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IT auf Abruf überfordert die Dienstleister

02.05.2003
Die Idee des Computing on Demand hält in deutschen Unternehmen nur langsam Einzug. Häufig geht es erst einmal darum, starre Outsourcing-Abkommen mit variablen Komponenten zu versehen.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die Idee des Computing on Demand hält in deutschen Unternehmen nur langsam Einzug. Weil die Dienstleistungsangebote noch unausgereift sind, geht es in der Praxis zunächst häufig darum, starre Outsourcing-Abkommen mit variablen Komponenten zu versehen. Noch weiter in der Zukunft liegt die Wandlung zum On-Demand-Business, das in Echtzeit auf veränderte Marktbedingungen reagiert.

"Meine IT-Infrastruktur muss flexibel sein", sagt Paul Schwefer. "Das ist eine Selbstverständlichkeit." Computing on Demand ist für den CIO des Automobilzulieferers Continental deshalb nichts Revolutionäres. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Hannover blickt im Reifenbereich auf eine langjährige Outsourcing-Partnerschaft mit IBM zurück. Allerdings waren die Verträge meist sehr statisch gestaltet, moniert der IT-Verantwortliche: "Bereits seit zwei Jahren werden diese starren Bedingungen in Frage gestellt."

In Verhandlungen mit IBM Global Services sei das Management dabei, den klassischen Outsourcing-Kontrakt aufzuschnüren und in klar abgegrenzte Sourcing-Verträge zu zerlegen. Diese sollen eine flexiblere Abrechnung der Leistung gemäß den tatsächlich genutzten Ressourcen erlauben. Nicht in jedem Fall müsse dabei Big Blue zum Zug kommen.

Die Continental AG dürfte zu den wenigen Unternehmen in Deutschland gehören, die die Vision von der IT auf Abruf in die Praxis umsetzen wollen und auch darüber reden. Wer bei IBM nach einschlägigen Kundenprojekten frägt, erfährt hingegen kaum Konkretes. Der IT-Konzern verweist meist auf große Outsourcing-Deals, etwa mit American Express, die auch die Umgestaltung der IT zu einer On-Demand-Betriebsumgebung beinhalten sollen.

"IBM versucht derzeit, fast jeden Outsourcing-Vertrag mit On-Demand-Komponenten auszustatten und entsprechend anzupreisen", kommentiert Peter Dück, Vice President Research bei Gartner Deutschland. Nach seinen Projekterfahrungen beginnen Kunden häufig mit einem Fixkostenanteil von bis zu 80 Prozent in den Verträgen. Über Verhandlungen versuche man, diesen Wert bis auf 20 Prozent zu drücken. "Diese schrittweise Flexibilisierung ist grundsätzlich der richtige Weg." Um das Thema aus Praxissicht gründlich beurteilen zu können, sei es aber noch zu früh. Wenn es um konkrete Abrechnungsmodelle gehe, halte sich IBM noch sehr bedeckt. Gleiches gelte für die Kunden.

"On-Demand-Computing lohnt sich immer dann, wenn der Bedarf an IT-Ressourcen nicht planbar und ein hohes Maß an Flexibilität erforderlich ist", erklärt IT-Manager Schwefer seine Beweggründe. So ist das Reifengeschäft der Continental AG starken zyklischen Schwankungen unterworfen. Saisonal bedingt, komme es im Frühjahr, Herbst oder Winter zu "riesigen Spitzen" in der Auslastung der IT-Systeme. Dies betreffe insbesondere die Bereiche Supply Chain Management (SCM) und Customer Relationship Management (CRM).

Ähnlich argumentiert Clemens Jochum, CIO bei der Deutschen Bank. Wichtiger als die absolute Ersparnis sei die Möglichkeit, fixe in variable Kosten umzuwandeln, begründet er den im vergangenen Jahr geschlossenen Outsourcing-Kontrakt mit IBM. "Unser Transaktionsvolumen und damit die benötigten Rechnerressourcen schwanken stark. Wenn wir einen großen Kunden an die Börse bringen, können wir das dreifache Aktienhandelsvolumen haben wie an einem normalen Tag." Anstatt immer die maximalen Ressourcen vorzuhalten, lasse sich die ausgelagerte IT-Leistung einkaufen wie Strom oder Telefonverbindungen.

