Chef der Software AG

Jeder IT-Hersteller kämpft mit seinem Legacy-Portfolio

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG, nimmt Stellung zum Verkauf des deutschen SAP-Beratungsgeschäfts an die Scheer Group und erläutert die Konzernstrategie.

CW: Die Software AG wird ihr SAP-Beratungsgeschäft mit 500 Mitarbeitern an die Scheer Group verkaufen. Ursprünglich wollten Sie das SAP-Geschäft auf den deutschsprachigen Raum konzentrieren und sich davon nur in Nordamerika und Osteuropa trennen. Warum jetzt der vollständige Rückzug aus diesem Markt?

Streibich: Die Software AG hat das SAP-Servicegeschäft im Rahmen der IDS-Scheer-AG-Akquisition im Jahr 2009 erworben. Kern der Übernahme war die Prozessoptimierungssoftware ARIS. Das SAP-bezogene Servicegeschäft war dabei kein strategischer Bestandteil der Software AG. In den letzten Jahren haben wir das SAP-Consulting-Geschäft im Rahmen der Konsolidierung neu ausgerichtet. Nach dem Verkauf der SAP-Serviceaktivitäten in Nordamerika und Osteuropa ist uns 2013 der Turnaround gelungen. Ich freue mich sehr, dass wir jetzt mit der Scheer Group die bestmögliche neue Heimat für das SAP-Consulting gefunden haben. Wir konzentrieren uns zukünftig auf das reine Produktgeschäft - also auf Entwicklung, Vertrieb, Wartung und Services rund um eigene Softwareprodukte.

Will sich ganz auf das Produktgeschäft konzentrieren: Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG.
Will sich ganz auf das Produktgeschäft konzentrieren: Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG.
Foto: Software AG

CW: Ist die Übernahme von IDS Scheer damit gescheitert?

Streibich: Nein, absolut nicht. Der Erwerb der ARIS-Produktfamilie und der damit verbundenen Know-how-Träger war ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der Software AG und wesentlich für die Erreichung der Marktführerschaft im Bereich Business Process Excellence. Ohne diese Akquisition würden wir heute nicht dort stehen, wo wir sind. Die Software AG hat in den letzten Jahren konsequent in den Ausbau von ARIS investiert und die Integration in ihr Produktportfolio systematisch vorangetrieben. Gerade erst haben wir auf der CeBIT neue Cloud-Versionen von ARIS angekündigt. Führende Industrieanalysten bestätigen uns immer wieder die Technologieführerschaft unseres Produktportfolios und auch die positive Resonanz von Kunden beweist das Marktpotenzial der neuen ARIS-Releases.

Transparenz in Echtzeit ist das Ziel

CW: Auf der CeBIT haben Sie auch die neue Intelligent Business Operations Plattform der Software AG vorgestellt, eine Art Dashboard für das operative Management. Mir scheint, als wollten Sie die alte Idee des Management Information System wieder aufleben lassen…

Streibich: Es geht hier nicht nur um die Management-Ebene, sondern auch um das operationale Geschäft. Bisher sprach man von Business Intelligence und Data Warehouses, aber beides bezieht sich ausschließlich auf Daten der Vergangenheit. Jetzt kommen Realtime-Analytics und die Visualisierung der Daten dazu. Wir bringen konsolidiert Gegenwartsdaten aus allen Unternehmensbereichen auf die Bildschirme, sprechen also von Operational Intelligence. Zum Beispiel weiß die Logistikorganisation zu jeder Zeit, wo die Waren sind, welche Verzögerungen drohen, wo es Probleme gibt. Oder Mitarbeiter im Web-Shop können auf Knopfdruck die Kaufgewohnheiten und Interessen der Kunden sehen. Operationale Transparenz in Echtzeit ist das Ziel.

CW: Sie arbeiten also an Steuerungs-Cockpits, die sich auf bestimmte Kernprozesse im Unternehmen fokussieren und diese überwachen?

Streibich: So kann man es sagen. Und dazu müssen die Prozesse im Unternehmen digitalisiert werden. In-Memory- und Visualisierungstechniken erlauben uns, diese Informationen in Echtzeit transparent zu machen.

CW: Und die Technologien dazu stammen aus Ihren Zukäufen der vergangenen Jahre?

Streibich: Überwiegend ja. Die 1000 Entwickler, die wir beschäftigen, verfolgen heute nicht mehr nur das Ziel, neue Produkte zu entwickeln. Das würde fünf Jahre dauern, so viel Zeit hat kein etabliertes Unternehmen mehr. Wir kaufen exzellente, bewährte Produkte, die seit sieben oder acht Jahren im Markt sind. Unsere Entwicklungsmannschaft ist dann für die Integration in unsere Produkt-Suite, ein Common Look & Feel und für einen Single Point of Operation zuständig, dass man eben die Daten per Drag & Drop in allen Produkten zur Verfügung hat und natürlich für die Weiterentwicklung der Produkte

Die Weiterentwicklung und Pflege der Einzelkomponenten ist natürlich ganz wichtig. Doch dafür brechen wir unsere Gesamt-Suite nicht mehr auf Produkt-, sondern auf Plattformlevel herunter. Integration, Business Process Management, Enterprise Architecture Management, Analytics & Decision Support, Governance- Risk and Compliance, In-Memory Data Management - für all das haben wir Plattformen, die sich aus integrierten Produkten zusammensetzen. Die Intelligent Business Operation Plattform ist die, mit der man Prozesse in Echtzeit visualisieren kann.

