Investoren drehen auf

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
Beteiligungsgesellschaften kaufen vermehrt etablierte IT-Firmen und nehmen sie von der Börse. Warum?

Wenn SAP oder die Deutsche Telekom eigene Tochtergesellschaften zurückkaufen, um sie wieder einzugliedern und gegebenenfalls von der Börse zu nehmen, ist das normal. Als Gründe werden Synergieeffekte und sinkende Aufwendungen für die öffentliche Notierung angegeben. Doch nun bahnt sich ein neuer Trend an: In den vergangenen Monaten stieg die Zahl der IT-Anbieter, die von reinen Beteiligungsgesellschaften geschluckt wurden. Bei den gekauften Firmen handelt es sich nicht nur um Startups für ein paar Millionen Euro - zunehmend werden auch Unternehmen akquiriert, die schon seit Jahren im Geschäft sind. Milliardenschwere Deals bilden keine Ausnahme mehr, sondern sind inzwischen die Regel.

Milliarden im Spiel

Jüngstes Beispiel war vergangene Woche die Akquisition von Serena Software durch die Investmentgesellschaft Silver Lake Partners. Die Kaufsumme belief sich auf 1,2 Milliarden Dollar in bar. Serena ist in guter Gesellschaft: Corel, Sungard Data Systems, WRQ, Network General, Attachmate, Enterasys, Frontrange und Geac Computer wurden ebenso übernommen wie die Chip-Division von Agilent, die CA-Datenbank "Ingres" sowie der Online-Werbevermarkter Doubleclick. Die meisten der Firmen haben bereits die Börse verlassen oder werden in Kürze vom Kurszettel verschwinden.

Ein Wort, das stets im Zusammenhang mit der Reprivatisierung fällt, ist "unterbewertet". Meist wird die Schuld an der Kursmisere bei den Investoren und Analysten gesucht, die sich nicht für die Story eines Unternehmens begeistern können. Auch Kleinanleger lassen sich nur schwer für Werte aus dem IT-Infrastruktursegment erwärmen. Und anstehende Umstrukturierungen erledigen sich leichter im privaten Gesellschafterkreis.

Gute Gründe

  • Geringere Kosten für Investor Relations;

  • weniger Aufwand für das Management;

  • keine Publizitätspflicht;

  • größerer strategischer Spielraum;

  • Fokus auf längerfristige Renditeziele;

  • reduzierter Kapitalbedarf;

  • steuerliche Vorteile.

Damit sich die Übernahme für Investoren lohnt, müssen einige Rahmenbedingungen stimmen. So bieten sich Firmen als Kaufobjekte an, die einen geringen Streubesitz aufweisen - je weniger, desto besser. Ideal ist es, wenn große Aktienpakete in der Hand weniger Eigentümer sind, wie etwa bei Serena, deren Gründer Douglas Troxel mehr als ein Viertel aller Anteile hält. Eine solide Bilanz und stabile Kundenbeziehungen sind ebenfalls gern gesehen, denn nicht jede Beteiligungsgesellschaft tritt als "Heuschrecke" oder "Raider" auf, der sich die Filetstücke eines bankrotten Unternehmens schnappt und die Reste über Bord kippt.

Hinzu kommt, dass die finanzielle Kontrolle durch einen Eigentümer direkter gestaltet werden kann als über die Börse. Entscheidungszyklen bei der Auswahl neuer Manager werden kürzer, zudem sind die Investoren gut vernetzt und kennen potenzielle Kandidaten für vakante Posten. Firmen werden in aller Stille auf Kurs gebracht, dann folgt je nach Struktur des Unternehmens der Weiterverkauf im Ganzen beziehungsweise in Einzelteilen.

Beispiele für die Straffung der Organisation und den Wiederverkauf gibt es zuhauf, exemplarisch sei Xcellenet genannt. Das amerikanische IT-Unternehmen war 1998 von Sterling Commerce für 224 Millionen Dollar gekauft worden. Nachdem festgestellt wurde, dass die Firmen nicht zueinander passen, veräußerte Sterling zwei Jahre später die Division an Francisco Partners für 50 Millionen Dollar. Die Investmentgesellschaft gab Xcellenet 2004 wiederum für 95 Millionen Dollar an Sybase ab. Dabei blieben zwar viele Mitarbeiter auf der Strecke, doch die Zahl der Kunden hielt sich laut den offiziellen Pressemitteilungen des Unternehmens konstant.

Gelegentlich kann eine Company aber auch erneut an die Börse gebracht werden, wenn sich das Umfeld verbessert hat. Ein Beispiel hierfür ist der Festplattenhersteller Seagate, der Ende 2002 nach zwei Jahren der Abstinenz wieder in den öffentlichen Handel ging. Hintergrund für das Going Private im Jahr 2000 war eine bevorstehende Sanierung, die das Unternehmen ohne Druck von außen erledigen wollte.

Seagate brachte Bares

Die Transaktion hat sich gelohnt, denn der Seagate-Kurs stieg in den ersten neun Monaten steil in die Höhe. Zudem behielt der Investor Silver Lake die Softwaresparte von Seagate, nannte sie Crystal Decisions und verkaufte sie Ende 2003 an Business Objects. Die hierfür eingesetzten 95 Millionen Dollar sollen sich zehnfach ausgezahlt haben. Durch Verkäufe von Seagate-Aktien sind Berichten zufolge über drei Milliarden Dollar in die Kasse geflossen, und Silver Lake hält noch weitere 100 Millionen Aktien.

Ein Rückzug von der Börse steht nun auch bei Serena an, und wie damals bei Seagate ist der Investor Silver Lake. Das Geld der 1999 gegründeten Gesellschaft, die sich auf IT-Investments konzentriert, stammt unter anderem von Bill Gates, Lawrence Ellison und Michael Dell. Im Mai kursierten sogar Gerüchte, Silver Lake wolle sich Sun Microsystems einverleiben und wieder auf Trab bringen.

Generell lässt sich nicht über einen Kamm scheren, ob Anwender mit einer Übernahme ihres Lieferanten durch Investoren oder durch andere IT-Anbieter besser gestellt sind. Jedoch darf bezweifelt werden, dass Geldgeber außerhalb der IT-Branche reflexartig Produktlinien ihrer Zukäufe einstellen: Sie haben vor der Akquisition keine eigenen Lösungen und deshalb auch keinen Anlass, die neu erworbenen Produkte aus Konkurrenzgründen vom Markt zu nehmen. Käufer aus der Branche verhalten sich dagegen unter Umständen so, wie es Peoplesoft-Anwender mit Blick auf Oracle befürchten: übernehmen und abkündigen.

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