleiche hören werden. Die Grundlage dafür ist eine Online-Plattform, die Amazon in den letzten sechs Jahren entwickelt hat. Damit können wir nicht nur unsere Kunden sehr gut bedienen, sondern auch die anderer Großunternehmen. Mittel- bis langfristig ist das eine große Chance für uns.

CW: Ist ein Deal besser als der andere?

BEZOS: Ich will hier kein Ranking veranstalten. Es sind zwei wundervolle Beispiele für die Flexibilität unserer Plattform. Beim Abkommen mit Toys R Us geht es um eine gemeinsam betriebene Website, bei Borders hingegen um zwei verschiedene. Amazon.com mit seinen Büchern und Videos verändert sich dadurch nicht, Borders.com wird überarbeitet und erscheint dann zwar als gemeinsame Marke, aber eigenständig mit speziellen Borders-Angeboten für die realen Buchläden. Ein anderer Unterschied der Partnerschaften ist, dass Toys R Us die Produkte gehören, bei Borders hingegen besitzt Amazon den Inhalt der Läger.

CW: Spinnen wir den Faden weiter: Welche Art der Partnerabkommen bevorzugen Sie?

BEZOS: Gegenwärtig sind die meisten Verträge individuell maßgeschneidert. Ich gehe davon aus, dass sich auch unser nächster Deal von seinen Vorgängern unterscheiden wird. Wir haben eine bestehende Plattform und diverse Vorzüge wie die Website-Technologie, Fulfillment-Kapazitäten, Distributionseinrichtungen oder Kundendienstzentren. Wir können die Kunden an den Verkaufstresen bringen und diverse andere Szenarien ermöglichen. Es hängt aber immer davon ab, was wir uns von einem Deal versprechen und was der jeweilige Partner wünscht.

CW: Sie haben wiederholt gesagt, dass Sie mehrere dieser Partnerschaften wollen. Wieso haben die Gespräche mit der Kaufhauskette Wal-Mart und dem Elektronikhändler Best Buy zu keinem Ergebnis geführt?

BEZOS: Grundsätzlich kommentieren wir keine Gespräche mit potenziellen Geschäftspartnern. Generell kann ich sagen, dass es sich um ziemlich komplizierte Arrangements handelt, die in jedem Fall Zeit für die Ausarbeitung brauchen.

CW: Viele Analysten meinen, dass Sie den Deal mit Toys R Us aus einer Position der Stärke abgeschlossen haben. Der Spieleladen brauchte dringend für die Feriensaison einen funktionierenden Online-Shop, und auch Borders.com befand sich zuletzt in argen finanziellen Nöten. Was entgegnen Sie Kritikern, die behaupten, dass sich Amazon bei Verhandlungen mit stärkeren Partnern schwer tun wird?

BEZOS: Ich kann Ihnen versichern, dass Toys R Us den Deal mit uns nicht nötig hatte, sondern in ihm eine große Chance sah. Und ich bin sicher, dass sich Borders aus dem gleichen Grund zu dem Schritt entschieden hat. Viele Einzelhändler haben herausgefunden, dass das Online-Business ein schwieriges Geschäft ist, genau so schwierig wie der traditionelle Handel. Unternehmen müssen ihre Kernkompetenzen festlegen. Gut geführte Firmen tun dies, und Amazon ist sehr, sehr fokussiert. E-Commerce liegt uns im Blut, wir wachen jeden Morgen auf und denken an nichts anderes. Nur so können wir innovativ sein und eine erfolgreiche Plattform entwickeln. Es ist sehr schwierig für Unternehmer, die nicht jeden Morgen als Erstes an E-Commerce denken. Das soll nicht bedeuten, dass Borders und Toys die Deals mit uns aus Verzweiflung abgeschlossen haben, beileibe nicht. Sie sind nur so schlau, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren und ihren Kunden eine Best-of-Breed-Lösung online anzubieten.

CW: Mit Elektronikgeräten erwirtschaftet Amazon inzwischen den zweitgrößten Umsatzanteil. Wenn Sie sich in dem Bereich auf eine Allianz einließen, würden Sie einen potenziellen Vorteil aufgeben, denn Sie müssten die Profite teilen. Wäre eine Partnerschaft bei Elektronikgeräten überhaupt sinnvoll?

