Konsolidierung reduziert den Wettbewerb

Interview: "Superplattformen bedrohen den Softwaremarkt"

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Der Trend zu immer mächtigeren Softwareplattformen reduziert den Wettbewerb und erschwert Unternehmen den Aufbau einer SOA. Diese Thesen vertritt Chris Howard, Vice President beim Marktforschungs- und Beratungshaus Burton Group, im Interview mit CW-Redakteur Wolfgang Herrmann.

CW: Die großen Hersteller von Infrastruktursoftware, allen voran IBM, Oracle und Microsoft, bauen ihr Angebot zu so genannten Superplattformen aus. Fehlende Technik kaufen sie einfach hinzu. Was bleibt noch übrig für die kleinen Softwarehäuser?

Howard: Sobald sich eine Technik zur Commodity entwickelt hat, wird sie oft Teil einer Superplattform. Ein Beispiel dafür ist Virtualisierung als Komponente von Server-Plattformen. Weniger wahrscheinlich ist diese Entwicklung im Bereich Sicherheit. Es wird immer einen Bedarf an spezialisierten Herstellern geben, die Sicherheitslöcher stopfen können. Die Hacker-Community ist sehr aktiv. Der Trend geht aber eindeutig dahin, immer mehr Komponenten in eine Plattform zu integrieren.

CW: Welche Folgen hat die Entwicklung für Anwender?

Oracle hat Bea gekauft, weil klar wurde, dass Fusion nicht funktioniert, vermutet Chris Howard von der Burton Group.
Oracle hat Bea gekauft, weil klar wurde, dass Fusion nicht funktioniert, vermutet Chris Howard von der Burton Group.

Howard: Vielen CIOs bereitet die damit verbundene drohende Abhängigkeit Sorgen. Sie setzen in der Regel mehrere unterschiedliche Plattformen ein. Einen Hersteller wie Oracle oder Microsoft für sämtliche Anforderungen wollen sie nicht. Vielmehr geht es den Unternehmen darum, verschiedene Techniken zu nutzen und miteinander zu kombinieren. Je mehr diese Techniken aber in die großen Plattformen integriert werden, desto schwieriger ist es für IT-Verantwortliche, sich die geeigneten Komponenten herauszupicken und mit anderen Systemen zu verbinden.

CW: Wird eine Best-of-Breed-Strategie bei der Softwareauswahl eines Tages nicht mehr möglich sein?

Howard: Die Bedingungen dafür verschlechtern sich, wenn einzelne Funktionen tief im Software-Stack eines Anbieters integriert sind. Etliche große Unternehmen nutzen etwa einen IBM-WebSphere-, einen Microsoft- und einen SAP-Stack. Zwischen diesen Blöcken gibt es nur einen geringen Grad an Integration, mit Ausnahme der Stellen, die die Hersteller explizit dafür öffnen.

CW: Also geht die Konsolidierung im Softwaremarkt zu Lasten der Anwender?

Howard: Für große Organisationen trifft das zu. Kleine oder mittlere Unternehmen können von einem integrierten Angebot auch profitieren.

CW: Ein Beispiel für einen Superplattform-Anbieter ist Oracle, das für 8,5 Milliarden Dollar Bea Systems übernimmt. Welche Auswirkungen sehen Sie für Bea-Kunden?

Howard: Der Merger reduziert den Wettbewerb im Markt für Softwareplattformen. Wir haben viele Kunden, die mit Bea sehr zufrieden sind, Oracle aber kritisch gegenüberstehen. Wenn Bea-Produkte im Oracle-Portfolio aufgehen, dürfte das für einige Anwender Probleme bringen.

CW: Bea besitzt einen kompletten Middleware-Stack. Was bedeutet der Deal für Oracles eigene Middleware Fusion?

Howard: Oracle hat eine lange Tradition von großartigen Ideen, die nie umgesetzt wurden. Das Versprechen von Fusion, die unterschiedlichen Anwendungen im Portfolio zu integrieren, steht bislang nur auf dem Papier. Mit Bea besitzt Oracle plötzlich zwei sehr ähnliche Integrationstechniken. Dabei hat Bea besonders bei Kunden mit hohen Integrationsanforderungen einen besseren Stand. Meine Vermutung: Oracle hat Bea gekauft, weil klar wurde, dass Fusion nicht funktioniert.

CW: Sowohl Bea als auch Oracle setzen große Hoffnungen in den Markt für Service-orientierte Architekturen (SOA). Nach der anfänglichen Euphorie scheint sich eine gewisse Desillusionierung breitzumachen. Ist der SOA-Hype passé?

Howard: Eine neue Architektur einzuführen ist harte Arbeit und braucht viel Zeit. In typischen Projekten können drei bis fünf Jahre vergehen, bis eine gewisse Reife erreicht ist. Gleichzeitig sehen sich Unternehmen mit Quartalsberichtspflichten und jährlichen Planungszyklen konfrontiert. Das passt nicht zusammen und führt durchaus zu einer gewissen Desillusionierung. Ein anderes Problem liegt darin, dass viele glauben, eine SOA könne man von einem Hersteller kaufen. Man kann ein Architekturprinzip nicht von irgendjemand erwerben sondern muss es selbst gemäß den eigenen Bedürfnissen entwickeln. Die SOA-Anforderungen der Deutschen Bank unterscheiden sich stark von denen der Deutschen Post.

CW: Wie steht es mit dem Fachwissen in Sachen SOA?

Howard: Infrastrukturkomponenten für eine SOA sind extrem komplex. Sie werden oft nicht richtig verstanden und sind schlecht dokumentiert. Die Idee hinter SOA ist ja, komplexe Monolithen in Module aufzubrechen, die sich relativ einfach wieder zusammensetzen lassen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich Unternehmen schwertun, solche Gebilde auseinanderzureißen.

CW: Sie meinen nicht nur Anwendungen, sondern beispielsweise auch den Integrations-Stack einer Softwarearchitektur?

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