Arbeitsmarkt Automobilbranche

IT wird für Fahrzeugbau immer wichtiger

26.01.2015
Peter Ilg ist freier Journalist in Aalen.
Digitalisierung und Vernetzung verändern den Automobilbau, die Fahrzeuge und die Arbeitswelt. Immer mehr Elektrik, Elektronik und Software werden in den Fahrzeugen verbaut.

Des einen Freud, des anderen Leid: Wer zurzeit den Arbeitsplatz wechseln will, hat gute Chancen. Die Wirtschaft brummt, und Unternehmen suchen qualifiziertes Personal. Nicht immer ist es einfach, vakante Positionen zu besetzen. Doch unmöglich ist es nicht. Wie die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Fachkräfte-Engpassanalyse zur Jahresmitte 2014 mitteilte, gibt es vor allem Engpässe in einzelnen technischen Berufsfeldern, etwa bei Ingenieuren oder bei einigen nichtakademischen Fachkräften. Noch gefragter als Ingenieure sind laut dem Dekra Arbeitsmarkt-Report 2014 IT-Fachkräfte. Die Digitalisierung im Automobilbau zeigt hier deutliche Spuren.

Trotzdem scheint es nicht direkt so, als ob die Autohersteller zu leiden hätten. Zu den beliebtesten Arbeitgebern angehender Ingenieure, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler gehören Unternehmen wie Audi und BMW. Das sind Ergebnisse einer Studie des Berliner Trendence-Instituts unter rund 35.000 abschlussnahen Studierenden in Deutschland vom vorigen Jahr. Bei solchen Ergebnissen verwundert es nicht, dass Klaus Schweiger, Personalleiter von Audi in Ingolstadt, sagt: "Wir können alle offenen Stellen besetzen." In diesem Jahr wird die VW-Tochter rund 2000 neue Mitarbeiter allein an den beiden deutschen Standorten Ingolstadt und Neckarsulm einstellen. "Der Wunsch der Menschen, always on zu sein, und die steigende Vernetzung zeigt sich auch in der Automobilindustrie." Die Komplexität der Aufgaben und die Zahl der Projekte in diesem Bereich nehmen bei Audi deutlich zu.

Arbeiten am vernetzten Auto

IT und Automobil wachsen zusammen. Das Auto der Zukunft wird vernetzt sein - mit dem Umfeld, der Verkehrsinfrastruktur und dem Internet. "Um auf dem spannenden Gebiet der Vernetzung bestehende Entwicklungen voranzutreiben und Innovationen zu schaffen, brauchen Automobilhersteller und -zulieferer qualifizierten und engagierten Nachwuchs", sagt Ulrich Eichhorn, Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Allen voran gesucht sind Softwareentwickler, Sensorik- und Elektronikspezialisten. Etwa 90 Prozent der Innovationen im Fahrzeug basieren auf Elektronik, Software und IT. Damit lassen sich Umsätze erzielen, und diese Innovationen schaffen Arbeit.

Das Auto der Zukunft ist vernetzt, etwa 90 Prozent der Innovationen in modernen Fahrzeugen basieren auf Elektronik, Software und IT.
Das Auto der Zukunft ist vernetzt, etwa 90 Prozent der Innovationen in modernen Fahrzeugen basieren auf Elektronik, Software und IT.
Foto: BMW Group

2013 stieg die Zahl der Beschäftigten in der Automobilindustrie um 1,9 Prozent auf rund 756.000. Das ist der höchste Stand seit zehn Jahren. Eine Prognose über die Entwicklung der Beschäftigung wollte der VDA nicht abgeben. Die meisten Mitarbeiter haben die Autohersteller (433.000). Bei den Zulieferern sind es 291.000, und die Hersteller von Anhängern und Aufbauten zählen 31.000 Mitarbeiter in ihren Reihen.

