IT-Freelancer vor schwierigen Aufgaben

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.
Unternehmen schauen genau hin, welche Dienstleistungen sie für ihr Geld von IT-Selbständigen bekommen. Bei den Freiberuflern sind Fachkenntnisse, Sozialkompetenz und verhandlungssicheres Englisch gefragt.

Personalvermittlungs-Agenturen und IT-Freelancer atmen auf - die lange Durststrecke scheint zu Ende. Doch die wirtschaftliche Lage hat ihre Spuren hinterlassen. Etliche der kleineren und mittleren Dienstleister mussten den Kampf aufgeben. Sie meldeten Insolvenz an, wurden aufgekauft oder suchten sich andere Aufgaben. So wurde beispielsweise Entory, einer der großen Player, von der Deutschen Börse übernommen. Seitdem läuft das Agenturgeschäft nur noch nebenbei. Auch Systor und Dialog gehören zu den Opfern der Wirtschaftskrise. Dass die großen Agenturen wie Hays, Parity-Eurosoft, Harvey Nash, aber auch Pass Consulting zu den Gewinnern gehören, liegt nach Meinung von Fachleuten auch an den veränderten Anforderungen der Kunden.

Die Auftraggeber wollen nicht mehr Hunderte Einzelverträge abschließen und wenden sich gleich an die Großen. Dies bedeutet jedoch laut Mario Henzler, Marketing-Chef bei der Hays AG, nicht automatisch das Aus für kleinere Agenturen: "Wenn diese in einer Nische tätig sind und über einen Pool von hoch spezialisierten Hightech-Profis verfügen, haben sie ebenfalls gute Chancen."

Peter Müllerleile, CIO der Unternehmensgruppe DB Services GmbH der Deutschen Bahn in Berlin, bestätigt, dass Anwenderunternehmen mit weniger Aufwand als in den vergangenen Jahren höhere Qualität einkaufen wollen: "Das bedeutet geringere Chancen für diejenigen IT-Freelancer, die nicht durch eine Agentur vermittelt werden." DB Services greift nur dann auf einen IT-Selbständigen zurück, wenn er über langjähriges Projekt-Know-how verfügt und es sich nicht lohnt, einen eigenen Mitarbeiter neu einzuarbeiten.

Gleichzeitig seien die Anforderungen an die Externen gestiegen. Der Berliner CIO: "Die Verantwortlichen schauen sich das Profil eines jeden Einzelnen genau an. Passt der Freelancer nicht ins Raster, hat er keine Chancen. Die Kompromissbereitschaft früherer Tage gibt es nicht mehr." Sollte sich trotz der genauen Auswahl später dennoch herausstellen, dass ein Freiberufler den Anforderungen nicht entspricht, so kommen die meisten Agenturen ihren Kunden entgegen und sorgen für Ersatz.

Ein wichtiger Grund für die gestiegenen Anforderungen ist nach Ansicht des Bahn-Managers die Internationalisierung. Die Externen müssten nicht nur agiler, mobiler und flexibler werden - sie sollten zudem Fremdsprachen beherrschen. Frank Bäurle, IT-Freiberufler aus dem bayerischen Neubiberg, erfährt die veränderte Lage hautnah: "Je mehr sich die Outsourcing- und Offshoring-Projekte durchsetzen, desto größer werden die Anforderungen an die Externen." Bei vielen seiner Kollegen sieht er indes ein großes Manko. Zwar würden mittlerweile etliche Freelancer die englische Sprache beherrschen, hätten aber große Hemmungen sie anzuwenden: Bäurle: "Genau das ist aber bei allen internationalen Unternehmen die absolute Voraussetzung - sogar eine zweite Fremdsprache ist empfehlenswert." Neben Sprachen und Spezialwissen empfiehlt der Freiberufler Know-how in Betriebswirtschaftslehre und Management.

Claus Neumann, Projekt-Manager und Berater in Haar bei München, sieht in der veränderten Arbeitswelt auch Vorteile: "Die Unternehmen benötigen für die Outsourcing-Deals dringend Leute für Relationship-, Delivery- und Contract-Management." Diese IT-Profis müssten dafür sorgen, dass die Service-Levels funktionieren. Neumann: "Wir haben es bei Outsourcing vielfach mit komplexen Systemen zu tun. Hier ist genau zu prüfen, ob sich das Projekt so umsetzen lässt, wie es vorher vertraglich vereinbart wurde." Voraussetzung für diesen Job sei Erfahrung in Management-Disziplinen. "Um dieses Know-how aufzubringen und eine klassische Beraterrolle zu übernehmen, benötigt der Freelancer nicht nur technisches Können, sondern viel Erfahrung", ist Neumann überzeugt. Darüber hinaus würden juristische Kenntnisse immer wichtiger. Neumann, der bei Outsourcing-Deals als Vertragsberater tätig ist, betont: "Natürlich kann sich ein Unternehmen für die Vertragsgestaltung einen Rechtsanwalt nehmen - nur hat der in der Regel keine Ahnung von IT-Projekten. Das ist die Chance, die Externe mit juristischem Know-how nutzen können." Zu denen, die Outsourcing für sich nutzen, gehört die Pareto Consult GmbH aus Neuss. Geschäftsführer Stefan Diehl: "Bei den Firmen, die die ausgelagerten Leistungen erbringen - insbesondere IT- und TK-Dienstleistungen - nimmt die Arbeit zu." So müssten diese Unternehmen bestehende Verträge auswerten, überarbeiten beziehungsweise neu verhandeln und neue Prozesse installieren. Diese Tätigkeiten würden üblicherweise als Projekt mit überschaubarem Zeithorizont organisiert und neben dem Tagesgeschäft anfallen. Berater Diehl: "Genau hier liegen große Chancen für Externe. Denn die betroffenen Unternehmen setzen zur Abdeckung des zusätzlichen Arbeitsbedarfs externe Projektleiter ein." Der verhandlungssichere Gebrauch der englischen Sprache sei in den meisten Fällen ein Muss.