Auch das vier Milliarden Dollar schwere Outsourcing-Abkommen zwischen IBM und American Express beinhaltet variable Komponenten. So werde der Anbieter das Kreditkartenunternehmen dabei unterstützen, Rechner und Websites dergestalt zu optimieren, dass IT-Ressourcen künftig auf Abruf verfügbar seien. Jeden Tag wickelt American Express weltweit mehr als eine Milliarde Zahlungsvorgänge ab und hat dabei ähnlich wie die Deutsche Bank mit erheblichen Leistungsspitzen zu kämpfen. Über die gesamte Vertragslaufzeit von sieben Jahren hofft der Finanzkonzern, mehrere hundert Millionen Dollar an IT-Kosten einzusparen.

Flexibilität und Kostensenkung

Diese Größenordnung gibt auch der französische Versicherungs- und Finanzdienstleister Axa an. Mit Hilfe des Dienstleistungspartners IBM Global Services wollen die Pariser zunächst die weit verteilte Rechner- und Speicherinfrastruktur konsolidieren. In einem zweiten Schritt soll eine Betriebsumgebung auf Basis von Big Blues On-Demand-Services entstehen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein klassisches Outsourcing-Projekt. Den Angaben zufolge verbleiben sowohl Mitarbeiter als auch IT-Systeme unter der Obhut des Kunden. Mit dem Abkommen gewinne Axa "die notwendige Flexibilität für eine schnelle Anpassung an sich verändernde Geschäftsanforderungen", ließ sich Axa-Manager Claude Brunet zitieren.

Dieses Argument zieht allerdings nur, wenn sich die Service-Provider die Flexibilität "nicht übermäßig vergolden lassen", wendet Gartner-Experte Dück ein. On Demand könne nach seiner Ansicht aber auch dann Vorteile bringen, wenn der IT-Betrieb keinen starken Schwankungen ausgesetzt ist: Im Idealfall müssen Unternehmen keine eigene Infrastruktur mehr beschaffen, sondern kaufen stattdessen nur noch Services. Dadurch sinke der Investitionsbedarf, die gerade in Krisenzeiten oft belastete Liquiditätsstruktur lasse sich verbessern.

Pascal Matzke von der Giga Information Group sieht vor allem technische Hürden auf dem Weg zur bedarfsorientierten IT. Für ihn geht es dabei zunächst um die Fähigkeit, mit Hilfe konsistenter Tools die IT-Nutzung zu messen und entsprechende Abrechnungsmodelle zu entwickeln. Ersteres lasse sich zwar mittlerweile durch weiterentwickelte System-Management- und Monitoring-Werkzeuge wie IBMs Tivoli-Produkte realisieren. Allerdings mangele es an der Umsetzung der Ergebnisse in entsprechende Abrechnungsmodelle. Matzke: "Daran scheitern in der Praxis noch die meisten originären On-Demand-Modelle." Die Dienstleister behelfen sich nach seiner Einschätzung mit traditionellen Finanzierungsmodellen, die entsprechend angepasst werden, das Versprechen einer nutzungsabhängigen Bezahlung aber nur eingeschränkt einlösen können.

Conti-Manager Schwefer kennt das Problem aus eigener Erfahrung. In den Verhandlungen mit IBM lernten beide Seiten dazu, formuliert er diplomatisch. So bedürfe es etwa komplett anderer Bezahlmodelle, um die notwendige Flexibilität zu erreichen. Auch die Controller müssten umdenken, denn in einer On-Demand-Umgebung ließen sich die Kosten nicht mehr exakt vorhersagen.