BEZOS: Die Messlatte für einen derartigen Deal liegt hoch. Wir sind sehr wählerisch, mit wem wir zu welchen Konditionen eine Allianz eingehen. Im Fall der Elektronikgeräte sind wir froh, dass unser Wachstum bislang organisch verlaufen ist, und das Geschäft expandiert sehr schnell. Wenn wir die Zahl der verkauften Geräte und die Bruttomargen jedes Artikels betrachten, lässt sich eine attraktive Entwicklung erkennen. Im Lauf der Zeit wird sich das auch unter dem Strich positiv niederschlagen. Sollte sich inzwischen ein Angebot finden, dass sich für Amazon, den Partner und die Kunden finanziell lohnt, werden wir dieses bestimmt intensiv prüfen.

CW: Ist ein Abkommen mit einem Elektronikhändler notwendig, damit Sie Geräte der großen Marken wie Sony, Panasonic oder Toshiba verkaufen dürfen?

BEZOS: Gegenwärtig bieten wir Produkte von rund 300 Herstellern an. Wir haben 25.000 verschiedene Geräte im Sortiment, das sind fünfmal so viele wie in einem großen Laden.

CW: Aber in dem Segment müssen Sie bei Distributoren einkaufen, deren Preise nicht so niedrig sind, als wenn Sie direkt bei den Herstellern bestellen würden.

BEZOS: Das ist wahr, aber genauso haben wir auch bei Büchern und Musik angefangen. Viele Leute vergessen, dass wir erst seit dem Jahr 2000 direkt von den großen Plattenlabeln kaufen. Das ist eben der normale Weg bei uns.

CW: Beschert Ihnen das Elektronik-Business positive Margen? Viele Analysten glauben, dass Sie noch Verluste damit machen - je mehr Sie verkaufen, desto mehr verlieren Sie.

BEZOS: Wir berechnen die Einnahmen nicht für die einzelnen Kategorien. In den Ergebnissen des vierten Quartals gibt es ein Segment, das wir als unser Early-Stage-Business bezeichnen. Daran haben Elektronikgeräte den größten Anteil, und Sie können sich ein Bild von der Situation machen. In einigen Wochen werden zudem wieder die neuesten Quartalszahlen veröffentlicht.

CW: Haben die Analysten Unrecht, die Ihnen Verluste in dem Bereich unterstellen?

BEZOS: Das ist die gleiche Frage, nur anders formuliert. Trotzdem ein guter Versuch.

CW: Diverse Analysten haben Amazon die letzten Jahre kritisiert und Verkaufsempfehlungen abgegeben. Normalerweise stoßen Sie sich nicht an deren Berichten. Einen äußerst negativen Report des Analysten Ravi Suria von Lehman Brothers haben Sie unlängst jedoch öffentlich angegriffen.

BEZOS: Unsere Kritiker beschäftigen sich in der Regel mit der Bewertung von Amazon. Der von Ihnen angesprochene Suria-Report von Lehman Brothers hingegen spekulierte, uns werde in Kürze das Bargeld ausgehen. Das war eine unerhörte Behauptung und wir sahen uns genötigt, den Bericht zu korrigieren.

CW: Hat Ihr Verwaltungsratsmitglied John Doerr von der Beteiligungsgesellschaft Kleiner Perkins Caufield & Byers bei Lehman interveniert, um den Report zu verzögern oder gar zu stoppen?

BEZOS: Nein, das hat er nicht. Er hat lediglich angerufen und gesagt, dass der Bericht nicht korrekt ist und wir ihn gerne vor der Veröffentlichung berichtigen würden. Wir wollten die Publikation also nicht stoppen. Nebenbei gesagt, hat Lehman uns gebeten, ob wir vor der Veröffentlichung nicht einen Blick darauf werfen könnten. Sie haben uns den Report geschickt und gefragt: "Ist das korrekt?", und wir haben geantwortet: "Nein, er liegt weit daneben."

CW: Bis zum heutigen Tag hält Lehman am Bericht seines ehemaligen Analysten Suria fest. Ist das nur eine Frage des Prinzips?

BEZOS: Ich denke nicht. Aber da müssen Sie Lehman selbst fragen. Ich kann nur wiederholen, dass der Report falsch ist.

