Neue Studie zum Berufseinstieg

IT-Absolventen liebäugeln mit Selbständigkeit

Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting, Social Media im Berufsleben. Zusätzlich betreut das Karriereressort inhaltlich das Karrierezentrum auf der Cebit.
Jeder zweite Informatikstudent kann sich eine Tätigkeit als Freelancer vorstellen. So lautet das vielleicht wichtigste Ergebnis einer Studie der Hochschule Ludwigshafen im Auftrag des Personaldienstleisters Etengo. Als Gründe geben die Befragten hauptsächlich den Wunsch nach flexiblem, selbstbestimmtem Arbeiten an. Viele streben die Selbständigkeit sogar direkt nach dem Abschluss an.

Von Angst und Unsicherheit keine Spur: Laut der Studie sehen 49,3 Prozent der deutschen IT-Studenten Selbständigkeit als attraktive Karriereoption. Nimmt man die Befragten dazu, die Freiberuflichkeit zumindest in Betracht ziehen, ergeben sich immerhin 83,4 Prozent. In anderen Studien ist die Rede davon, dass der Wille zum Freelancing sinkt. Nicht so bei hochqualifizierten IT-Experten - hier steigt er.

Die wichtigsten Gründe dafür, Freelancer zu werden, sind Aussichten auf mehr Selbstbestimmtheit in der beruflichen Tätigkeit, Abwechslung und Freiheit.
Die wichtigsten Gründe dafür, Freelancer zu werden, sind Aussichten auf mehr Selbstbestimmtheit in der beruflichen Tätigkeit, Abwechslung und Freiheit.
Foto: Dudarev Mikhail/Fotolia.com

Überraschende Ergebnisse zeigt die Studie auch bei der Form der Selbständigkeit: Nicht nur eine Unternehmensgründung im Rahmen eines Startups ist beliebt, insgesamt 61 Prozent können sich heute auch eine Tätigkeit als Solo-Selbständiger vorstellen. Die wichtigsten Gründe dafür, Freelancer zu werden, sind Aussichten auf mehr Selbstbestimmtheit in der beruflichen Tätigkeit, Abwechslung und Freiheit. Das mögliche höhere Einkommen spielt dagegen eine nachgeordnete Rolle. Selbständigkeit - so scheint es - ist für die Wissensarbeiter von morgen nicht nur Erwerbs-, sondern eben auch Lebensmodell.

Ohne Umwege von der Uni in die Selbständigkeit

"Die Digitalisierung der Wirtschaft fängt erst richtig an und die Auswirkungen auf die Beschäftigung werden zunehmend deutlicher. Auf jeden Fall wird uns das zweite Maschinenzeitalter noch sehr lange beschäftigen", ist Matthias Hamann, wissenschaftlicher Leiter der Studie und Professor an der Hochschule Ludwigshafen, überzeugt. Innovationen im Zuge von Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge schafften permanent neuen Bedarf für Spezialisten. "Dabei gewinnt das Modell Selbständigkeit weiter an Attraktivität", ist sich der Wissenschaftler sicher. Diese Entwicklung zwinge Unternehmen zum Umdenken, denn "hochspezialisierte Freiberufler, die sich in ständig wechselnden Projekten mit neuesten Technologien beweisen wollen, werden Firmen als Festangestellte immer weniger zur Verfügung stehen", analysiert Hamann. Das bedeute für ihn: In diesem Segment wird der Fachkräftebedarf weiter zunehmen.

Eine weitere Zahl verdeutlicht die Herausforderung für Unternehmen: Mehr als ein Fünftel der Befragten spielt mit dem Gedanken, sich direkt nach Abschluss des Studiums selbständig zu machen, weitere 27,4 Prozent können sich dies zumindest vorstellen. Als Gründe gaben die Studenten häufig an, dass sie schon immer selbständig sein wollten, viele weisen auch darauf hin, dass ihre Qualifikation am Markt sehr gefragt ist. Eine Festanstellung ist für diese IT-Profis eher Hemmschuh als Sicherheitsnetz. Viele bemerken das bereits noch vor ihrer eigentlichen Karriere: Mehr als ein Viertel übt schon während des Studiums eine selbständige Tätigkeit aus und hat damit den ersten Schritt Richtung Freelancing bereits gemacht.