Schwierige Transformation

Die Flexibilisierung der IT-Infrastruktur ist allerdings nur die halbe Miete. Zwar sollten CIOs stets damit beginnen, empfiehlt Gartner-Analyst Dück. Schwieriger gestalte sich indes die Überführung der Applikationen in ein On-Demand-Modell, insbesondere dann, wenn diese sehr eng mit der Infrastruktur verzahnt sind. So durchlaufe beispielsweise jedes SAP-System einen Lebenszyklus. Damit verbunden seien ständige Transformationsprojekte, Upgrades und dergleichen. Dück: "So eine Infrastruktur lässt sich nicht zementieren." IT-Verantwortliche und Dienstleister müssten dabei eine Reihe von Frage beantworten: "Wie lassen sich Software, Infrastruktur und Services zu einem Stück innerhalb eines On-Demand-Konzepts verbinden? Wer sorgt für die Integration aller Komponenten, wenn die Infrastruktur dem Unternehmen nicht mehr gehört? Was geschieht mit den Altanwendungen?"

Richtig interessant werde IBMs Strategie erst im Bereich der höheren Services, erklärt Conti-Manager Schwefer, wenn sich ganze Wertschöpfungsprozesse flexibel gestalten und nach Bedarf zu- oder abschalten lassen. Das Zauberwort dabei lautet Business Transformation. Der CIO räumt ein, dass die mit Milliardensummen unterstützte IBM-Vision des "E-Business on Demand" noch in weiter Ferne liegt. Allerdings seien erste Fortschritte erkennbar. So verfüge Continental schon heute über tagesaktuelle Informationen im Reifengeschäft, die Markttransparenz habe sich deutlich verbessert. "Das ist Realtime."

Realtime Enterprise

Dück vergleicht den IBM-Begriff On-Demand-Business mit dem Konzept des "Realtime Enterprise", das Gartner auf seinem Symposium vom November 2002 in Cannes in den Mittelpunkt gestellt hat. Dabei geht es um die Beschleunigung der Kernprozesse bis hin zum "Echtzeitunternehmen."

Langfristig müssen sich die Serviceanbieter denn auch stärker an den Geschäftsprozessen ihrer Kunden orientieren, fordert Giga-Analyst Matzke. "Alles, was wir jetzt sehen, ist sehr stark an den IT-Prozessen ausgerichtet." Die Verbindung dieser Prozesse mit konkreten Geschäftszielen, beispielsweise in Form einer Abrechnung, die sich an der Zu- oder Abnahme der Kundenzufriedenheit orientiert, finde in der Praxis nicht statt. Daran scheiterten insbesondere technologielastige Anbieter wie Hewlett-Packard, Sun oder CA. IBM habe sich mit Pricewaterhouse Coopers Consulting (PwCC) das notwendige Know-how eingekauft und so den richtigen Weg eingeschlagen. Allerdings sei die Integration des Beratungsunternehmens in den IT-Konzern noch nicht weit genug fortgeschritten.

"Letzten Endes geht es um Business Process Outsourcing (BPO)", resümiert Matzke, allerdings in einem anderen Sinn: Erst mit BPO on Demand könne IBM die Synergien aus der PWCC-Übernahme heben. Dabei werde dem Kunden nicht irgendein IT-Prozess auf Abruf feilgeboten, sondern eine direkte Verbindung zu seinen Geschäftszielen hergestellt.

Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass viele Organisationen schon aus Kostengründen dabei sind, ihre IT-Infrastruktur zu konsolidieren und zu flexibilisieren. Noch selten anzutreffen sind hingegen damit verbundene Veränderungsprozesse im Sinne der von IBM beschworenen Business Transformation. Viele Serviceanbieter sehen das anders, denn der Begriff ist dehnbar: Großzügig ausgelegt, fällt jegliche Beschleunigung von Geschäftsprozessen mit Hilfe von IT darunter. So gesehen basteln wohl die meisten Unternehmen am On-Demand-Business, ohne dass es dazu der Mission von IBM-Chef Sam Palmisano bedurft hätte. (wh)