CW: Nachdem Sie den Bericht gesehen hatten und noch bevor er veröffentlicht wurde, haben Sie Anfang Februar Amazon-Aktien für 12,2 Millionen Dollar verkauft. Konsultierten Sie vorher Ihren Justiziar und wissen Sie etwas über eine angebliche Untersuchung der US-Börsenaufsicht SEC zu dem Fall?

BEZOS: Ich habe wie jeder Vorstand einer börsennotierten Firma den ganz normalen Prozess durchlaufen, um die Erlaubnis für den Verkauf zu erhalten. Sie zielen mit Ihrer Frage auf einen Bericht in der "New York Times" ab. Am gleichen Tag stand im "Dow Jones News Service", dass der Artikel in der "Times" falsch sei. Jemand in der SEC hat gesagt, dass es keinen Grund für eine Untersuchung gebe. Außerdem sind wir niemals von der Börsenaufsicht darauf angesprochen worden. Die Spekulationen führen in die Irre, denn es waren keine besonderen Neuigkeiten, dass der Suria-Report über uns negativ ausfallen würde. Dass dieser Analyst Amazon kritisch sieht, ist etwa so neu, als würde gemeldet, die Sonne gehe im Osten auf oder ein Hund habe einen Mann gebissen. Immerhin stieg unser Aktienkurs, nachdem der Report veröffentlicht wurde, was meiner Meinung nach ein gutes Bewertungskriterium für die Aussagen Surias ist.

CW: Danach erschienen diverse Berichte, wonach Lieferanten und Banken besorgt über Amazons Zukunft seien und Kreditlinien kürzen würden. Waren diese Reports falsch?

BEZOS: Ja, denn wir haben großartige Beziehungen zu unseren Lieferanten in allen Produktkategorien. Allerdings finden Sie bei 10.000 Herstellern immer einen, der Ihnen sagt, was Sie hören wollen.

CW: Momentan läuft eine Sammelklage gegen Sie, in der Ihnen vorgeworfen wird, dass Sie die Investoren getäuscht hätten. Sie hätten behauptet, dass die Verträge mit den Partnern, die über Ihre Website verkaufen, in bar beglichen würden. Jedoch sprangen bei den meisten Deals lediglich Aktien für Amazon heraus, die heute nicht mehr viel wert sind. Haben Sie die Anleger getäuscht?

BEZOS: Selbstverständlich nicht! Zwar kommentieren wir laufende Verfahren nicht, aber unter uns gesagt sehe ich keinen besonderen Sinn in der Klage und hoffe, dass sie abgewiesen wird. Heutzutage fällt es jedoch schon schwer, ein Unternehmen zu finden, gegen das keine Sammelklage läuft. Ob Oracle, AT&T oder Nike, Sie können sich ein Unternehmen raussuchen.

CW: Vergangene Woche haben Sie gemeldet, dass Amazon die Erwartungen übertreffen wird. Gehen Sie davon aus, dass sich der schlechte Konjunkturverlauf auf Ihre finanziellen Ziele auswirken wird? Die Kunden geben schließlich weniger aus.

BEZOS: Als wir im Januar einen Ausblick für das Jahr gegeben haben, waren wir entsprechend konservativ. Nicht sehr konservativ, aber angemessen konservativ.

CW: Also haben Sie Ihre Erwartungen bereits im Januar signifikant gedrosselt?

BEZOS: Zu diesem Zeitpunkt war ein wirtschaftlicher Abschwung erkennbar. Vergangene Woche haben wir unsere Erwartungen wiederholt.

CW: Amazon hat eine Teilnahme an Gesprächen mit der "New York Society of Security Analysts" über die Führung des Unternehmens stets abgelehnt. Die Analysten kritisierten dies und warfen Ihnen unzureichende finanzielle Auskunftsbereitschaft vor. Wieso haben Sie sich nicht der Diskussion gestellt oder jemanden hingeschickt?

BEZOS: Wir werden jeden Monat zu vielen Analystenkonferenzen eingeladen und können nicht bei allen erscheinen. Daher gehen wir gezielt zu den Veranstaltungen, bei denen Hunderte von Investoren vertreten sind. So einfach ist das.