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IT-Branche trägt Trauer - nur Rudi jubelt (3)

02.01.2003
Wie üblich präsentieren wir Ihnen zwischen den Jahren den COMPUTERWOCHE-Rückblick auf das IT-Jahr 2002. Der heutige dritte Teil behandelt die Monate Juli bis September.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - 2002 war nichts für Nervenschwache: Die Insolvenzen bewegen sich auf Rekordkurs. Was mancher Manager als Kostendämpfung ankündigt, kommt einem Kahlschlag gleich. Alles spart, alles wartet, alles hofft. Nirgends Aufbruchstimmung. Deutschland tut, was manche als seine liebste Beschäftigung ansehen - es klagt, lamentiert und stagniert. Ein Jahr geht zu Ende, das so niemand mehr erleben will.

JULI

Im Juli erhalten Gerüchte um eine mögliche Demission von Telekom-Chef Ron Sommer neue Nahrung. Die Milliardenschulden seines Unternehmens und der Sturzflug der T-Aktie lassen es geboten erscheinen, dass Kanzler Gerhard Schröder ein Machtwort spricht und Sommer seines Amtes enthebt. Noch dementiert Berlin.

Mindestens einem Bömbchen kommt es gleich, als SAP Mitte Juli verlauten ließ, die Umsatzprognose für das Jahr 2002 müsse revidiert werden, und ein negatives Ergebnis für das zweite Geschäftsquartal sei zu erwarten. Vielleicht sollte man einfach keine Zeitung mehr lesen.

Es gibt Leute, die behaupten, die CW schreibe kritisch über Microsoft. Das stimmt. Deshalb veröffentlichen wir jetzt mal was Nettes von der Gates-Company: Die hat nämlich das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2001/02 mit einem NettoGEWINN von 1,53 Milliarden Dollar abgeschlossen und im gesamten Jahr einen PROFIT von 7,8 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Microsoft-Chef Ballmer sagt ferner, er werde im nächsten Jahr 5000 Mitarbeiter EINSTELLEN. Kennt man diese Ausdrücke noch? Die Nachrichten lesen sich so gut, dass sie ja eigentlich fast schon wieder unanständig sind. Aber wir schreiben hier, dass wir das jetzt sehr gerne geschrieben haben.

Über Siebel schreiben wir oft gar nicht so negativ. Dessen Umsatz bricht aber im zweiten Quartal trotzdem um 30 Prozent ein, und das Unternehmen entlässt 1200 Mitarbeiter. Müssen wir schreiben.

AUGUST

Im Sommer- und Ferienmonat meldet der Branchenverband Bitkom für das Jahr 2002 erstmals seit Anfang der 90er Jahre einen Rückgang der Mitarbeiterzahl in der ITK-Branche. Das entspricht einem Minus von 3,4 Prozent.

Dass sich die IBM seit der Ära Louis Gerstner zum größten IT-Dienstleister der Welt genausert hat, hält den neuen Firmenlenker Palmisano nicht ab, sich auch noch die Consulting-Sparte von Pricewaterhouse-Coopers (PwC) samt 30.000 PwC-Mitarbeitern einzuverleiben. Dabei hat IBMs eigene Dienstleistungstruppe IBM Global Services (IGS) bereits 150.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet 40 Prozent des gesamten Umsatzes von Big Blue.

Apropos gute Nachrichten, schlechte Nachrichten: Gerade erst haut uns Peoplesoft-Chef Craig Conway um die Ohren, er könne die schlechten Nachrichten nicht mehr lesen, wir sollten doch endlich auch mal für eine gute Stimmung sorgen. Mit einer guten Stimmung - Psychologie ist bekanntlich alles - würden auch die Geschäfte wieder gut laufen.

Also das probieren wir jetzt mal: Zwar hat nach T-Mobile und O2 jetzt auch D2 Vodafone den Startschuss für die Inbetriebnahme seines UMTS-Netzes verschoben. Auch die schwedische Tele 2 friert ihre Investitionen für UMTS ein. Und die France-Télécom-Tochter Orange sieht auch keine Nachfrage mehr nach mobilen Datendiensten - UMTS ist also eigentlich am Ende. Ein Riesentiger ist grandios als Bettvorleger geendet. Aber sind Tante Käthes elf Freunde nicht immer noch Vize-Weltmeister? Wenn das keine gute Stimmung verbreitet!

Worldcom gesteht, müssen wir im August leider auch schreiben, weitere Fehlbuchungen ein. Dafür haben sich die Niederlande gar nicht erst für die Fußball-WM qualifiziert! Und die Lintec AG sieht ganz schweren Zeiten entgegen. Umsatzeinbußen und Verluste bringen den ostdeutschen Computerhersteller in die Bredouille. Aber England und Argentinien sind schon in der Vorrunde ausgeschieden bei der Fußball-WM!