Generation Y setzt auf Sinn statt Sicherheit

"Die Wissensarbeiter der 'Generation Y' wollen einen interessanten Beruf mit flexiblen Arbeitszeiten - und dank ihrer gefragten Qualifikationen können sie sich solche Ansprüche auch leisten", meint Etengo-Vorstandsvorsitzender Nikolaus Reuter. Anders als oft unterstellt, flüchte die Generation aber nicht pauschal in die vermeintliche Sicherheit der Festanstellung oder Verbeamtung. Eine freiberufliche Tätigkeit könne ihren Wunsch nach selbstbestimmter und abwechslungsreicher Arbeit häufig viel besser erfüllen - besonders in der IT. "Sinn ist ihnen wichtiger als Sicherheit", kommentiert Reuter. "Wir beobachten die Entwicklung hin zur Projektwirtschaft schon seit fast einer Dekade. Aber dass sich die Bereitschaft zur Selbständigkeit so klar zeigt, hat unsere Erwartungen dennoch übertroffen" , freut sich der Etengo-Chef.

Nikolaus Reuter, Vorstandsvorsitzendes Etengo AG: "Die Wissensarbeiter der 'Generation Y' wollen einen interessanten Beruf mit flexiblen Arbeitszeiten - und dank ihrer gefragten Qualifikationen können sie sich solche Ansprüche auch leisten."
Nikolaus Reuter, Vorstandsvorsitzendes Etengo AG: "Die Wissensarbeiter der 'Generation Y' wollen einen interessanten Beruf mit flexiblen Arbeitszeiten - und dank ihrer gefragten Qualifikationen können sie sich solche Ansprüche auch leisten."
Foto: Etengo (Deutschland) AG

Die neuen Freelancer

Die Studie "(Solo-)Selbständigkeit in der Wissensarbeit - das Modell der Zukunft?" wurde an der Hochschule Ludwigshafen im Auftrag der Etengo (Deutschland) AG erstellt. Sie stand unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. rer. oec. habil. Matthias Hamann, und Anna Wennemers setzte sie um. An der Online-Befragung nahmen 399 Studenten der Informatik und Wirtschaftsinformatik aus ganz Deutschland teil. Damit ist die Studie nicht vollständig repräsentativ, erlaubt jedoch fundierte Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit der Informatikstudenten in Deutschland.

 

OS-M

Ein paar Anmerkungen zu Ihrem Lieblingsthema
1. Die Rechte und Behandlung von Freiberuflern "im" Kundenunternehmen sind gar nicht Gegenstand des Artikels
2. Es mag in der Praxis Einzelfälle geben, wo Freiberufler wie Angestellte zweiter Klasse behandelt werden. Meine Beobachtung ist jedoch: Es kommt auch im Wesentlichen auf die Interessen, Ziele und Professionalität des Freelancers an, wie er wahrgenommen wird. Manche kümmern sich gar nicht darum und gehen ganz in der fachlichen Seite auf; lassen wir ihnen doch die Freiheit!

3. Es ist grundsätzlich kein Fehler, über zwischengeschaltete Dienstleister zu arbeiten. Wer für Großunternehmen tätig werden will, hat kaum eine andere Chance da reinzuommen. Aus meiner Erfahrung fällt es Einzelkämpfern auch schwer, sich gegenüber Einkäufern zu behaupten und faire Konditionen durchzusetzen (ging mir selbst genauso)
4. Ihre Kritik ist nicht ganz aufrichtig, da Sie selbst auf Ihrer Website anbieten, bei Bedarf vor Ort beim Kunden gegen Bezahlung nach Stunden tätig zu werden.
5. Es ist nicht schön, sich unter Berufskollegen vorzuwerfen "nicht richtig Selbständig" zu sein, da schwingt implizit gleich der Vorwurf der Scheinselbständigkeit mit. Mindestens vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Diskussion ist geboten, hier mal die Bälle flach zu halten.

Olaf Barheine

Im Auftrag eines Personaldienstleisters? Das muss man eigentlich nicht weiter kommentieren. Ich habe immer gewisse Probleme, wenn Leute, die von einem Personaldienstleister von Projekt zu Projekt geschickt werden, dort wie Angestellte behandelt werden, ohne natürlich dieselben Rechte zu genießen, als selbständig bezeichnet werden. Selbständigkeit sieht nach meinem Verständnis ein wenig anders aus!

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