Anna Beeger, Bereichsleiterin Recruiting-Management bei Hays in Mannheim, sieht weitere Einsatzgebiete: "Bei Data Warehousing (DW) und Data Mining erleben wir momentan einen gewissen Hype." Gefragt seien klassische Datenbankexperten, die zusätzlich DW-Kenntnisse erworben hätten. Darüber hinaus müssten sie die Tools bestimmter Hersteller kennen und über das benötigte Prozess-Know-how verfügen.

Eine zunehmend wichtige Rolle nimmt laut Beeger auch der Security-Bereich ein. Marktanalysten erwarten, dass die Zahl der Sicherheitsfachleute weltweit von heute 1,3 Millionen auf fast 2,2 Millionen im Jahr 2008 zulegen wird. Wolfram Funk, Senior Consultant bei der Meta Group in Ismaning, nennt die neuen Gefahrenbereiche: "Mit Sicherheitslöchern ist sowohl bei den Web-Services als auch bei Mobile Computing verstärkt zu rechnen." Da dem zunehmenden Sicherheitsbewusstsein fast immer begrenzte Budgets gegenüberständen, würden viele Unternehmen eher auf qualifizierte Freelancer als auf Festeinstellungen setzen.

Freiberufler arbeiten in Anwenderfirmen

"Vor allem für das Fraud-Management, also die Betrugsvermeidung, werden verstärkt Freelancer gesucht", berichtet Beeger. Um die möglichen Sicherheitslöcher zu stopfen und den Hackern Paroli bieten zu können, müssten sie auf jeden Fall über Prozesswissen verfügen. Last, but not least, komme es in diesem sensiblen Bereich auf Sozialkompetenz an. Beegers Fazit: "Es gibt auch in einer veränderten IT-Welt genügend interessante Aufgabenfelder für IT-Selbständige - vorausgesetzt, sie sind qualifiziert."

Beim international tätigen Unternehmen Fressnapf Tiernahrungs GmbH in Krefeld gehören Freiberufler zum IT-Alltag. Sie werden oft vom Beratungshaus empfohlen, das die Softwaresysteme einführt. Sich auf dem freien Markt selbst nach passenden Leuten umzuschauen ist eher die Ausnahme. Bernd Hilgenberg, Ressortleiter IT, hat in der Vergangenheit mit Freiberuflern nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Kein Wunder, dass er von ihnen einen "messbaren Mehrwert" verlangt: "Den kann der Externe nur liefern, wenn er innerhalb einer vorgegebenen Zeit ein gutes Arbeitsergebnis abliefert." Mittelständische Unternehmen würden erwarten, dass der IT-Selbständige sich mit dem Sachproblem auseinander setzt, sein Handwerk einschließlich methodischen Wissens beherrscht und Konzepte anbietet, die Hand und Fuß haben.

Initiativ beim Mittelstand bewerben

Der Fressnapf-Manager: "Fachliche Kompetenz allein reicht aber nicht aus. Das Wissen muss zudem leicht verständlich aufbereitet werden, denn Kommunikationsprobleme schaffen Reibungsverluste und kosten Zeit und Geld." Die Qualität eines Freelancers hänge auch davon ab, wie die Mitarbeiter schnellstmöglich von seinem Know-how profitieren können. Hilgenberg: "Der Freiberufler muss so kompetent sein, dass er auf Probleme mit Lösungen und nicht mit Gegenfragen reagiert. Hierzu gehört auch ein Werkzeugkasten mit Konzepten und Methoden, die er sofort produktiv einsetzen kann."

Der Nähgarn-Hersteller Amann in Bönnigheim sucht sich dagegen seine Freiberufler selbst. In dem Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern werden Externe nämlich vielfach aufgrund ihrer Initiativbewerbung ausgewählt. IT-Chef Peter Horn: "Wenn im Anforderungsumfeld Spitzen abzudecken sind, arbeiten wir auf jeden Fall mit Freelancern zusammen - und profitieren von ihrem Know-how. Wir können es uns nicht leisten, für jede Anwendung eigene Leute zu qualifizieren." (hk)