Die IT fährt mit

IT-Berater in der Autoindustrie

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
In der Automobilindustrie gibt es für IT-Berater jede Menge Möglichkeiten. Branchenkenntnisse geben dabei oft nicht den Ausschlag. Gefragt ist vielmehr IT-Know-how in nahezu allen Bereichen.

Ein Auto ist heute nicht nur ein Wunderwerk der Ingenieurskunst, sondern auch ein elektronisches Meisterwerk", sagt Andreas Baier aus tiefster Überzeugung. Baier arbeitet als Geschäftsführer Automotive für Accenture und kennt die Branche bestens. "IT spielt in allen Geschäftsfeldern der Hersteller, Zulieferer und Händler eine entscheidende Rolle."

Andreas Baier, Accenture: "IT spielt für Hersteller, Zulieferer und Händler eine entscheidende Rolle."
Andreas Baier, Accenture: "IT spielt für Hersteller, Zulieferer und Händler eine entscheidende Rolle."
Foto: Accenture

Neuere Forschungsergebnisse sorgten in den vergangenen Monaten für Furore, manche Branchenkenner sehen das vernetzte Auto in Zukunft als Alleskönner. Es bremst selbständig, bevor der Fahrer die Gefahr erkennt, es liest die Zeitung oder eingehende E-Mails vor und ermahnt den Menschen hinter dem Steuer, eine Pause einzulegen, wenn seine Aufmerksamkeit nachlässt. Baier kennt diese Innovationen und räumt einigen gute Chancen ein: "Wenn sich beispielsweise beim Fahrer Flüchtigkeitsfehler einschleichen, macht ihn ein Warnsystem darauf aufmerksam. Auch ein automatischer Notruf, wenn ein Unfall auf einer abgelegenen Strecke passiert und keine Hilfe zur Stelle ist, kann Leben retten."

Kostensenken bleibt Thema

Allerdings ist Baier skeptisch, wenn das klassische Fortbewegungsmittel mit Funktionen überfrachtet wird: "Sicher kann ich mir E-Mails vorlesen lassen und diese auch beantworten. Doch das limitiert meine Aufmerksamkeit, die ich für den Straßenverkehr benötige."

Zwar forscht die Automobilbranche intensiv an solchen Zukunftsszenarien, doch eine kürzlich veröffentlichte Studie von PAC (Pierre Audoin Consultants) zeigt, dass Hersteller, Zulieferer und Händler in ihrem Arbeitsalltag ganz andere Themen umtreiben. 77 Prozent der Befragten wollen ihre Kosten weiter reduzieren und die Effizienz steigern.

Dabei setzen sie auf IT-Lösungen und holen sich auch Berater ins Haus. "Wir bieten die ganze Bandbreite an Consulting-Leistung an, von der Marktforschung bis zu Bezahlformen per App", umreißt Baier das Aufgabenspektrum seiner Mitarbeiter. "Doch auch Standardthemen wie IT-Sicherheit oder CRM-Lösungen sind in der Branche sehr gefragt."

Die Automobilindustrie bietet IT-Beratern mit SAP- und Big-Data-Wissen genauso interessante Projekte wie Logistikspezialisten, CRM-Experten und sogar Medizininformatikern. "Momentan müssen IT-Experten nicht zwingend Automotive-Erfahrung mitbringen", beruhigt Baier künftige Bewerber. Accenture suche vor allem solche, die sich für Autos und die Branche begeistern können.

Autohandel verschwindet nicht

Auch die klassischen Vertriebswege in der Automobilbranche verändern sich. Viele Hersteller inszenieren mittlerweile die Übergabe eines Neuwagens an den Kunden. Zuvor experimentieren Interessenten in virtuellen Verkaufsräumen mit den verfügbaren Extras für ihr zukünftiges Auto. "Das Einkaufserlebnis im Netz braucht eine perfekte 3D-Darstellung und eine schnelle Internet-Verbindung", sagt Baier. Hier sind Online-Designer gefragt, die die virtuellen Plattformen ansprechend gestalten. Um den klassischen Autohandel ist dem Accenture-Mann nicht bange: "Es wird graduelle Verschiebungen geben, doch der Handel verliert nicht seine wichtige Rolle." Gerade Käufer, die sich wie selbstverständlich im Netz bewegen, wünschten sich eine stärkere Verknüpfung beider Welten. "Für Händler wird das Internet als zusätzlicher Verkaufsraum immer wichtiger", weiß Baier aus vielen Gesprächen. Spannend findet es der Berater, wenn klassische Online-Händler in den Vertrieb einsteigen: "Das schafft ganz neue Markttransparenz."

Innovation ja, aber IT muss laufen

Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook eignen sich zwar für die Kundenkommunikation, und viele Akteure in der Automobilbranche nutzen diese Kanäle für das Marketing, doch bisher integrieren nur wenige Hersteller und Händler diese Tools in ihre Firmenstrategie, wie die PAC-Studie zeigt. Auch hier wartet auf die IT-Berater noch viel Arbeit, und Baier sieht Nachholbedarf, gerade weil sich das Auto als emotionales Produkt hervorragend für solche Vertriebskanäle eigne. Auch die mobilen Endgeräte wie Tablet-PCs oder Smartphones seien noch nicht überall in die IT-Landschaft des Autos integriert.

Noch klingt es wie Zukunftsmusik, dass ein Auto eigenständig bremst oder die Lenkung übernimmt. Doch der Automobil-Experte Baier weiß, dass Anwendungen wie die Versicherungs-Blackbox auf großes Interesse stoßen. Sensoren registrieren genau, ob sich der Fahrer an die Verkehrsregeln hält, vorbildliches Verhalten wird mit einer niedrigeren Versicherungsprämie belohnt. Praktisch ist auch, wenn der Wagen auf dem Weg in die Vertragswerkstatt eine SMS an den Monteur schickt und sich ankündigt. Das spart allen viel Zeit. Doch all diese Erleichterungen funktionieren nur, wenn die IT im Hintergrund reibungslos läuft. (hk)

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