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IT trägt Mitschuld an der O2-Krise

12.06.2007
Der ehemalige Branchenstar muss mittlerweile sparen - auch an der von Alex Röder geleiteten IT. Die heterogene Systemlandschaft erweist sich dabei als hinderlich.

Von CW-Redakteurin Karin Quack

Steht in der Kritik: Alex Röder, Herr über IT und Netze bei O2.
Steht in der Kritik: Alex Röder, Herr über IT und Netze bei O2.
Foto: O2

"Für IT-Implementierungen bei Mobilfunkern ist O2 in Deutschland kein Benchmark", konstatiert Martin Gutberlet, als Vice President Research Technology and Service Provider bei der Gartner Deutschland GmbH ein intimer Kenner der Telekommunikationsbranche: "Mangelndes Prozessverständnis und teilweise unzureichende IT-Architekturen haben zu einer wenig flexiblen IT geführt."

Gutberlet ist nicht der einzige Marktkenner, der Verbesserungspotenzial in der Informationstechnik des einstigen Mobilfunk-Überfliegers sieht. Die allzu komplexe IT-Umgebung trage Mitverantwortung dafür, dass die Tochter des spanischen Telefonica-Konzerns unter Margendruck geraten ist, so der Tenor: Die IT-Abteilung sei aufgebläht, die Fertigungs-tiefe zu groß, die Applikationslandschaft zu heterogen und die Infrastruktur zu starr, weshalb Innovationen mittelfristig auf der Strecke bleiben müssten.

Tatsächlich ist der von Alex Röder geleitete O2-Bereich Technology Management mit 1800 Mitarbeitern üppig ausgestattet – auch wenn wohl die Hälfte der Mannschaft streng genommen dem Netzsegment zuzuordnen ist. Der im Volumen vergleichbare Anbieter E-Plus beschäftigte – bevor er große Teile seiner IT an Atos Origin auslagerte – nur rund 400 IT-Spezialisten. Sollte O2-Deutschland-Chef Rudolf Gröger tatsächlich 1000 Arbeitsplätze streichen, dürfte auch die IT nicht ungeschoren davonkommen.

Ziel: Technologieführer

Außenstehende sagen O2 den Ehrgeiz nach, unbedingt Technologieführer sein zu wollen. So seien in die IT jahrelang nahezu unbegrenzte Finanzmittel geflossen mit dem Erfolg, dass immer nur "das Beste vom Besten" angeschafft wurde. Einem eher kleinen Marktteilnehmer stünde es hingegen besser an, auf Preisführerschaft zu setzen.

Offenbar erhielt Röder bereits mehrmals den Ratschlag, Softwareinfrastruktur und Applikationen nach außen zu geben. Nun hat sich auch E-Plus mit dem Outsourcing schwer getan (siehe auch: "Mut zum Kuhhandel")und greift bei der Weiterentwicklung der Applikationen doch wieder auf interne Ressourcen zurück.

Fakt ist jedoch, dass die drei O2-Konkurrenten E-Plus, T-Mobile und Vodafone ihre Anwendungen alle extern betreiben lassen und dass deren Ebitda-Margen im vierten Quartal 2006 deutlich höher lagen als die von O2: Vodafone erzielte 45, T-Mobile 40 Prozent, E-Plus 30 Prozent vor Steuern und Abschreibungen, während O2 mit knapp 22 Prozent auskommen muss.

Im Rechenzentrumsbereich hat Röder schon seine Fertigungstiefe verringert: Er nimmt hier Dienstleistungen von T-Systems sowie Siemens IT Solutions & Services in Anspruch. Aber er gilt nach wie vor als Verfechter einer starken internen IT-Abteilung. Und mit seiner Antwort auf die Frage nach geplanten Outsourcing-Aktivitäten widerspricht er zumindest einer Komplettauslagerung: "IT-Outsourcing gibt in einzelnen Bereichen sicherlich Sinn und wird von uns als eine mögliche Alternative regelmäßig geprüft."

Das Accenture-Projekt hängt

Es wäre wohl ohnehin nicht sinnvoll, die Anwendungen in ihrem derzeitigen Zustand auszulagern: Auf die alten Core-Systeme habe O2 immer neue Applikationen gesetzt, deren Funktionen sich teilweise überschnitten und die nicht hinreichend integriert worden seien, monieren die Experten. Fortsetzung auf Seite 4 Selbst kleinste Tarifänderungen müssten deshalb mit viel Aufwand in einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Systemen nachgezogen werden. Röder kommentiert diese Vorwürfe lapidar: "Unsere Systeme sind integriert und laufen erfolgreich."

Dass die Integration derzeit noch zu wünschen übrig lässt, belegt hingegen das Projekt "Galileo". Damit bemüht sich O2 im Verein mit dem Serviceanbieter Accenture seit etwa einem Jahr, die Anwendungsbereiche Billing und CRM zu konsolidieren sowie die Middleware auf SOA-Basis flexibler zu gestalten. Insider wollen jedoch wissen, dass bereits 50 Millionen Euro an Accenture geflossen seien ohne dass das Projekt einen nennenswerten Erfolg verzeichnet habe.

Ein halbes Jahr Implementierung

Die Folge der Komplexität ist die schleppende Umsetzung der Business-Ziele. Dem Vernehmen nach hat es ein ganzes Jahr gedauert, bis die IT-Experten bei O2 den Partnervertrag mit Tchibo abbilden konnten. Röders Entgegnung spricht für sich: "Die Implementierung hat weniger als sechs Monate gedauert." In einem derart schnelllebigen Markt ist ein halbes Jahr reine Implementierungszeit Luxus.

Immerhin galt die IT-Strategie des Mobilfunkanbieters einmal als vorbildlich. Vom "Handelsblatt" wurde sie unter "Die besten IT-Strategien 2005" gewählt. Auch der computerwoche war die Geschäftsprozessunterstützung einen wohlwollenden Bericht wert. Das Galileo-Projekt soll im kommenden Jahr stufenweise implementiert werden. Laut Röder wird es zum Ende des kommenden Jahres vollständig eingeführt sein.