Und dass die IBM gleich fünf Prozent oder 15.600 Mitarbeitern die rote Karte zeigt, sollte uns die Stimmung nicht zu sehr vermiesen. Wir sind schließlich alle freie Marktwirtschaftler.

Und hatten nicht IBM-Deutschland-Chef Erwin Staudt und Jenoptik-Speerspitze Lothar Späth verlangt, Deutschland müsse IT-mäßig weltweit an die Spitze rücken, um im Wettbewerb bestehen zu können? Ha, jeder zweite Deutsche, sagt das Berliner Marktforschungsinstitut Forsa, ist mittlerweile im Internet. Wir wissen zwar nicht, ob das jetzt eine positive Nachricht oder überhaupt eine ist - aber für die Stimmung tun wir alles.

Dell meldet für das zweite Geschäftsjahr einen Nettogewinn von 501 Millionen Dollar. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um sechs Prozent.

Novell legt in seinem dritten Geschäftsquartal ein positives Nettoergebnis vor. Das hat die Analysten an der Wallstreet so angenehm überrascht, dass in der Folge der Kurs der Aktie um 30 Prozent steigt.Na also, geht doch mit den positiven Nachrichten und Stimmungen.

Gut, 15 AOL-Manager hat die US-amerikanische Börsenaufsicht in Verdacht, den Aktienkurs künstlich in die Höhe getrieben und rechtzeitig vor dem Absturz ihrer Anteile äußerst gewinnbringend verkauft zu haben. Aber mal ehrlich: haben wir nicht immer gewusst, dass das so läuft? Davon lassen wir uns die Stimmung nicht vermiesen.

Telekom-Chef Ron Sommer wird (rechtzeitig?) vor der Bundestagswahl am 22. September geopfert. Angeblich von Kanzler Schröder. Dementiert der natürlich. Helmut Sihler, der auch gut als Alterspräsident durchgehen würde, wird Interimschef beim größten deutschen Telekom-Konzern.

SEPTEMBER

HP, mittlerweile auch rechtlich mit Compaq fusioniert, legt ein Geschäftsergebnis für das dritte Quartal vor, das eigentlich furchterregend ist: Im PC- und Server-Segment schreibt die Firma, die sich Computerunternehmen nennt, rote Zahlen und verliert Marktanteile. Bei Druckern steigen die Gewinne insbesondere auch wegen der Geschäfte mit Zusatz- und Ersatzteilkomponenten wie Druckerkartuschen. Ob das doch stimmt, was Sun-Chef Scott McNealy schon vor Jahren lobte? Dass HP ja eine sehr erfolgreiche Druckerfirma sei?

Apropos Erfolg und gute Stimmung: Der US-Festplattenhersteller Quantum muss wegen der anhaltend schleppenden Nachfrage jeden dritten Mitarbeiter entlassen. Hätte ja auch jeder Zweite sein können.

Bill Gates verliert im Lauf des Jahres elf Milliarden Dollar an Vermögen. Das ist nicht so tragisch, besitzt er doch immer noch 43 Milliarden Dollar. In Deutschland gibt es ungefähr sechs Unternehmen, die so viel an Marktkapitalisierung besitzen.

Für Mobilcom ist mal wieder eine Wende eingetreten: Mitte September entscheidet die France Télécom, ihr Engagement bei den Büdelsdorfern komplett zu beenden. Um nicht alle 5500 Arbeitsplätze zu gefährden, wollen der Bund und das Land Schleswig-Holstein eine Bürgschaft über 400 Millionen Euro bereitstellen.

Ab dem 2. September läuft derweil das Insolvenzverfahren für Brain. Hinter den Kulissen hat das Tauziehen um Kunden und lukrative Wartungsverträge begonnen. Vorstand Hans-Peter Eitel versucht zu retten, was eigentlich nicht mehr zu retten ist.

Sun Microsystems überrascht derweil mit der Ankündigung, man wolle ins PC-Geschäft einsteigen. Natürlich nicht mit einem Betriebssystem des Erzfeindes Microsoft bewehrt, sondern mit Linux. 1989 hatte sich Sun auch schon mal in ein PC-Abenteuer gestürzt. Das ging seinerzeit kräftig in die Hose: Die "386i"-Rechner vergammelten in den Lagern, und Sun fuhr zum ersten Mal seit seiner Gründung 1982 Quartalsverluste ein.

EDS, nach der IBM zweitgrößter IT-Dienstleister der Welt, gibt in einer Meldung Ende September bekannt, dass der Markt für IT-Services praktisch "zum Stillstand" gekommen sei. Das werde sich bis Mitte 2003 auch nicht wesentlich ändern. Die Umsatz- und Gewinnprognosen fahren die Texaner entsprechend drastisch zurück - prompt rauscht die EDS-Aktie um mehr als 30 Prozent in den Keller. (jm)