Azubis lernen in Junior-Softwarehäusern Projekte abwickeln

IT-Ausbildung: Aufbruchstimmung bei der Deutschen Bahn

12.05.2000
In den jüngst eingerichteten Junior-Systemhäusern will die Deutsche Bahn AG ihre Auszubildenden möglichst schnell für den Einsatz in konkreten IT-Projekten fit machen. Neben Technik-Know-how sollen sie sich auf diese Weise auch BWL-Wissen aneignen.Von Veronika Renkes*

Mit einer Berufsausbildung von der Stange können Unternehmen angesichts des globalen Wettbewerbs nicht mehr mithalten. Kreativität ist gefragt. "Die Firmen müssen das Zepter selbst in die Hand nehmen und neue Ausbildungsgänge konzipieren, die ihrem Anforderungsprofil gerecht werden", fordert Lothar Hofmann, verantwortlich für das Trainingszentrum Frankfurt am Main der Deutschen Bahn AG. So lernen die derzeit 12000 Auszubildenden - jeder siebte Mitarbeiter der Bahn ist Azubi - projektübergreifendes, interdisziplinäres Arbeiten.

In Frankfurt, Hamm, Berlin und Leipzig wurden so genannte Junior-Softwarehäuser für die Auszubildenden aus den neuen IT-Berufen eingerichtet. Hier absolvieren die angehenden IT-Systemelektroniker, IT-Anwendungsentwickler sowie Fachinformatiker Systemintegration gut ein Viertel ihrer praktischen Ausbildung.

Bei der theoretischen Ausbildung kooperiert die Bahn mit AEG-Signum und liegt damit im Trend: Immer mehr Unternehmen arbeiten bei der Ausbildung zusammen. Sie teilen sich Lehrlinge, kaufen Ausbildungsmodule extern ein oder verkaufen ihre Ausbildungskapazitäten. "Ausbildung ist mittlerweile zur Dienstleistung geworden", sagt Jürgen Ostrowski, Geschäftsführer der ABB Training Center Rhein-Neckar GmbH.

Zeitgemäß agiert die Deutsche Bahn auch mit ihrem Konzept der Junior-Firmen, die möglichst von den Auszubildenden selbst geleitet werden sollen. Gestartet hat das einstige Staatsunternehmen diesen innovativen Vorstoß mit den Junior-Bahnhöfen, bei denen die Azubis den kompletten Schalterdienst eines Bahnhofes abwickeln. Seit September 1999 gibt es die Junior-Softwarehäuser für den IT-Nachwuchs. Derzeit bildet die Bahn 250 Azubis in den neuen IT-Berufen aus, davon 53 allein im Frankfurter Trainingszentrum.

Die Junior-Softwarehäuser funktionieren wie ein eigenes Unternehmen. Bereits während ihrer Ausbildung sollen die Jugendlichen praktische Erfahrungen sammeln und selbständig tätig sein. Die Teams bestehen in der Regel aus 20 Jugendlichen. Die Gruppe wählt einen Sprecher, der als Bindeglied zum Ausbilder fungiert. Alle Aufgabengebiete werden von den Teammitgliedern rotierend übernommen, Probleme gemeinsam gelöst. Das soll das Verantwortungsgefühl für die eigene Firma stärken. "Unsere Azubis müssen Einblick in die gesamte Projektabwicklung bekommen, von der Planung und Kundenbetreuung bis hin zur Umsetzung", skizziert Hofmann die Ansprüche des Programms.

Dabei geht es dem schwer angeschlagenen Transportunternehmen auch darum, sein schlechtes Image loszuwerden und die Weichen in Richtung modernes, kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen zu stellen. Dazu müssen Mitarbeiter herangezogen werden, die auf die neue Strategie bereits während ihrer Ausbildung eingeschworen werden. "Wir möchten, dass die Azubis von Anfang an merken, dass sie nicht der Erfüllungsgehilfe einer Projektgruppe sind, sondern Verantwortung tragen. Sie sollen lernen, wie sie ein Projekt abwickeln, mit anderen Abteilungen kooperieren und den Kunden davon überzeugen können, dass er sein Vorhaben mit ihnen angehen will", sagt Hofmann.

