Kolumne

IT-Branche baut am digitalen Luftschloss

11.01.2005

Der Einfluss der Unterhaltungselektronik auf die kommerzielle IT wächst rasant. Da ist zunächst die große Wette zu nennen, die Microsoft auf die Zukunft des digitalen Heims abgeschlossen hat. Analysten zufolge investierte der Softwarehersteller bisher rund 20 Milliarden Dollar in diesen Markt - schon lange, bevor er überhaupt so hieß. Bisher haben sich allerdings die Investitionen in Kabel-Companies und Settopboxen (Comcast), in Spielekonsolen (Xbox), Online-Dienste (MSN), digitale Inhalte und schließlich in die Media Center genannte Windows-Version bei weitem noch nicht ausgezahlt. Geld verdienen wird Microsoft damit nur dann, wenn die drei großen Bereiche des Home-Entertainments Audio, Video, Spiele tatsächlich unter dem gemeinsamen Dach eines wie auch immer gearteten PC zusammenwachsen. Microsoft kalkuliert damit, die gesamte Steuereinheit für elektronische Unterhaltung in die Haushalte zu liefern. Die Chancen dafür stehen zwar nicht schlecht, falls die nach wie vor großen Hürden unzureichende Systemstabilität, zu geringe Bedienerfreundlichkeit und fehlende Standards überwunden werden. Gerade das letzte Hindernis dürfte aber nicht einfach zu nehmen sein, wenn man sich allein das Gezerre um die möglichen nächsten DVD-Standards Blu Ray und HD-DVD anschaut. Außerdem müssen die Größen der Unterhaltungselektronik einbezogen werden, bevor Standards den Austausch von Inhalten über die Grenzen der verschiedenen Plattformen hinweg erlauben. Ganz zu schweigen von fehlenden Standards für das Digital-Rights-Management, das letztendlich dafür sorgen soll, dass Inhalteproduzenten an den digitalen Contents verdienen.

Außer Microsoft haben auch andere IT-Hersteller stark in das Home-Entertainment investiert: HP zum Beispiel, Apple, Intel und in geringerem Ausmaß Dell. Ob sich das Engagement lohnt, hängt vom Verhalten der Konsumenten ab. Eventuell bescheiden sich die Verbraucher auch mit weniger umfassenden Ansätzen, sind beispielsweise froh, wenn ihr digitaler Videorekorder mehrere Fernseher im Haus versorgt. Sollte das der Fall sein, geht die Rechnung des IT-Lagers nicht auf, und die Giganten der Unterhaltungselektronik tragen den Sieg davon.

Dann stehen Microsoft und Co. vor riesigen Investitionsruinen, die sich auch schädlich auf die kommerzielle IT auswirken, für deren Weiterentwicklung sie in den kommenden Jahren weniger Aufwand betreiben, um ihre Träume vom digitalen Heim zu verwirklichen. Womöglich mit der Konsequenz, dass die Produktivitätsfortschritte, die den Anwenderunternehmen bisher durch Innovationen in der IT ermöglicht werden, in Zukunft kleiner werden oder ganz ausbleiben.