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IT-Branche trägt Trauer - nur Rudi jubelt (2)

31.12.2002
Wie üblich präsentieren wir Ihnen zwischen den Jahren den COMPUTERWOCHE-Rückblick auf das IT-Jahr 2002. Der heutige zweite Teil behandelt die Monate April bis Juni.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - 2002 war nichts für Nervenschwache: Die Insolvenzen bewegen sich auf Rekordkurs. Was mancher Manager als Kostendämpfung ankündigt, kommt einem Kahlschlag gleich. Alles spart, alles wartet, alles hofft. Nirgends Aufbruchstimmung. Deutschland tut, was manche als seine liebste Beschäftigung ansehen - es klagt, lamentiert und stagniert. Ein Jahr geht zu Ende, das so niemand mehr erleben will.

APRIL

Für gute Stimmung sorgt im Frühjahr auch SAP: Widerborstige Benutzer älterer R/3-Versionen, die nicht auf aktuelle Varianten der Software umsatteln wollen, sollen künftig einen Wartungsbeitrag zahlen. Auf diese Weise will SAP die Zahl der zu pflegenden Versionen reduzieren. Eigentlich, mutmaßen wir mal, sollen - halb zog sie ihn, halb sank er hin - Anwender auf die Mysap-Plattform gelockt werden. "Wenn Sie nicht mein neues Automodell kaufen, zahlen Sie für künftige Inspektionen halt doppelt so viel." So was nennt sich wohl Kundennähe.

Gartner findet bei der Befragung von 415 europäischen Unternehmen in acht Ländern heraus, dass die IT-Verantwortlichen mit ihren Budgets noch mindestens bis Mitte 2003 knausrig umgehen werden. Die Talsohle sei zwar erreicht, trotzdem laute die Losung: Irgendwie überwintern. Kennen wir den Spruch nicht irgendwoher?

Und gleich noch einmal steht SAP eher unrühmlich im Rampenlicht: Eine Migration bei den Münchner Stadtwerken (SWM) auf das R/3-Modul "Industry Solution Utilities/Customer Care and Services" (IS-U/CSS) ist offensichtlich so gründlich danebengegangen, dass der Energieversorger für manche Kunden keine Abrechnungen mehr ausstellen kann. Offiziell werden von allen Seiten die Probleme natürlich dementiert - was befragte SWM-Kunden sehr verwundert. Und wir hier erinnern uns, dass es ganz ähnliche Probleme mit SAP-Software bereits bei der GEW Köln, bei einem Darmstädter Energieversorger oder auch bei der im Frankfurter Raum tätigen Mainova gab.

Size does matter - sagt sich jedenfalls der schwedische Carrier Telia und verleibt sich den finnischen TK-Konzern Sonera Oy ein. Für den Gegenwert von sieben Milliarden Euro entsteht das größte skandinavische TK-Unternehmen.

Gerhard Schmid: Wer sich auf's Glatteis begibt

Und dann schlittert der ehemalige Eishockeyspieler Gerhard Schmid vom Eis, auf das er sich mit der France Télécom begeben hat. Seinen Anteil von 40 Prozent will er an eine Reihe von Banken und Investoren abgeben. Wir können Ihnen schon jetzt sagen, dass das noch nicht der letzte Wortwechsel auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zwischen Schmid und seinem France-Télécom-Antipoden Michel Bon gewesen ist.

Und weiter geht es mit den schlechten Nachrichten: Die Heyde AG beantragt im April das Insolvenzverfahren. Der einstige Börsenstar und IT-Dienstleister ist zahlungsunfähig.

Ein historisches Ereignis bahnt sich ebenfalls im Frühjahr an: Microsoft, nicht gerade mit einem Verlierer-Image behaftet, muss eingestehen, dass seine Internet-Dienste ".NET My Services" keine Unterstützung in der Branche findet. Microsofts Geschäftsmodell für Web-Services ist gescheitert - und wir hier fragen uns, wer wohl dafür in Seattle einen Kopf kürzer gemacht wird.

Dass die New Economy abgewirtschaftet hat, wissen wir. Dass darob Firmen im Orkus verschwinden, auch. Zunehmend geläufig wird im Jahr 2002 allerdings das Phänomen, dass Firmenvorstände ambitioniert gestarteter Unternehmen gesiebte Luft atmen müssen. Jürgen Bintrup, Gründer des als CE Computer Equipment AG gestarteten DMS-Anbieters (DMS = Dokumenten-Management-System) und sein Vorstandskollege Thomas Wenzke werden wegen angeblichen Betrugs und Insiderhandels in staatlichen Gewahrsam genommen.

