Freelancer stark gefragt

IT-Personaldienstleister im Zugzwang

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
Die Nachfrage nach IT-Freelancern steigt beständig, die Personaldienstleister profitieren davon. Dennoch reicht es nicht, auf gute Geschäfte zu warten - Vermittler müssen sich anpassen und die Veränderungen des Marktes aufgreifen: bei der Compliance, den Skills, dem Portfolio sowie dem Draht zum Kunden.

In großen IT-Projekten kommt man heute um IT-Freiberufler nur schwer herum - das flexible Beschäftigungsmodell und passgenaue Skills machen Freelancer zu einem wichtigen Baustein der Personalstrategie. Rund 100.000 Menschen arbeiten in Deutschland als IT-Freiberufler, berichten der Branchenverband Bitkom und auch die Marktforscher von Lünendonk. In zwei von drei Unternehmen wurden 2014 IT-Freelancer eingesetzt, ergab sich aus der jüngsten "IT-Freiberufler-Studie" der COMPUTERWOCHE - und die Bedeutung externer Spezialisten im Sourcing-Mix wird für die Auftraggeber noch zunehmen.

Gute Aussichten für Personalvermittler, aber beileibe kein Selbstläufer. Schließlich handelt es sich um einen heterogenen Markt, der diversen Einflussfaktoren unterworfen ist: "Das Segment wird von vielen Anbietern in aller Form und Größe zersplittert", beobachtet Christian Neuerburg, Director Geschäftsbereichsleitung IT bei der DIS AG.

IT-Freiberufler sind stark gefragt, davon profitieren auch die Personaldienstleister. Aber es reicht nicht, nur auf gute Geschäfte zu warten, Vermittler müssen die Veränderungen des Marktes aktiv aufgreifen.
IT-Freiberufler sind stark gefragt, davon profitieren auch die Personaldienstleister. Aber es reicht nicht, nur auf gute Geschäfte zu warten, Vermittler müssen die Veränderungen des Marktes aktiv aufgreifen.
Foto: patpitchaya-shutterstock.com

Durch die Bemühungen der Freiberufler, sich auch selbst zu vermarkten und den direkten Kundenkontakt zu suchen, werde das Segment noch intransparenter. Zudem wachse der Druck seitens der Auftraggeber, so Neuerburg: "Vor allem die Großkunden treiben die Konsolidierung voran, indem etwa Lieferanten zusammengefasst und Master-Service- sowie Vendor-Management-Verträge geschlossen werden."

Schließlich schreite noch die Diversifizierung der Skills voran, wodurch immer detailliertere Anfragen der Kunden auf eine abnehmende Kandidatenverfügbarkeit treffen, berichtet der DIS-Manager: "Unserer Ansicht nach wird nicht der größte Kandidaten-Pool den Erfolg bringen, sondern der am besten gepflegte, um schnell und passgenau die richtigen Kandidaten beim Kunden vorstellen zu können."

Im Gegensatz zu dem eher breiten Angebotsspektrum von Personalvermittlern wie der DIS AG baut Andreas Krawczyk auf eine reine Online-Vermittlungsbörse. Der Chief Operating Officer von Freelance.de sieht sein Portal "als Akquiseplattform für Freiberufler gut im Markt platziert". Dieser Rekrutierungsweg sollte in Zukunft stark wachsen, so seine Hoffnung, die laut der "IT-Freiberufler-Studie" der COMPUTERWOCHE durchaus berechtigt ist.

Andreas Krawczyk, freelance.de: "Gerade Endkunden setzen vermehrt auf das Internet als direkten Weg zur Besetzung von Projekten."
Andreas Krawczyk, freelance.de: "Gerade Endkunden setzen vermehrt auf das Internet als direkten Weg zur Besetzung von Projekten."
Foto: freelance.de

Allerdings hebt die Flut derzeit fast alle Boote. Anbieter wie Freelance.de bedienen einen Teil des Marktes, dem es vor allem auf Ungebundenheit ankommt: "Gerade Endkunden setzen vermehrt auf das Internet als direkten Weg zur Besetzung von Projekten", berichtet Krawczyk. "Vor allem kleine und mittlere Unternehmen schreiben ihre Projekte auf unserer Seite aus." Und mit Skillplanet.de wird das Angebot diversifiziert, um Dienstleistern einen besseren Service in der Projektakquise zu bieten.

Veränderte externe Rahmenbedingungen

Interne Strukturen sind nur eine aktuelle Baustelle der Personaldienstleister, auch die externen Rahmenbedingungen halten die Branche auf Trab. Das betrifft in erster Linie das Angebot an Freiberuflern, das mit der Nachfrage bisweilen kaum Schritt halten kann. "Inzwischen bleiben Projektanfragen vermehrt über längere Zeiträume vakant, da die Besetzungschancen durch den limitierten Freiberuflermarkt gering sind", sagt Markus Reefschläger, Geschäftsführer der Geco Deutschland GmbH.

Inzwischen seien auch "ehemals einfache Infrastrukturanfragen" etwa in der Administration oder im Support schwerer zu erfüllen als noch vor einem Jahr. Dies gilt für Ballungsräume, aber zunehmend auch in strukturschwachen Regionen etwa im Osten Deutschlands - mit Folgen für die Bindung der freiberuflichen Projektmitarbeiter, die aufgrund der starken Nachfrage intensiv umworben werden und attraktive Projektangebote erhalten, berichtet Reefschläger: "In Teilbereichen rückt für uns die Rekrutierung von eigenen, bei Geco festangestellten Spezialisten in den Vordergrund, die wir dann in externe und temporäre Kundenprojekte entsenden können." Dies führe zu neuen Rekrutierungskanälen, die Onboarding-Methoden würden überdacht.

