"Jeder Anbieter ist für uns nur ein Teil des Ganzen"

Christoph Witte ist freier Publizist und Kommunikationsberater.
In der CW-Reihe "CIO trifft CEO" sprachen Thomas Endres, CIO des Lufthansa Konzerns, und HP-Deutschland-Chef Volker Smid über das Verhältnis von Anwendern und Anbietern in Zeiten von Services und Cloud Computing.

ENDRES: Welche Trends sehen Sie in nächster Zeit auf uns Anwender zukommen?

SMID: Die Technik steht zurzeit nicht im Vordergrund. Ich sehe eher einen starken Bedarf an vereinfachten Infrastrukturen. Wenn Kunden die Komplexität reduzieren wollen, dann machen sie in der Regel zuerst eine Art Inventur. Das ist ein schwieriger, aber notwendiger Weg. So werden Ressourcen frei, die der Anwender für neue Themen einsetzen kann.

ENDRES: Geht es bei der Konsolidierung nur um das Abschalten von Applikationen oder auch um neue Arten der Bereitstellung?

SMID: Um beides. Zunächst geht es aber darum, die Zahl der Applikationen, der dadurch gebundenen Ressourcen und der Abnehmer zu inventarisieren sowie gegebenenfalls zu reduzieren. Das ist immer mit Schmerzen für einzelne Anwendergruppen verbunden, aber die Kosten für Infrastrukturen, die kaum jemand nutzt, sind enorm. Den Verzicht durchzusetzen verlangt hohe Führungskompetenz und Ausdauer.

ENDRES: Welche Rolle spielen industriell produzierte Services in den heutigen Konsolidierungsprojekten?

SMID: Wenn Unternehmen heute konsolidieren, dann nutzen sie moderne Verfahren, beispielsweise die Virtualisierung von Netzwerken, Storage-Systemen und Servern. Weniger komplexe Infrastrukturen bedeuten größere Geschwindigkeit und höhere Flexibilität. Als wir EDS übernahmen, nutzten wir schon unsere neue Infrastruktur (HP hat in den vergangenen Jahren eine groß angelegte Konsolidierung der weltweiten IT-Systeme durchlebt, Anm. d. Red.). Die Systeme zu verbinden hat deshalb nur Tage gedauert; vor fünf Jahren wäre allein das ein mehrjähriges Projekt gewesen.

ENDRES: Trotz seiner Größe wird HP stets nur einer der IT-Provider des Lufthansa-Konzerns sein. Wie gehen Sie mit dieser Tatsache um?

SMID: Der Markttrend geht eindeutig in Richtung offener Systeme. Als Anwender muss es Ihr Interesse sein, Equipment und Provider wechseln zu können. Beachten sollte man allerdings, dass an sich offene Infrastrukturelemente durch die darauf ablaufenden Applikationen auch wieder proprietär werden können. Da beißen sich manchmal der Wunsch nach Flexibilisierung und das Streben nach einem möglichst hohen Automatisierungsgrad.

ENDRES: Wann glauben Sie, dass wir Systeme, die wir heute offen nennen, als proprietär bezeichnen müssen?

SMID: Es läuft auf die Frage hinaus, wann es Applikationen geben wird, die industrialisiert auf jeder Infrastruktur zu betreiben sind. Die Applikation – nicht Hardware, Betriebssystem oder Middleware – entscheidet über die Offenheit der Infrastruktur gegenüber anderen Anwendungen. An diesem Punkt sollten die Hersteller ansetzen.

ENDRES: Bestimmen denn die großen Applikationen das Geschehen so stark – bis hinunter zur Hardware?

SMID: Bestimmen vielleicht nicht. Ich glaube aber schon, dass sich die Applikationshersteller schneller öffnen müssen. Eine Anwendung, die in der Cloud funktionieren soll, muss auch so geschrieben werden. Die Anwendung muss also von der Infrastruktur entkoppelt werden.

ENDRES: Wenn Fragen wie Security oder Identity für Unternehmen nicht ausreichend beantwortet sind, wird es noch dauern, bis sich das Cloud Computing durchsetzt. Im Enterprise wohlgemerkt! Public Clouds funktionieren ja schon recht gut.

SMID: Die IT-Industrie lebt davon, alle paar Jahre einen neuen Begriff zu kreieren ...

ENDRES: ... was wir mit großer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen.

SMID: Ich glaube, wenn das Konsolidieren, Modernisieren und Virtualisieren der Infrastruktur einmal beendet ist und geeignete Services bereitstehen und abgerechnet werden können, ist es ziemlich egal, ob wir das Cloud Computing nennen oder irgendwie anders. Ich kann aber bestätigen, dass wir mittendrin sind in diesem Prozess.