In England dürfen die Bürger Liverpools und Sheffields bei den Kommunalwahlen erstmals per Handy abstimmen. Ob sich so etwas hierzulande auch als Modell für mehr Bürgerbeteiligung eignen würde, ist angesichts der Auswahl derer, die gewählt werden wollen, eine schwierige Frage.

Signalwirkung für die Outsourcing-Szene? Die größte deutsche, eben Deutsche Bank, stellt mehr als nur Gedanken an, ihre IT in die Verantwortung eines aushäusigen Dienstleisters zu übergeben. Entsprechende Meldungen, in denen die Kandidaten gleich mitgenannt werden, bescheidet COO Hermann-Josef Lamberti gegenüber dieser Zeitung mit dem klaren Kommentar: Nix is fix.

MAI

Mal was Neues vom Fusions-Hickhack HP-Compaq: Noch immer sind die beiden Firmen nicht verschmolzen. Immer noch beharken sich die Befürworter und Gegner des Zusammenschlusses. Mittlerweile ist man vor Gericht gelandet, wo geklärt werden soll, ob HP-Chefin Fiorina noch Unentschlossene vielleicht durch kleine Aufmerksamkeiten überzeugt haben könnte, für die Fusion zu stimmen.

Network Associates ist Sicherheitsanbieter. Das klingt komisch im Zusammenhang mit der Meldung, dass die Bilanzen aus den Jahren 1999 und 2000 alles andere als sicher richtig waren. Jetzt müssen Buchprüfer sich wieder über die alten Geschäftsergebnisse beugen und vielleicht Lug und Betrug aufdecken. Die Übernahme von McAfee.com wird deshalb schon mal abgeblasen.

Als Microsoft den CRM-Anbieter Great Plains übernahm und Großes ankündigte, lächelte Siebel nur. Mitte Mai kauft die Gates-Company den dänischen ERP-Anbieter Navision. Mit dessen Software will der Softwaregigant den Mittelstand für ERP anfixen. SAP-Vorstand Hasso Plattner kommentiert das Ansinnen ziemlich diplomatisch und professionell: "Wir nehmen das sehr ernst, ohne vor dem Riesen Microsoft Angst zu haben."

Bei Sun Microsystems scheint der Haussegen schief zu hängen: Innerhalb kürzester Zeit verlassen im Mai mit Ed Zander, Michael Leh-mann, John Shoemaker, Larry Hambly und Stephen DeWitt gleich fünf Topmanager das Unternehmen.

Neue Besen kehren gut

Und dann ist es so weit: Richter William Chandler gewinnt dem Rosenkrieg zwischen HP-Chefin Fiorina und HP-Gründersohn Walter Hewlett offensichtlich nichts mehr ab und weist die Klage von Hewlett zurück. Er vermöge nicht zu erkennen, dass HP seinen Aktionären Informationen vorenthalten habe, die für die Fusionsentscheidung von Bedeutung gewesen wären. Der Weg für die Compaq-Übernahme ist frei.

Kaum im Amt, beweist IBM-CEO Sam Palmisano schon, wie das Wort vom neuen Besen, der gut kehrt, richtig zu verstehen ist. Der Branche geht es schlecht, also auch IBM, also feuert der Gerstner-Nachfolger rund drei Prozent der insgesamt 318.000 IBM-Mitarbeiter. Bei solchen Nachrichten, die ja nicht gerade selten auf unseren Tisch flattern, fragen wir uns manchmal, ob Unternehmensverantwortliche eigentlich noch etwas können außer Entlassungen auszusprechen. Manchmal - na ja, meistens - macht es Spaß, Marktführer zu sein oder zumindest einer der ganz Großen. Dell ist so einer. Der Direktvertreiber von PCs und Intel-Servern gibt Ende Mai bekannt, er wolle auch ins Druckergeschäft einsteigen. Da dürfte manchem bei HP, dem Fastmonopolisten im Druckergeschäft, das Gesicht in den Teller gefallen sein. Bislang gibt es aber nur Absichtserklärungen zur Zusammenarbeit mit Partnern. Schau mer mal, dann sehn mer scho, wie ein großer deutscher Ex-Trainer ohne Lizenz zu

sagen pflegt.