Hinzu kommt der Klassiker für Personalvermittler und Dienstleister: die rechtlichen Rahmenbedingungen. "Eine zentrale Herausforderung stellen aus unserer Sicht die künftigen Regularien dar", sagt Sven Herzberg, Vorstandssprecher der Goetzfried AG.

Hier werden viele Fragen für alle Beteiligten aufgeworfen: Wie wird Projektarbeit künftig bei Kunden vor Ort realisiert? Müssen sich Freelancer noch stärker als Unternehmer positionieren? Und wie erlangen Unternehmen Rechtssicherheit beim Einsatz von externen IT-Experten? "Diese Punkte gilt es möglichst kurzfristig und umfänglich zu beantworten", fordert Herzberg. Derweil setzt Goetzfried neben dem Kerngeschäft, das in der Vermittlung von Freiberuflern auf Zeit liegt, zunehmend auf die Suche nach geeigneten Experten für Festanstellungen. "Darüber hinaus nimmt das Thema Arbeitnehmerüberlassung von hochqualifizierten IT-Experten immer mehr Raum bei uns ein."

Gestiegene Compliance-Anforderungen

Auch Christian Steeg verweist auf die Compliance als besondere Herausforderung der Branche. "Unsere Kunden nutzen die von uns rekrutierten IT-Spezialisten, um eine hohe Flexibilität angesichts der sich ständig ändernden Marktanforderungen zu realisieren", so der Director Contracting der Hays AG. "Wenn wir diese Flexibilität im Kontext der gestiegenen Compliance-Anforderungen beibehalten wollen, wird uns das sicher auch in Zukunft intensiv beschäftigen." Steeg zufolge hat Hays die Aktivitäten rund um das Thema Compliance weiter verstärkt, um die Anforderungen der Nachfrageseite abzudecken. "Dafür haben wir entsprechende Strukturen und Prozesse geschaffen, die wir unseren Kunden bereitstellen und ständig weiterentwickeln."

Und was wünschen sich Freiberufler, abseits der Tagessätze und interessanten Aufgaben in Konzernen? Hubert Staudt, Vorstandsvorsitzender der top itservices AG, verweist auf das Selbstverständnis seines Unternehmens als "Karrierenavigator", der den Bewerber ganzheitlich betrachtet und berät: "Die Herausforderung besteht darin, eine ergebnisorientierte Arbeitsweise mit der Evaluierung der Motivstruktur des Bewerbers zu verbinden."

In einer stark durch Geschwindigkeit gekennzeichneten Branche könne dies nur gewährleistet werden, wenn das Personal im Führen strukturierter Interviews kontinuierlich geschult werde und die Bewerber hierdurch einen spürbaren Mehrwert erhielten. Staudts Rezept: "Die gemeinsame Lernkurve von Bewerber und Recruiter führt häufig zu einer langjährigen Zusammenarbeit."

Fazit: Personaldienstleister sind zuversichtlich, dass sich die Nachfrage nach IT-Freiberuflern weiterhin positiv entwickeln wird. Trotz des Handlungsdrucks stimmt die grobe Richtung, in der sich der Markt bewegt: nach oben. Für das laufende Jahr erwartet Nikolaus Reuter, Vorstandsvorsitzender der Etengo AG, wie schon 2014 einen Zuwachs des Auftragsvolumens von rund zehn Prozent: "Die Branche ,IT-Freelancer` wird im Jahr 2015 voraussichtlich die Zehn-Milliarden-Euro-Umsatz-Marke knacken können." Mit diesem Volumen zähle der IT-Freiberuflermarkt zu den 15 wichtigsten Branchen der deutschen Wirtschaft.

Nikolaus Reuter, Etengo: "Die Branche ,IT-Freelancer` wird im Jahr 2015 voraussichtlich die Zehn-Milliarden-Euro-Umsatz-Marke knacken können."
Nikolaus Reuter, Etengo: "Die Branche ,IT-Freelancer` wird im Jahr 2015 voraussichtlich die Zehn-Milliarden-Euro-Umsatz-Marke knacken können."
Foto: Etengo

"Im Vergleich zu anderen Industrien in der obersten Liga ist unsere Branche jedoch in der breiten Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt", sagt der Etengo-Vorstand. Vielleicht erledigt sich das Thema mit der Zeit aber von allein, denn vieles spreche für das "freie" Erwerbs- und Lebensmodell: "Die attraktiven Einnahmen, eine aktive Mitwirkung an interessanten sowie herausfordernden Projektthemen und nicht zuletzt die flexiblere Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen die Freiberuflichkeit für männliche und weibliche IT-Experten interessant." (hk)

Hier gibt es die "IT-FreiberuflerStudie 2015" der COMPUTERWOCHE.

 

Olaf Barheine

Jedes vierte Projekt wird in Deutschland mittlerweile über Vermittler abgewickelt. Und bei Konzernen hat man als freiberuflicher Entwickler oder Berater praktisch überhaupt keine Chance mehr, direkt an Aufträge zu gelangen. Ich finde diese Entwicklung einigermaßen erschreckend. Vielleicht denken die Projektverantwortlichen in den Konzernen ja mal wieder um. Es ist schließlich auch eine Kostenfrage!

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