IT-Industrie setzt Trainingsstandards

25.07.2002
Von Helga Ballauf
Das wohlbekannte Kürzel APO muss sich nicht immer auf die 68er Zeit beziehen. Neuerdings steht es für "Arbeitsprozessorientierte Weiterbildung in der IT-Branche". Erste Erfahrungen liegen jetzt vor.

Andreas Weckerle hat es geschafft: Er hat sich bei der Deutschen Telekom in Ulm das Spezialistenprofil Netzadministrator erarbeitet - im wahrsten Sinn des Wortes. Der junge Kommunikationselektroniker erhielt den Auftrag, den Domain-Name-Server des Unternehmens neu aufzubauen, das Herzstück jedes Internet-Providers, das Domain-Namen in IP-Adressen umwandelt. "In meiner Erstausbildung habe ich ganz wenig über Netzadministration erfahren“, berichtet Weckerle.

Nun aber musste er verschiedene Betriebssysteme und Netzkomponenten aufeinander abstimmen und den Umgang mit Geräten und Software einfacher gestalten. Er lernte, sich die fehlende Fachkompetenz selbst anzueignen: "Ich holte mir Informationen aus Büchern und dem Netz, besprach mich mit Kollegen und zog bei Problemen den Fachberater hinzu."

Weckerle war einer von elf Teilnehmer des APO-Pilotprojekts bei der Telekom. Jeder Lernende bekommt bei diesem Weiterbildungskonzept einen persönlichen Fachberater, der über inhaltliche Hürden hilft, sowie einen "Prozessberater". Dessen pädagogische und methodische Funktion beschreibt Weckerles Coach, Karl Höb: "Zunächst treffen Teilnehmer und Prozessberater eine Qualifizierungsvereinbarung über Ziel und Zeitrahmen des Projekts. In regelmäßigen Reflexionsgesprächen überprüfen wir den Stand. Schließlich bereite ich den Teilnehmer auf die professionelle Dokumentation und Präsentation der Ergebnisse vor."

Lehrplan für Netzadministratoren

Bei der Arbeit lernen - das ist eigentlich ein alter Hut. Der APO-Ansatz bringt drei neue Elemente: die Reflexion des "nebenbei" Gelernten, die Erweiterung des Wissens über das konkrete Projekt hinaus und den standardisierten Abschluss. Unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik (ISST) sind Firmen- und Gewerk-schaftsvertreter, Sachverständige von Weiterbildungsinstituten und Berufspädagogen dabei, bis 2005 für 29 Spezialistenprofile Qualitätsstandards sowie Handreichungen fürs Lernen vor Ort zu erstellen. Die gesamte Entwicklungsarbeit ist Teil der "IT-Qualifizierungsoffensive" - im Bündnis für Arbeit verabredet und aus Steuergeldern finanziert.

Für den Netzadministrator steht das Curriculum bereits: Vom "Analysieren der Anforderung" über das "Reaktive Entwickeln von Ad-hoc-Lösungen, falls notwendig" bis zum "Technischen Beraten von nichtfachlichen Projektleitern" reichen die beschriebenen Kompetenzfelder im Change-, Fault-, Performance- und Security-Management sowie in Organisation und Beratung (mehr unter: www.kib-net.de).

Pilotprojekt bei der Deutschen Telekom

Es lohnt sich für die Deutsche Telekom, als Pilotbetrieb dabei zu sein: Der Konzern prägt jene Berufsprofile mit, die Branchenstandard werden sollen, sorgt hausintern für den hoch qualifizierten Nachwuchs, der auf dem Arbeitsmarkt nicht zu finden ist, und kann erproben, ob diese IT-Weiterbildung eine Dienstleistung sein kann, die das "Telekom Training Center" künftig Dritten anbietet.

Für den Ulmer Ausbildungsleiter Höb ist das betriebliche Selbstlernkonzept eine logische Konsequenz aus Veränderungen in Berufspädagogik und Arbeitsorganisation. Statt Unterweisen und Nachvollziehen heiße nun das Lernziel: Probleme lösen können. Höb sagt besonders zu, dass der APO-Prozess zeitlich flexibel ist und sich individuell auf Vorkenntnisse und Lerntempo der Teilnehmer zuschneiden lässt: ein Vorteil, der nicht nur Quereinsteigern zugute kommt. Der Ausbildungsleiter glaubt, dass sich das Modell auch für Klein- und Mittelbetriebe eignet: "Interessierte Chefs und Teilnehmer gibt es überall, fähige Fachberater ebenso. Den Prozessberater kann man sich im Firmenverbund leisten oder von einem Bildungsträger holen." Klaus Küper, APO-Verantwortlicher der Telekom, ergänzt: "Diese Form der Weiterbildung ist erheblich teurer als ein Seminarbesuch, weil jeder Teilnehmer individuell betreut wird. Aber gleichzeitig bringt der Arbeitehmer ja etwas ein, weil er konkrete Aufträge erledigt. Unterm Strich lohnt es sich."

Das sieht der IT-Weiterbildungsexperte der IG Metall, Michael Ehrke, ähnlich: "Wir müssen transparent machen, welchen Nutzen APO für kleine Unternehmen hat, aus denen die deutsche IT-Branche ja hauptsächlich besteht." Ein paar Mittelständler gestalten als "Entwicklungspartner" die Spezialistenprofile mit. Außerdem laufen in mehreren Bundesländern Versuche, Weiterbildungsnetzwerke zu knüpfen. Weckerle hat zunächst nur eine vorläufige Bestätigung in der Hand, sich als Netzadministrator qualifiziert zu haben.

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