Virtualisierung hat die Hardware irrelevant gemacht

CW: Ihr Wettbewerber Oracle würde noch einen Schritt weiter gehen und diese Plattformen mit Hardware zu Appliances integrieren. Wäre das nichts für Sie?

Streibich: Nein. Wir sind der Meinung, dass das den Kunden zu stark einschränkt. Kunden möchten Flexibilität und sich nicht zusammen mit einer Software auch noch für eine bestimmte Hardware entscheiden müssen. Durch den starken Virtualisierungstrend ist die Hardware für die Lösung irrelevant geworden, sie interessiert nur noch vom Preis-Leistungs-Verhältnis her.

CW: Die Software AG positioniert sich heute als Architekt von digitalen Infrastrukturen. Sind Sie nicht manchmal neidisch auf coole Startups wie Splunk oder Tableau Software, die über die Produktschiene kommen und im Big-Data-Umfeld gerade alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Streibich: Wir haben eine umfassend Unternehmensstrategie, die sich nicht nur auf einzelne Produkte gründet. Natürlich ist es wünschenswert, ein "gehyptes" Produkt im Portfolio zu haben, aber darauf lässt sich keine Unternehmensstrategie aufbauen.

Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir unsere Stärken stärken. Wir gehen immer mehr in die Verantwortung für die gesamte IT Prozess-Wertschöpfungskette beim Kunden. Wenn Sie die abdecken wollen, werden die Projekte immer größer. Wir haben letztes Jahr zwei Projekte mit einem Volumen von jeweils mehr als 17 Millionen Dollar abgeschlossen, eines im Healthcare-Bereich in England, das zweite im Bereich der Logistik in den USA.

Berater haben eine Limitation

CW: Wie schafft es eine Software AG bei solchen Ausschreibungen gegen große Consulting-Spezialisten wie beispielsweise Accenture zu bestehen, die mit ihren Beratungsleistungen die Türen öffnen und dann, wie die Software AG, auch Produkte anbieten können?

Streibich: Berater haben eine Limitation. Sie können nicht an die Unternehmen herantreten und sagen: "Ich berate dich als Trusted Advisor, und dieses Produkt solltest du jetzt einsetzen." Berater sind Produkt-agnostisch, das heißt produktunabhängig. Unser Vorteil ist unsere Problemlösungskompetenz, die sich auf unsere Produktplattformen stützt. Stellen Sie sich vor, der Kunden Support eines Unternehmens will jederzeit wissen, wie der Gesamtstatus bei seinem Kunden ist. Oder eine Logistiker sagt, wir haben Firmen gekauft, wir möchten daraus ein "One Logistic Company" machen. In solchen Fällen können wir ein Integration Backbone einrichten. Darin werden alle vorhandenen Datensilos integriert, so dass jeder, der Applikationen entwickelt, auf alle Datenquellen zugreifen kann.

Für den Integration Backbone ist es unerheblich, ob die Daten nun von der Produktion oder aus dem Marketing kommen. Wir bieten die unterschiedlichsten Adapter an - das ist unser geistiges Eigentum. Damit spielen wir auch im Big-Data-Umfeld eine wichtige Rolle, denn wir haben die neuesten Technologien wie In-Memory-Computing, Complex Event Processing, Realtime- Analytics und Decision Support an Bord. Wir können also applikations- und hardwareunabhängig für den Kunden die unterschiedlichsten Quellen integrieren und End-to-End digitalisieren.

CW: Gibt es auf Dauer überhaupt noch diesen großen Integrationsbedarf, auf den Sie setzen? Immerhin werden zunehmend Cloud-Lösungen gekauft, oftmals auch direkt durch die Fachabteilungen. Integration findet dann, wenn überhaupt, auf den PaaS-Plattformen der Provider statt.

Streibich: Gerade weil externe Dienste aus der Cloud einbezogen werden, nimmt die Komplexität im Backend eher wieder zu. Wir erleben ein Revival von Integrationstechnologien. Hinzu kommt, dass Prozesse heute unternehmensübergreifend aufgesetzt werden. Wir sehen es am Beispiel des Rotterdamer Hafens, wo Hafenbetreiber, Logistiker, Reedereien etc. eng zusammenarbeiten müssen, um optimale Abläufe zu schaffen.

Last mit der Legacy

CW: Die Software AG hat noch jede Menge Legacy-Produkte im Portfolio. Werden die nicht allmählich zu einer Last für Sie?

Streibich: Jede etablierte IT-Firma der Welt steckt heute in einer Transformationsphase, weil das Existierende zum Legacy-Portfolio geworden ist. Wir mussten schon 2005 mit der Transformation beginnen.

Unser Ziel ist es, vier Generationen von Produkten zu haben. Bei uns ist die 1. Generation die Produktlinie Adabas/Natural, die zweite sind unsere Integrationsprodukte wie webMethods, die dritte fokussiert auf den Bereich Big Data - ein großer Wachstumsmarkt - und die vierte besteht aus den Cloud-Produkten. In die dritte und vierte Generation investieren wir derzeit am meisten.

Am Ende geht es für alle Softwareanbieter darum, den Anteil des Geschäfts mit klassischen Backend-Systemen, den "Systems of records", prozentual zu reduzieren, und den mit innovativen, wettbewerbsrelevanten Lösungen, die Differenzierungspotenzial bieten, zu erhöhen. Dort wollen wir stärker werden, das ist unsere Positionierung.