IT-Kurssystem für Seiteneinsteiger

28.03.2002
Von Hille Osterried
BERLIN (ho) - IT-Profis ohne Studium haben es schwer, auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Mit einem neuen IT-Weiterbildungssystem könnten sie Abschlüsse machen, die mit Bachelor oder Master vergleichbar sind - und das in realen Projekten, parallel zur normalen Alltagsarbeit.

Die Situation in der IT-Berufswelt ist unübersichtlich: Rund 400 ungeschützte Berufsbezeichnungen gibt es für die bunte Schar der IT-Profis. Ungefähr 80 Prozent der insgesamt 1,6 Millionen IT-Fachkräfte verfügen weder über ein Studium noch eine anerkannte Berufsausbildung wie etwa IT-Fachinformatiker, so die Schätzung des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektroniktechnik (ZVEI).

Besonders Seiteneinsteiger, die sich ihr Wissen durch die tägliche Arbeit angeeignet haben, könnten von dem neuen IT-Weiterbildungssystem profitieren. Entworfen und auf einem gut besuchten Kongress in Berlin vorgestellt haben es die Branchenverbände ZVEI und Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien) sowie die Gewerkschaften IG Metall und Verdi in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). IT-Experten ohne formalen Abschluss können damit über eine standardisierte Qualifizierung Abschlüsse erlangen, die dem Bachelor oder dem Master entsprechen. Interessant dabei ist, dass die Weiterbildung unter normalen Arbeitsbedingungen im eigenen Unternehmen erfolgt. In so genannten Referenzvorhaben, deren Kriterien noch vom Fraunhofer-Institut erarbeitet werden, erledigen die Teilnehmer ihre gewohnte Projektarbeit, die aber dokumentiert und abschließend bewertet wird.

Karrierechancen ohne Studium

In einem Pilotvorhaben der Deutschen Telekom beispielsweise haben sich vom Mai 2001 bis Februar 2002 zwölf Mitarbeiter auf diese Weise zum Netzwerk-Administrator weitergebildet. Eines der Referenzprojekte war der Aufbau eines Router-Netzes innerhalb der Telekom. Das praxisnahe Lernen am Arbeitsplatz empfanden die Teilnehmer als sehr positiv, auch wenn sie gewisse Bereiche wie die Dokumentation oder das Durcharbeiten von Literatur zu Hause erledigen mussten. Bei ihrem Arbeitgeber wurden sie durch Präsenzseminare und Gespräche mit einem Coach unterstützt.

Das praxisnahe Lernen birgt vor allem Chancen für kleinere und mittlere Unternehmen, die es sich nicht leisten können, Personalentwicklung im großen Stil anzubieten. "Ehrgeizige und gute IT-Profis sind in den letzten Jahren zu größeren Firmen abgewandert", bedauert Angela Feuerstein, Mitglied der Geschäftsführung des Softwarehauses Müller & Feuerstein. Sie erhofft sich von dem IT-Weiterbildungssystem Karrierechancen für diejenigen, die weiterkommen, aber nicht studieren wollen.

Für kleinere Firmen wie ihre sei es existenziell wichtig, dass die Weiterbildung in Verbindung mit der täglichen Arbeit stattfinde, denn längerfristige Freistellungen könnten sie sich nicht erlauben. Zudem hat diese Form der praxisnahen Weiterbildung den Vorteil, dass das Lernen anhand von realen, aktuellen Arbeitsaufgaben stattfindet, die dem Arbeitgeber zugute kommen. Gerade wegen der kurzen Innovationszyklen der IT veralten Lerninhalte so schnell, dass sie nach dem Abschluss nur für eine begrenzte Zeit angewendet werden können.

Standardisierte Abschlüsse für Spezialisten ohne Examen

Für Herbert Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik, schließt das neue Weiterbildungssystem die offene Lücke zwischen Berufsausbildung und Studium. Allein die Tatsache, dass die Abbrecherquote bei Informatikstudiengängen fast 50 Prozent beträgt, zeige die Notwendigkeit von standardisierten Abschlüssen für Spezialisten, die ohne Examen in die IT-Berufe drängen. "Gerade in wirtschaftlichen Flautezeiten sind standardisierte Zertifizierungen wichtig", bemerkt Michael Ehrke, Bildungsexperte beim Vorstand der IG-Metall. Ohne diese Abschlüsse laufe man Gefahr, bei einem Arbeitgeberwechsel wieder ganz von vorne anfangen zu müssen.

Die Neuordnung sieht bundesweit einheitliche Berufsprofile auf drei Ebenen vor. Zunächst kann die Position des "Spezialisten" erreicht werden. Dazu können sich Absolventen von Ausbildungsberufen wie IT-Systemelektroniker, Fachinformatiker, Systemkaufmann oder Informatikkaufmann weiterbilden. Praktiker ohne formale Ausbildung haben ebenfalls die Chance, die Spezialistenebene zu erreichen. (siehe Abbildung "Struktur des IT-Weiterbildungssystems").

Auf 29 IT-Profile für Spezialisten haben sich das BMBF sowie IT-Verbände und Gewerkschaften geeinigt. Sie sind in sechs Funktionsgruppen aufgeteilt: Software- und Lösungsentwickler, Entwicklungsbetreuer, Techniker, Administratoren sowie Produkt- beziehungsweise Kundenbetreuer. Zusammen mit den Initiatoren erarbeitet das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik bundeseinheitliche Qualifikationsprofile zu den einzelnen Berufsbildern. Diese Standardisierung könnte die unübersichtliche IT-Berufswelt etwas vereinfachen - und zwar aus Sicht sowohl der Personaler als auch der IT-Spezialisten.

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