Der Sprung ins kalte Wasser kommt bei den Auszubildenden gut an. "Hier kann man wenigstens selbst was in die Hand nehmen und wird nicht einfach nur rumgeschickt", sagt der 17-jährige IT-Systemelektroniker Alexander Siegel. Auch sein Kollege Dirk Lippert, der sich bei der Bahn zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung ausbilden lässt, ist von den "kreativen Freiräumen" angetan. Zur Zeit konzipieren die jungen ITler mit einem internen Kunden den Aufbau einer Internet-basierten Weiterbildungsdatenbank. Daran beteiligt sind neben den Technikern auch die Azubis aus dem kaufmännischen Bereich. "Die IT-Mitarbeiter sollen von Anfang an begreifen, dass sie nicht nur Tüftler sind, sondern auch betriebswirtschaftliche Aspekte berücksichtigen müssen und für den Erfolg ihrer Projekte geradestehen", so Hofmann.

Ein Ansatz, der auch beim ABB Training Center in Mannheim-Käfertal konsequent verfolgt wird: Die mehr als 500 kaufmännischen und technisch-gewerblichen Azubis werden nicht getrennt ausgebildet, sie bearbeiten ihre Aufträge gemeinsam. Die Kaufleute haben dadurch gelernt, welches Material für bestimmte Produkte verwendet wird. Die Techniker wissen mittlerweile, dass sie sorgsamer mit Ressourcen umgehen müssen, berichtet Geschäftsführer Ostrowski.

Im Frankfurter Trainingszentrum der Bahn stehen 150 PCs, an denen die Lehrlinge zwischen komplexen Anwendungen jonglieren und eigene Multimedia-Projekte entwerfen können. Die Azubis müssen im ersten Jahr dafür sorgen, dass die eigenen PCs laufen und für Seminare umgerüstet werden. Im zweiten Lehrjahr beschäftigen sie sich mit Softwaremodifikationen und -problemen. Dafür steht ihnen ein Ausbilder als Coach zur Seite. Wenn der bahninterne Kunde mit dem entwickelten Zeiterfassungssystem nicht zufrieden ist, muss an diesem solange gebastelt werden, bis es passt: Dass der Kunde das A und O für den wirtschaftlichen Erfolg ist, dass die Qualität der Dienstleistung über die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet, dass die technische Ausführung ohne eine entsprechende Beratung nur halb so viel wert ist - das soll den jungen Köpfen eingetrichtert werden. "Wir wollen, dass die Azubis ihre Arbeit selbst vermarkten können", erklärt Rainer Trageser, Projektleiter IT-Ausbildung, eines der Ziele der interdisziplinär angelegten Projektarbeit. So lernen die Azubis von Anfang an, Werbegespräche mit den zunächst internen Kunden zu führen und diese zu beraten. Aber auch externe Kunden werden mittelfristig ins Visier genommen. Ziel ist, dass die Anwendungsentwickler bereits im zweiten Ausbildungsjahr externe Kunden akquirieren und deren Internet-Auftritt mitgestalten. So arbeiten bereits zwei Auszubildende an einem Internet-Auftritt für die Stadt Kampen auf Sylt. Für die Stadt Westerland soll dann auch noch ein neues Hotelreservierungs-System programmiert werden.

"Wir verändern jetzt in zehn Jahren mehr, als sich in hundert Jahren davor verändert hat. Wir geben dem ganzen Konzern eine Art elektronisches Rückgrat", wirbt Rolf Knoblauch, Leiter des Dienstleistungszentrum Bildung (DZB). Den Bedarf an Fachinformatikern und Anwendungsentwicklern schätzt Knoblauch als "sehr groß" ein. "Der IT-Systemelektroniker wird einmal unser Kernberuf sein für die neuen Züge wie die ICEs, die alle voller Elektronik stecken."

* Veronika Renkes ist freie Journalistin in Bonn.