ENDRES: Gibt es auf Ihrem Radarschirm Ansätze, wie sich Servicekonzepte wie SOA oder Cloud weiterentwickeln?

SMID: Ich vermute eher, dass die kommenden Innovationen aus den applikationsnahen Bereichen hervorgehen. Die Cloud hat etwas mit Infrastruktur zu tun, aber letztendlich brauche ich eine dazu passende Applikation, die ich im Unternehmen nutzen kann. Im Anwendungsbereich liegt der eigentliche Innovationsbedarf. Natürlich entwickelt sich auch die Infrastruktur weiter - zu hoch automatisierten, weltweit verfügbaren Rechenzentren beispielsweise. Diese Infrastrukturen komplett zu virtualisieren ist der Prozess, mit dem sich die Industrie gerade beschäftigt. Doch der wesentliche Transformationsprozess ist die Anpassung der Applikationen, die die Möglichkeiten dieser modernen Infrastrukturen ausnutzen können, so dass sich das Ganze dann automatisiert, industrialisiert und damit zu erheblich geringeren Kosten betreiben lässt. Darin steckt noch ein erheblicher Investitionsbedarf. Da gibt es einen Stau.

ENDRES: HP versorgt Unternehmen häufig mit Applikationen und ganzen Business-Prozessen. Müssen nicht Sie selbst dafür sorgen, dass Dinge wie Application in the Cloud oder Services in the Cloud funktionieren?

SMID: Die grundsätzliche Entscheidung, moderne Services auf industrialisierten Infrastrukturen zu nutzen, liegt bei den Geschäftsführern der Anwender. Als Full-Service-Provider können wir bei der Migration, dem Betrieb und sogar den Finanzierungsmodellen helfen, aber den Anstoß gibt der Anwender. Und der muss in Richtung Innovation gehen. Nur so kommen die Unternehmen runter von den enormen Belastungen, die der Betrieb teilweise alter Applikationen verschlingt.

ENDRES: Solche Vorhaben lohnen sich. Wir haben die Kosten für das Bereitstellen der Infrastruktur in den vergangenen Jahren um 25 Prozent reduziert. Da ergeben sich immer neue Chancen, teilweise durch Technologie, teilweise durch Servicekonzepte. Je strukturierter diese Services bereitgestellt werden, desto agiler werden wir. Aber wie positioniert sich HP unter diesen neuen Prämissen?

SMID: Wenn wir heute mit unseren Kunden über die nächsten zwölf bis 24 Monate sprechen, dann verlaufen die Gespräche ganz anders als vor zwölf Monaten. Es wird viel über Konsolidierung gesprochen und darüber, was wir da tun können – zum Teil auch dadurch, dass wir Infrastruktur im Rahmen eines selektiven Outsourcings übernehmen und selbst modernisieren. Die Überlegungen haben mitunter grundlegende Motive. Beispielsweise erhöhen IT-Assets, die aus der Bilanz des Anwenders herausgelöst und an den Hersteller zurücktransferiert werden, den Cashflow des Unternehmens. Ich glaube, wir sind da, auch durch die Integration der EDS, so aufgestellt, dass wir jedes Projekt – gleichgültig in welcher Größenordnung – angefangen von der Hardware und den Services bis hin zur Finanzierung stemmen können.

ENDRES: Wie geht denn die Sache mit EDS eigentlich weiter? Die Bedingungen, unter denen Sie den Merger vorgenommen haben, sind ja angesichts der aktuellen Konjunktur nicht mehr Stand der Dinge.

SMID: Von innen her gesehen stimmt aber noch alles. Gemessen am Gesamtumsatz erzielen wir jetzt 30 Prozent der Einnahmen mit Services. Von daher hat EDS stark zu unserer Transformation zum Serviceunternehmen beigetragen. Natürlich ist die Integration noch nicht ganz abgeschlossen. Aber wenn heute beide Teams beim Kunden auftreten, können Sie nicht mehr unterscheiden, wer ursprünglich von HP und wer von EDS kam. Das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

CW: Herr Endres, wie sehen Sie eigentlich das Entstehen solcher Mega-Player? Erfüllt es Sie nicht mit Sorge, bald keine Wahlmöglichkeiten mehr zu haben?