Nach Global Crossing, das in Sachen Missmanagement die Latte ziemlich hoch gelegt hat und nach Williams Communications strandet mit KPN Qwest ein weiterer Großer aus der Kommunikations- und Glasfaserbranche mit Pauken und Trompeten. Die Niederländer müssen Gläubigerschutz anmelden. Jetzt sollen Teile des Unternehmens verkauft oder Joint Ventures mit anderen Firmen eingegangen werden.

Mal was von uns: Ende Mai 2002 verlässt mit Nora Hörmann ein Gründungsmitglied der Redaktion das Unternehmen. Hörmann war Schreiberin der ersten Tage der CW, als die sich im Oktober 1974 anschickte, die unangefochtene Nummer eins der IT-Medienwelt zu werden (Okay, zumindest bei den Titeln, die Know-how über das gesamte IT-Themenspektrum aufweisen können.) "30 Jahre CW sind genug", kommentiert Hörmann, und wir können der Kollegin nur alles Gute für die kommenden Dezennien wünschen.

JUNI

"Wir erhöhen die IT-Sicherheit durch die Vermeidung von Monokulturen. Wir verringern die Abhängigkeit von einzelnen Softwareanbietern. Wir sparen zudem beim Kauf der Software und bei den laufenden Kosten." Wissen Sie, wer das gesagt haben könnte? Kommen Sie nicht drauf. War ein deutscher Bundesinnnenminister namens Otto Schily. Der setzt bei öffentlichen Verwaltungen voll auf Open Source.

Leider denkt dasselbe Ministerium in anderen Sachverhalten erheblich weniger offen: Im Bundesrat geht eine Gesetzesvorlage durch, die Telekom-Provider verpflichtet, Nutzungsdaten von Telefon-, Mobilfunk- und Internet-Nutzern in wesentlich größerem Umfang als bisher und über einen bis dato nicht für möglich gehaltenen Zeitraum festzuhalten und auf Anfrage an Ermittlungsbehörden weiterzugeben. Datenschützer sind entsetzt, ihr oberster Dienstherr Schily findet das gut.

Und wieder einmal interessieren sich hierzulande Richter für Geschäftspraktiken deutscher Manager: Diesmal geht es um erklärungsbedürftige Finanztransaktionen der SER Systems AG, die SER-Gründer Gert Reinhardt in Gang gebracht hat. Per Management-Buyout sollten wesentliche Vermögensteile an leitende Mitarbeiter verschachert werden. Das Landgericht Koblenz wollte die trickreiche Verschiebung per einstweilige Verfügung aufheben, was Reinhardt offenbar nicht anficht. Aus den USA, wohin er sich in weiser Voraussicht begeben hat, lässt er mitteilen, alles sei in bester Ordnung. Trotzdem möchte er bis auf weiteres lieber keinen Heimatboden betreten.

Im Juni ist es nun so, dass die Balltruppe von Tante Käthe vor den Augen einer ungläubig staunenden Weltöffentlichkeit ihr Niveau bei weitem überschreitet. Sie tut nämlich das, was Dutzende andere Nationen seit langem praktizieren, sie spielt einfach Fußball - zunehmend jedenfalls. Mit dieser genialen Strategie kommen die teutonischen Balljongleure - in Pisa-Deutschland weiß da schon lange niemand mehr, wie man das Wort schreibt - bis ins Fiiinaaaleee. Dort müssen sie sich zwar den noch größeren Ballkünsten der Brasilianer beugen. Das erledigen sie aber mit sehr viel Bravour. Nachher gibt es "nur ein Ruudiii Vööölleeerr" - und wir müssen diesen Umstand hier einfach auch erwähnen, damit wenigstens einmal was Positives zu vermelden gewesen ist. Auch diese Überschriften aus der CW gilt es nämlich zu zitieren: "Worldcoms Bilanzskandal kostet 17.000 Arbeitsplätze", "Cap Gemini entlässt erneut 5500

Mitarbeiter", "Brain zahlt im Juni keine Gehälter", "Xerox korrigiert seine Bilanzen", "Bankrotter Carrier KPN Qwest wird wohl zerlegt". Alles in einer Ausgabe. Jetzt verstehen Sie vielleicht auch, warum es langsam keinen Spaß mehr macht, diesen Jahresrückblick zu schreiben. (jm)