Mobile World Congress 2016

IoT macht mobil

Mark Alexander Schulte verstärkt seit 2011 das IDC-Team in Frankfurt. Der studierte Betriebswirt ist mit der Durchführung von kundenspezifischen Consulting-Projekten sowie der Erstellung von Studien betraut. Als Analyst konzentriert Schulte sich insbesondere auf die Themen Enterprise Mobility, Internet of Things, Industrie 4.0 sowie Social Enterprise Collaboration und steht dabei im engen Austausch mit allen Akteuren des Marktes. Schulte ist Autor zahlreicher Artikel und wird regelmäßig in der einschlägigen Wirtschafts- und Fachpresse zitiert.
Der diesjährige Mobile World Congress war wieder einmal eine wegweisende Veranstaltung, bei der Technologieexperten aus allen Ländern zusammentrafen. Das Thema „Mobile is everything“ hallt noch immer nach und zeigt, dass Mobilität der Schlüsselfaktor einer vernetzten Zukunft sein wird.
Foto: GSMA

Ende Februar 2016 traf sich die Technologie-Community zur größten Mobile-Messe der Welt: dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. Trotz des Namens geht es bei dieser Messe heute weniger um die mobilen Geräte und Wide Area Networks ihrer Anfangstage, sondern zunehmend um unsere vernetzte Welt.

Unzählige Präsentationen verschiedener Virtual-Reality-Technologien und Roboter, die zwischen den Ständen herumwatscheln sowie vernetzte Autos – der Begriff „Mobilität“ hat in diesem Jahr eine spürbar neue Deutung erfahren. Mobilität ist eine Enabler-Technologie, die die Entwicklungen in anderen High-Tech-Bereichen vorantreibt. Das betrifft sowohl Gadgets für den Consumer-Markt als auch spezialisierte Unternehmensanwendungen.

5G – Auf die Plätze, fertig, stopp

In allen Gesprächen, die wir mit Netzbetreibern und Netzwerkausrüstern führten, war 5G das Hauptthema. Viele sehen 5G als den notwendigen Impuls für eine breite Nutzung von IoT. Allerdings wird sich 5G vor allem auf Unternehmen konzentrieren und dort wiederum auf Einsatzszenarien, in denen geringe Latenzzeiten sowie sehr hohe Geschwindigkeiten gefordert sind.

Die wohl bekannteste Anwendung dieser Technologie ist das selbstfahrende Auto. Doch auch im Gesundheitswesen und bei Geräten zur Fernsteuerung dürfte eine große Nachfrage vorhanden sein. Jedoch wird 5G nicht vor dem Jahr 2020 verfügbar sein; erste Versuche starten 2016.

Für diesen großen Zeitrahmen gibt es drei Gründe: Zum einen müssen die 5G-Protokolle erst noch finalisiert werden. Zweitens müssen die Netzbetreiber ihre Netze virtualisieren, wobei viele Betreiber noch bei einer Virtualisierungsquote von weniger als 20 Prozent liegen. Drittens besteht zusätzlich zur Wiederverwendung bisheriger Bandbereiche für 5G Bedarf an neuen Bandbreiten in den oberen Bandbereichen. Auf dem diesjährigen MWC präsentierten die Netzbetreiber und Ausrüster nicht nur ihre Visionen. Sie warben zudem auch für eine gemeinsame Lösung bei den Realisierungsschwierigkeiten von 5G.

Partnerschaften, soweit das Auge reicht

IDC hat in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass sich kein Anbieter alleine bei IoT umfassend durchsetzen wird. Stattdessen wird ein komplexes Ökosystem aus Partnerschaften entstehen, in dem die Anbieter im Rahmen einer ganzheitlichen Lösung von den Stärken der Anderen profitieren.

Die MWC stellte die Bühne bereit, auf der zahlreiche solcher Partnerschaften angekündigt wurden, etwa Jasper mit Gemalto im Bereich Subskriptions-Management. AT&T kündigte Partnerschaften mit Intel (Intel IoT Developer Kit), Cisco (Fog Computing Solutions) und Microsoft Azure an. Das Ziel dahinter ist es, die Entwicklung von IoT-Anwendungen zu unterstützen und das Developer-Ökosystem mit Flow Designer von AT&T und der M2X-App-Plattform zu fördern.

Samsung wiederum gab eine Partnerschaft mit AT&T und Orange Business Services im Bereich In-Car-Connectivity für Samsung Connect Auto bekannt und kündigte eine Partnerschaft mit Tantalum für nutzungsbasierende Versicherungslösungen an.