Der Entwicklungsdienstleister Bertrandt aus Ehningen ist mit seinen rund 11.000 Mitarbeitern weltweit für alle großen Hersteller tätig. Die Geschäfte laufen gut. "Derzeit haben wir mehrere hundert offene Stellen für Ingenieure, ITler und Techniker, die wir auch besetzen können", sagt Sandra Hoffmann, Leiterin Personal-Marketing und -entwicklung. Sie geht davon aus, dass im Auto der Zukunft noch mehr Elektrik und Elektronik stecken wird und dadurch der Bedarf an Mitarbeitern mit diesen Skills steigt. Das kann im klassischen Infotainment sein und bis zur Vernetzung und der Elektromobilität reichen.

Continental in Hannover ist der weltweit größte Automobilzulieferer. 107.000 Beschäftigte hat das Unternehmen in seiner Automotive-Division. Davon arbeiten mehr als 10.000 Entwickler an Softwarelösungen für Fahrzeuge. "Tendenz steigend", sagt Ralf Lenniger. Er ist verantwortlich für Systementwicklung, Innovation und Strategie in der Division Interieur.

Interview

"Unser Bedarf an IT-Experten steigt"

Mattias Ulbrich, bei Audi Leiter IT und Organisation, erläutert, mit welchen Herausforderungen er sich auseinandersetzt und wen er dafür benötigt.

Mattias Ulbrich ist CIO bei Audi.
Mattias Ulbrich ist CIO bei Audi.
Foto: Audi AG

CW: Wie viele Bewerbungen von IT-Spezialisten erhält Audi jährlich, und wie viele IT-Mitarbeiter wurden im vergangenen Jahr eingestellt?

MATTIAS ULBRICH: 2013 haben wir rund 102.000 Bewerbungen erhalten. Jeder zehnte Bewerber für einen Direkteinstieg hatte ein abgeschlossenes Informatikstudium. Davon waren zwölf Prozent Frauen. Die Zahl der Bewerbungen zeigt, dass Audi für Informatiker ein attraktiver Arbeitgeber ist. Unser Bedarf an IT-Experten wächst in vielen Fachbereichen, beispielsweise in der Vernetzung von Fahrzeugen.

CW: Mit wie vielen IT-Mitarbeitern müssen Sie welche Aufgaben bewältigen?

MATTIAS ULBRICH: Die Automobilindustrie wird zunehmend digitaler, die Komplexität der Aufgaben und die Zahl der Projekte nehmen deutlich zu. Und selbstverständlich wirkt sich auch unser Wachstum auf die Zahl der Beschäftigten aus. Derzeit arbeiten gut 700 Mitarbeiter an den deutschen Standorten Ingolstadt und Neckarsulm in der IT. Weltweit sind es knapp 1000 Mitarbeiter.

CW: Was sind typische Aufgaben für IT-Spezialisten bei Audi?

MATTIAS ULBRICH: Von der IT im Fahrzeug über die IT in der Produktion, die Entwicklung weltweiter Marketing- und Vertriebssysteme bis hin zum Betrieb unserer Rechenzentren - in all diesen Bereichen ist die IT ein unverzichtbarer Partner. Und überall dort übernehmen IT-Experten Beratung, Konzeption, Erarbeitung von Sicherheitskonzepten, Entwicklung von Innovationen, Sicherstellung von Betrieb und Services und vieles mehr. Wissen um SAP-Standard-Systemsoftware, im Systemdesign, technische oder fachliche Prozesskenntnisse sind hilfreich.

Ein Thema treibt alle um: "Im Engineering und in der Planung ist Industrie 4.0 bereits angekommen, allen voran in der komplexen Automobilindustrie", sagt Thomas Bauernhansl. Er ist Professor an der Universität Stuttgart und leitet dort das Institut für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb (IFF) sowie das Institut für Energieeffizienz in der Produktion (EEP). Und er ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), ebenfalls in Stuttgart. "Automatisierungstechnik, Software und IT-Kommunikation sind die Komponenten für eine intelligente, sich selbst organisierende Fabrik", postuliert der Wissenschaftler. Künftig würden Mitarbeiter gebraucht, die in der Lage sind, die neuen und komplexen Systeme zu überblicken, und die dafür Grundkenntnisse in den drei Disziplinen mitbringen. (hk)