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ITxpo: Fiorina und Capellas verteidigen HP-Compaq-Fusion

11.10.2001
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MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - "Die Reaktion auf unsere Fusionspläne war negativer, als wir im Vorfeld dachten", kommentierte Carleton ("Carly") Fiorina, Chefin von Hewlett-Packard (HP), den bevorstehenden Merger ihres Unternehmens mit Compaq Computer. "Wir hatten allerdings erwartet, dass es negative Reaktionen geben werde, da sich der Markt in einer schwierigen Situation befindet. Aber das ist eigentlich genau der Zeitpunkt, zu dem man solche Deals durchzieht. Das geschieht nicht, wenn die Konjunktur boomt. Interessanterweise haben viele, die unseren Merger jetzt ablehnen, ihn vor neun Monaten selbst vorgeschlagen", fügte sie hinzu. Compaq-Chef Michael Capellas leistete Schützenhilfe: "Das ist kein Deal, der uns ein oder zwei Quartale beschäftigt. Diese Fusion ist langfristig angelegt. In unserer Branche hat man sich daran gewöhnt, dass sich Investitionen kurzfristig auszahlen

müssen. Aber das entspricht nicht mehr der Realität."

Auf der diesjährigen Gartner-Konferenz "ITxpo" in Orlando, Florida, bemühten sich Fiorina und Capellas sichtlich, für ihr Vorhaben zu werben und die Skeptiker unter Kunden, Anlegern und Analysten von den Vorteilen zu überzeugen. In öffentlichen Diskussionen und einem Interview mit Journalisten des CW-Mutterverlags IDG entwarfen sie das Bild eines künftigen IT-Infrastruktur-Kraftzentrums, das auf offenen Standards, heterogenen Plattformen, Produktinnovation und Partnerschaften basiert. Dazu, wie die genaue Integration der Produktpaletten beider Unternehmen aussehen soll, sagten die Firmenchefs nur wenig. Sie beriefen sich auf die Schweigepflicht, die ihnen durch die laufende Kartelluntersuchung auferlegt sei. Beide versicherten jedoch, dass die entsprechenden Produkt-Roadmaps und Kundenmigrationspläne bereits fertig seien und gleich nach der Zustimmung der

Kartellbehörden veröffentlicht würden. "Wir hatten die Integrationspläne für die Produktlinien bereits Monate, bevor wir Kontakt mit einer Bank aufnahmen, fertiggestellt," sagte Fiorina.

Fiorina propagiert heterogene Systeme

Bezüglich der Betriebssysteme erklärten die Firmenchefs, man werde auch künftig eine Vielzahl von Plattformen unterstützen, darunter die verschiedenen Unix-, Linux- und Windows-Systeme. "Was wir bereits jetzt sagen können, ist, dass wir in den Bereichen, wo wir mehrere Windows-NT-Plattformen haben, uns nach und nach auf eine Linie beschränken werden. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir allerdings noch nicht sagen, welche das sein wird. Wichtig ist jedoch, dass wir weiterhin mehrere Betriebssysteme unterstützen, da sie unterschiedliche Rollen übernehmen", erklärte Fiorina. In Bezug auf die Prozessorarchitektur bekräftigten die Unternehmenssprecher, dass die kombinierte Company allein auf Intel setzen werde. "Jeder, der glaubt, dass er die Intel-Architektur übertreffen kann, liegt falsch", meinte Capellas.

Auch hinsichtlich der Server-Produkte zeigten sich die beiden Chief Executive Officers (CEOs) zuversichtlich: Die Überlappung betrage bezüglich der angepeilten Märkte weniger als fünf Prozent". Ob die vier bestehenden Systemklassen beider Unternehmen - Hochverfügbarkeit, Technical-Computing, Commercial Unix und Industriestandard - im Rahmen des Mergers wegfallen werden, wollte die HP-Chefin nicht sagen.

HP und Compaq wollen IBM Global Services Marktanteile abnehmen

Mit ihrer Professional-Services-Sparte wollen HP und Compaq direkt gegen den Rivalen IBM und dessen Global-Services-Einheit antreten. Capellas ist überzeugt, dass die kombinierte Firma mehr Flexibilität und größere Unterstützung von heterogenen Umgebungen liefern kann als IBM, denn man sei gerade in puncto Interoperabilität stark und arbeite effizienter. Das neue HP werde sein Servicemodell auf drei Säulen stellen: Kunden-Support-Leistungen (die in den kommenden drei Jahren ein Wachstum von drei bis fünf Prozent erreichen sollen), Managed Services und Outsourcing von Applikationen mit Hilfe von Softwarepartnern sowie Systemintegration auf technischer Ebene. "Was wir nicht machen wollen, ist jedoch die Integration von Geschäftsprozessen. Das überlassen wir Partnern", führte Capellas aus. Weitere Chancen für

die Dienstleistungssparte sieht er im Bereich Wireless und Storage.

Fiorina und Capellas bekräftigen zudem ihre Unterstützung von Microsofts Web-Services-Strategie ".Net". Allerdings sei auch die HP-eigene Online-Services-Initiative "Net Action" weiterhin ein wichtiger Teil der Unternehmensstrategie. Die "eSpeak"-Initiative von HP hingegen werde nun nicht mehr als isolierte Technologie gesehen, sondern als Teil des virtuellen Branchenbuchs UDDI (Universal Description, Discovery and Integration), das ein Konsortium verschiedener Hersteller entwickelt. "Es ist kein Produkt [mehr], sondern eine Technologie, die für den Fortschritt der mobilen Online-Services notwendig ist", erklärte Fiorina.

Die Überzeugungsarbeit der HP-Chefin und des Compaq-CEOs fiel offenbar auf fruchtbaren Boden. Viele ITxpo-Anwender zeigten sich beeindruckt von dem Auftritt der beiden Führungskräfte und gaben an, der geplanten Fusion nun weniger skeptisch gegenüber zu stehen.

Der Rat der Analysten

Gartner-Analysten rieten den Anwendern, bis die Fusion genehmigt ist, bei HP beziehungsweise Compaq auf Ermäßigungen bei Serviceverträgen zu drängen. Gegenüber einem IT-Manager, der in den kommenden Jahren 70.000 Laptops einkaufen muss, erklärten die Marktexperten zudem, es sei egal, ob er diese bei HP oder Compaq kaufe. Für beide Produktlinien werde es auch künftig Support geben.