IoT und EMM auf Kollisionskurs

Der zu VMware gehörende EMM-Anbieter Airwatch besitzt auch Expertise beim Management von IoT-Endpoints.
Der zu VMware gehörende EMM-Anbieter Airwatch besitzt auch Expertise beim Management von IoT-Endpoints.

2015 war die IoT-Plattform das zentrale Thema am IoT-Markt. Nach wie vor steckt in diesem Marktsegment einiges an Dynamik bei traditionellen IoT-Plattform-Anbietern wie Jasper, Ericcson, Vodafone, IBM und anderen.

Allerdings konnten wir im Verlauf des MWC 2016 verstärkt beobachten, dass die herkömmlichen Anbieter von EMM (Enterprise Mobility Management) mehr als in den vergangenen Jahren über IoT reden. IDC sieht darin einen logischen Schritt für Anbieter wie die zu VMware gehörende Airwatch, MobileIron, Citrix oder SOTI, um nur einige zu nennen. Sie verfügen über die entsprechende Expertise beim Management von Endpoints wie Smartphones, Tablets oder PCs. Es ist also folgerichtig, weitere vernetzte Endpoints mit aufzunehmen.

Auch wenn deren Value Proposition rund um den Endpoint noch etwas ausgefeilter werden muss: Diese Anbieter beginnen, am IoT-Markt mitzumischen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass sie uns beim MWC 2017 mit weiter ausgereiften Geschichten überraschen und beherzter in diesen Markt eintreten.

Hardware im Hintergrund

Im Gegensatz zu dem immensen Interesse für die Hardware bei Smartphones, Tablets, Wearables und sogar Virtual Reality lag der IoT-Fokus des MWC eher auf dem Stack an Software, Services und Konnektivität, der im Zusammenspiel den Mehrwert für die Unternehmenskunden erzeugt. Das bedeutet nicht, dass die Hardware keine Rolle spielen würde. Sie ist vielmehr die Basis, auf der überzeugende IoT-Lösungen entstehen können. Auf dem MWC 2016 lag jedoch auch bei Hardware-Anbietern wie Samsung mit Connect Auto der Neuigkeiten-Schwerpunkt eher auf ganzheitlichen Lösungen.

IT contra OT

Innerhalb der IoT-Community gab es lange Debatten um die Frage, wem IoT eigentlich gehört: Sind es die IT-Anbieter oder Operation-Technology (OT)-Anbieter wie zum Beispiel Schneider Electric, Bosch, Rockwell oder GE? Auf dem MWC 2016 glänzten diese OT-Anbieter auffällig mit Abwesenheit. Die IT-Hersteller fokussierten ihre Präsentationen auf die Technologien, die sie anbieten können.

Es wäre jedoch naiv zu denken, dass der Erfolg von IoT ohne eine tiefere IT/OT-Integration möglich sei. IDC erwartet, dass sich die Präsenz der OT-Unternehmen in den kommenden Jahren verstärken wird, eventuell als Untermieter an den Ständen ihrer IT-Partner. Gleichwohl hängt der Erfolg des IoT davon ab, wie die Innovationen auf der IT-Seite des Marktes und die umfassende Branchenerfahrung sowie das Wissen um die Business-Prozesse der OT-Anbieter zusammenfinden.

Unser Fazit

Schaut man sich den Mobile World Congress über das letzte Jahrzehnt rückblickend an, ist die Flut unterschiedlicher Technologien wirklich beeindruckend. In den Anfangstagen in Barcelona drehte sich alles um 3G/4G, mobile Daten und den Wertbeitrag der Netzbetreiber. Im Laufe der Zeit übernahmen mobile Geräte wie Smartphone und Tablet die Hauptrolle.

In diesem Jahr gab es eine augenfällige Stimmungsänderung: Die Hardware – und in geringerem Umfang auch die Netze – traten in den Hintergrund und überließen die Bühne den großen Geschichten der vernetzten Lösungen, die Endkunden und Unternehmen im Rahmen der aktuell voranschreitenden digitalen Transformation neue Möglichkeiten an die Hand geben.

Das Thema der Veranstaltung - „Mobile is everything“ – brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was Mobilität vor zehn Jahren bedeutete, was es heute ist und was es morgen sein wird. Ich wage die Vermutung, dass Mobilität DER Enabler unserer vernetzten Zukunft sein wird. Mobile wird es uns ermöglichen, uns zu vernetzen. Mit allem. Überall. Jederzeit. (mb)