ENDRES: Der Trend zur Standardisierung bringt uns da in eine günstige Position, weil wir die Leistungen verschiedener Partner kombinieren können und der Wettbewerb zwischen ihnen erhalten bleibt. Außerdem sind diese Mega-Provider eine logische Konsequenz der Industrialisierung. Nur sie können die Services skalieren und in großem Rahmen profitabel abbilden. Wir achten allerdings streng darauf, dass wir nicht mit Anbietern zusammenarbeiten, die sich durch proprietäre Ansätze differenzieren wollen, um uns den Austausch von Services mit anderen Providern zu erschweren. Jeder Anbieter, der mit Lufthansa zusammenarbeitet, ist Teil eines größeren Ganzen und hat nur dann eine Chance, hier Wirkung zu erzielen, wenn er sich dessen bewusst ist. Auch Services sind heute gekapselt und damit austauschbar. Sie müssen sich über Preis und Leistung differenzieren.

SMID: Da hat sich die Landschaft auch sehr verändert. Noch vor zehn Jahren hatten wir es mit Anwenderunternehmen zu tun, die im Wesentlichen monolithisch gearbeitet haben. Sie erledigten von der Entwicklung über die Produktion bis zum Service alles selbst. Heute haben wir weltweit verteilte Prozesse. Daran muss sich die IT anpassen. Denken Sie nur an die Geschwindigkeit, mit der Akquisitionen oder Carve-outs stattfinden. Letztlich muss die IT für deren Funktionieren sorgen. Die regionale und funktionale Entflechtung der Unternehmensprozesse führt zu einem ständigen Neuerfinden und einer Komplexitätszunahme der IT.

ENDRES: Welche Kunden-Lieferanten-Beziehungen und welche Delivery-Modelle bevorzugt HP eigentlich?

SMID: Natürlich müssen die Unternehmensführungen entscheiden, wie sie verfahren wollen, was sie selbst machen, was sie auslagern und was sie gemeinsam mit Herstellern machen wollen. Unter dieser Voraussetzung gibt es auch in der IT einen klaren Trend hin zu weniger Lieferantenbeziehungen. Die Krise unterstützt ihn durch weitere Konsolidierung des IT-Markts.

ENDRES: Die Services und die Art, wie sie erbracht werden, ändern sich. Welchen Typ Ansprechpartner wünschen Sie sich beim Kunden?

SMID: Der ideale Kunde betrachtet die IT nicht nur als IT, sondern als Bestandteil der Unternehmensführung und als Zentralprozess. Er sollte die IT und die damit verbundenen Prozesse als einen wesentlichen Beitrag zur Agilität seines Unternehmens verstehen. Das zweite wichtige Attribut ist die Bereitschaft, eine langfristige Beziehung zum Lieferanten einzugehen. Selbstverständlich müssen Preis und Leistung stimmen, aber es gibt immer wieder Projekte, die intensiver betreut werden müssen als andere. Und ohne den Willen, auch diese schwierigeren Zeiten miteinander durchzustehen, geraten Kunden-Lieferanten-Beziehungen oft in unruhiges Fahrwasser.

CW: In der Frage nach dem Auslagern konzentrieren sich offenbar Anwender wie Anbieter auf die generischen Prozesse. Lohnt es sich für Provider nicht, in die Spezialprozesse einzusteigen, weil sie nicht skalierbar zu gestalten sind?

SMID: Im standardisierten Bereich kann der Provider viel Prozesswissen einbringen und für den Kunden Mehrwert erzeugen – einfach mit Best Practices, die er ja durch die vielen anderen Kunden kennt. Im differenzierenden Bereich funktioniert das ebenfalls, sofern es sich um Transformationen handelt, also beispielsweise, wenn wir eine Applikation übernehmen und sie modernisieren. Aber wenn wir eine auf den Kunden zugeschnittene Applikation nur weiterbetreiben sollen, müssen wir uns fragen, was wir da besser machen können.

ENDRES: Wo steht HP in einem Jahr? Gibt es da schon Dinge, an denen Sie verstärkt arbeiten?

SMID: Im Moment geht es darum, die in den vergangenen Jahren realisierten Software- und die Servicezukäufe integriert anbieten zu können. Das ist wichtiger als zu sagen, wir möchten jetzt diesen oder jenen Trend verfolgen. Klar ist aber auch, dass wir immer sehr schnell in der Lage sein werden, zu aktuellen Entwicklungen eine Offerte zu machen. Wir möchten uns auch als Kernlieferant für Cloud-Betreiber positionieren. Wir wünschen uns, dass ihnen zuerst HP einfällt, wenn sie 3000 neue Server und die Infrastruktur brauchen, um sie zu steuern. Wir wollen das Unternehmen sein, das über die richtige Logistik verfügt – und über die passenden Softwareelemente, um das aus einer Hand zu liefern.