iPhone Verkaufstart: Der iErtanz beginnt

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Die Wartezeit hat ein Ende: T-Mobile bringt das auch "Jesusphone" oder "Godphone" genannte iPhone nach Deutschland. Eine Bestandsaufnahme.

Es war schon immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben. Dass es dennoch genug Menschen gibt, die sich diesen leisten können oder wollen, ist Basis des wachsenden Erfolgs von Apple. Mit ihrem einzigartigen Mix aus Funktionalität und Design gelingt es der Company aus dem sonnigen Cupertino seit Jahren wieder, die Trends zu setzen – und das nicht nur bei Desktops und Notebooks, sondern auch bei Musik-Playern und verschiedenen Softwareprodukten.

Mit dem iPhone kommt nun das nächste Kultobjekt auf die stetig wachsende Anhängerschar zu. Knapp vier Monate nach dem Verkaufsstart in den USA ist das Gerät nun auch hierzulande zu haben. Als Marktführer scheute T-Mobile weder Kosten noch Mühen, um das iPhone als einziger autorisierter Mobilfunkanbieter in Deutschland anbieten zu dürfen. Die Telekom-Tochter ließ sich sogar auf ein unangenehmes Provisionsmodell ein, über das Apple angeblich mit bis zu 30 Prozent an den erzielten Umsätzen beteiligt wird.

Da die Kunden die Zeche mitbezahlen, erscheint der Verkaufsstart kurz vor der Überweisung des Weihnachtsgeldes gut gewählt: Das nicht subventionierte Gerät kostet bei T-Mobile 399 Euro, außerdem kann es nur in Verbindung mit einem Zwei-Jahres-Vertrag erworben werden. Zur Auswahl stehen die T-Mobile-Tarife "Complete M", "L" und "XL" für 49, 69 und 89 Euro im Monat. Sie enthalten 100, 200 beziehungsweise 1000 Inklusivminuten für Telefonate in alle Netze, jede zusätzliche Gesprächsminute kostet 39 Cent und im XL-Tarif 29 Cent. Außerdem inkludiert sind 40, 150 oder 300 (Inlands-)SMS, für jede weitere Kurzmitteilung werden 19 Cent fällig. Einen Haken gibt es bei den vermeintlichen Daten-Flatrates: Anders als in den USA wird ab einem Datenvolumen von 200 MB (Complete M), 1 GB (Complete L) oder 5 GB (Complete XL) wird die Bandbreite im jeweiligen Monat auf maximal 64 Kbit/s (ISDN-Geschwindigkeit) gedrosselt.

Das iPhone im Härtetest: Die Kollegen der amerikanischen COMPUTERWOCHE-Schwesterpublikation PC World testen, ob das iPhone im harten Alltagseinsatz besteht (Video, 3:20 Minuten).
Das iPhone im Härtetest: Die Kollegen der amerikanischen COMPUTERWOCHE-Schwesterpublikation PC World testen, ob das iPhone im harten Alltagseinsatz besteht (Video, 3:20 Minuten).

Wer sich in den Tarifen nicht wiederfindet, kann dennoch hoffen. So wird spekuliert, dass T-Mobile sich ein Schlupfloch gelassen hat und bei unzureichender Nachfrage mit "Complete S" einen günstigeren Tarif nachreicht. Die Chancen, ein hiesiges iPhone günstig zu erwerben und das Simlock anschließend zu knacken, sind dagegen gering: Nach den schlechten Erfahrungen in den USA, wo laut Apple über 18 Prozent der rund 1,4 Millionen verkauften Geräte gehackt wurden, ist das iPhone in Deutschland ausschließlich in den T-Punkt-Läden und in Verbindung mit einem Mobilfunkvertrag zu haben.

Wer auf anderen Wegen zu einem iPhone gelangen will, dem bietet sich neben den bereits bekannten Beschaffungswegen über Bekannte in den USA oder dem Erwerb in Online-Auktionshäusern (mit dem Risiko, dass das Gerät später via Firmware-Update gesperrt wird) eine Reise nach Frankreich an. Der dortige Partner von Apple, die France-Télécom-Tochter Orange, muss eine Version ohne Simlock anbieten, da das französische Verbraucherschutzgesetz eine Exklusiv-Vermarktung verbietet.

Lohnt sich die Investition?

Für das iPhone spricht zunächst einmal das minimalistische, aber elegante Design: Während andere Handys unzählige Nummern- oder gar Buchstabentasten benötigen, genügt dem Gerät eine einzige Taste sowie ein großer, berührungsempfindlicher Bildschirm. Ein weiterer Pluspunkt ist die kinderleichte Benutzerführung über das Multi-Touch-Display. Nicht nur, dass man alle Funktionen mit dem Finger ansteuern kann. Mit Daumen und Zeigefinger lassen sich zudem Fotos oder ganze Websites auf dem Bildschirm in der Größe verändern und bei Bedarf heranzoomen. Die Bedienung verblüfft mit solcher Einfachheit, dass Marktbeobachter nicht ohne Grund erwarten, dass das mobile Internet mit dem iPhone in Deutschland massentauglich wird. Zu den netten Details zählen außerdem die automatische horizontale und vertikale Bildschirmausrichtung sowie die Anpassung der Display-Beleuchtung an das Umgebungslicht.

COMPUTERWOCHE-Redakteur Jürgen Hill stellt drei Alternativen zum iPhone vor (Video, 7:37 Minuten).
COMPUTERWOCHE-Redakteur Jürgen Hill stellt drei Alternativen zum iPhone vor (Video, 7:37 Minuten).


Selbst wenn Hersteller wie LG oder HTC mit neuen Modellen dem iPhone nacheifern, weist das "Time-Magazin" zurecht darauf hin, dass Apple die Funktionen zwar nicht neu erfunden, aber bestehende Technologien im iPhone erstmals sinnvoll zusammengeführt habe. Das Magazin hat das iPhone in seiner neuen Ausgabe als "Erfindung des Jahres" ausgezeichnet. Als Erklärung führt Autor Lev Grossman fünf Gründe an: Trotz aller Kritik sei das iPhone schön, berührungssensitiv und werde dazu beitragen, andere Handys zu verbessern. Außerdem stelle das Gerät kein Mobiltelefon, sondern vielmehr eine Plattform dar und sei nur der Beginn einer ganzen Reihe von künftigen iPhones.

Allgemein kann man sagen, dass Apple manche Details im iPhone Version 1.0 genial einfach (oder einfach genial) gelöst hat, bei anderen hätte etwas mehr Komplexität nicht geschadet. Bricht etwa während des Surfens die WLAN-Verbindung zusammen, wechselt das Gerät automatisch und ohne Warnung auf eine mobile Datenverbindung – bei einer Roaming-Verbindung im Ausland ein teures Vergnügen! Nachbesserungsbedarf besteht auch bei der virtuellen Tastatur, deren einzelne Tasten erst nach der Berührung vergrößert angezeigt werden.

iPhone Plus / Minus

Plus

+ Elegantes Design,

+ gute Verarbeitung,

+ einfache Bedienbarkeit,

+ stabile Grundfunktionen

Minus

- Teure Vertragsbindung,

- fehlende Offenheit (Speicher, Datenformate, Drittapplikationen),

- unausgereifte Detaillösungen,

- fehlende UMTS-Unterstützung,

- schwache Kamera,

- keine Dritt-Applikationen,

- mangelnde E-Mail- und Office-Funktionalität,

- kein Speicherkartensteckplatz

In manchen Details ging Apple offensichtlich Kompromisse zugunsten des eigenen Profits ein. So wirkt die integrierte Kamera mit 2-Megapixel Auflösung und ohne Zoom-Funktion angesichts im Markt existierender 5-Megapixel-Geräte altbacken. Außerdem ist es dem Nutzer nicht möglich, MP3-Dateien als Klingeltöne zu verwenden, sondern nur Apple-Töne. Vermisst wird auch ein Steckplatz für Micro-SD-Karten, um die vorhandenen 8 Gigabyte Speicher zu erhöhen und die Verwendung des iPhone als Musik- oder Video-iPod deutlich zu erweitern.

Wie sich ein iPhone mit beliebigen SIM-Karten nutzen lässt, zeigen die Kollegen der COMPUTERWOCHE-Schwesterpublikation Macwelt (Video, 38:47 Minuten).
Wie sich ein iPhone mit beliebigen SIM-Karten nutzen lässt, zeigen die Kollegen der COMPUTERWOCHE-Schwesterpublikation Macwelt (Video, 38:47 Minuten).


Während das iPhone dank Imap-Unterstützung und Drittanbietern wie Synchronica Push-Mail-fähig ist, hält sich die Mail-Funktionalität des Geräts doch in Grenzen. So lassen sich im Anhang befindliche Word- und Excel-Dateien zwar anzeigen, aber nicht bearbeiten. Daneben werden Business-Nutzer vermutlich die Fülle an Dritt-Applikationen vermissen, die sie von Geräten mit Windows Mobile, Symbian oder Blackberry-Betriebssystem gewohnt sind. Streng genommen ist das iPhone im aktuellen Zustand kein Smartphone, sondern allenfalls ein "Feature-Phone". Was nicht heißen soll, dass es für das Handy keine Fremdanwendungen gibt. Das erst vor kurzem vorgenommene Firmware-Update 1.1.1 hatte sämtliche Programme Dritter allerdings deaktiviert und die Funktionalität des Telefons gestört. Erst zwei Wochen später konnten Hacker neue Lösungen präsentieren. Um dem Katz-und-Maus-Spiel ein Ende zu bereiten hat die Jobs-Company inzwischen für Februar ein Software Development Kit (SDK) angekündigt.

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