Leichtes Navigieren im World Wide Web

Internet-Schlüsselwörter sollen URLs ein Ende bereiten

10.11.2000
Mit "Internet Keywords", einem Dienst der US-Firma Realnames, sollen Surfer bequemer zu den Websites von Online-Anbietern navigieren können. Das Unternehmen hat sich das ehrgeizige Ziel gesteckt, den Uniform Resource Locator (URL) obsolet zu machen, doch außerhalb der USA ist der Dienst noch wenig bekannt. CW-Bericht, Frank Niemann

"In sechs Monaten wollen wir den Unified Resource Locator (URL) als primären Navigationsstandard abgelöst haben", lautet das hochgesteckte Ziel der amerikanischen Internet-Firma Realnames aus dem kalifornischen San Carlos. Das Unternehmen, mittlerweile auch in London und Hamburg präsent, vermarktet einen Online-Service, über den Firmen sich Schlüsselwörter reservieren lassen, die dann mit den Web-Seiten verknüpft werden. Statt einer Adresse wie www.volkswagen.de tippt der Nutzer in die Adresseneingabe seines Browser beispielsweise nur "Volkswagen" ein und gelangt so auf die Site des Automobilherstellers. Will der Kunde sich über den sparsamen Kleinwagen der Wolfsburger informieren, muss er sich nicht auf der Homepage durchklicken, sondern landet nach Eingabe von "VW Lupo" auf www.vw-lupo.de, einer Marketing-Site speziell für dieses Auto. Wer sich gern über den "BMW X5" informieren möchte, braucht nicht etwa www.bmw.com/bmwd/products/automobiles/x5/ eintippen, sondern lediglich "BMW X5" und gelangt dann auf die entsprechenden Web-Seiten, und zwar in seiner Landessprache.

Laut Realnames sind nur hartgesottene Surfer bereit, sich durch eine komplexe Website zu klicken, um Informationen über ein Produkt abzurufen. Mit jedem zusätzliche Klick, der erforderlich ist, wenden sich Besucher ab. Erschwerend kommt hinzu, dass praktisch jede Online-Präsenz anders aufgebaut ist.

Für Bert Hölscher, CEO von Realnames Germany in Hamburg, liegt ein wesentlicher Vorteil der Internet Keywords im verbesserten Marketing für Firmen. So können Unternehmen einen etablierten Marken- oder Produktnamen als Schlüsselwort eintragen lassen. Internet-Nutzer müssen dann lediglich den Namen dieses Erzeugnisses kennen, um Informationen darüber aus dem Internet zu erhalten.

Zwar können diese Schlüsselwörter das Navigieren im Web erleichtern, doch wer bringt die User dazu, statt URLs Keywörter einzugeben? "Es wird noch dauern, bis Keywords eine Breitenwirkung erzielen", meint Rob Langerbeck, Projektleiter Web-Promotion und Web-Controlling bei AXA Colonia Konzern AG aus Köln. Das Versicherungsunternehmen zählt seit etwa zwei Monaten zu den deutschen Realnames-Kunden. Über das Internet-Schlüsselwort "Axa" gelangt der Surfer auf die Website www.axa-colonia.de.

Eigentlich wollten die Kölner ihre Homepage unter www.axa.de einrichten, doch diese Domain hatte sich bereits die Axa Entwicklungs- und Maschinenbau GmbH aus Schöppingen registrieren lassen. Über Realnames will die Assekuranzgesellschaft ihren Kunden das Auffinden ihrer Web-Präsenz erleichtern.

Bisher hält sich der Zuspruch der Anwender in Sachen Keywords jedoch in Grenzen. Nur einige hundert Surfer tippen pro Monat "Axa" ein, um zur Versicherungs-Website zu gelangen. Langerbeck erwartet auch gar nicht, dass die Realnames-Funktion die Nutzerzahlen auf der Site sprunghaft steigen lässt. "Der Dienst ist in Europa noch nicht so bekannt wie in den USA, daher müssen wir dieses Feature entsprechend kommunizieren."

Ob die Internet Keywords als Heilmittel gegen Domain-Knappheit beziehungsweise zum Schlichten von Streitigkeiten um Web-Adressen taugen, bleibt abzuwarten, denn auch bei Schlüsselwörtern kann es Ärger geben. So meldete sowohl der kalifornische Computerhersteller Apple als auch die in New York ansässige Apple Bank Interesse an dem Schlüsselwort "Apple". Den Zuschlag bekam schließlich der Rechneranbieter. Die Entscheidung begründete Realnames damit, dass die überwiegende Mehrheit der Surfer die Company von Steve Jobs und nicht das Kreditinstitut an der Ostküste mit dem Begriff in Verbindung bringt. Wäre die Unterscheidung zwischen Apple Corp. und Apple Bank nicht so eindeutig gewesen, hätte Realnames das Keyword keinem der beiden gegeben, behauptet Hölscher von Realnames Hamburg.

In seinem Haus entscheidet ein 30-köpfiges Gremium darüber, wer welches Internet Keyword erhält. Das Team setzt sich zusammen aus Anwälten von Realnames, Vertretern der Domain-Verwaltungsorganisation Internet Corporation für Assigned Names and Numbers (Icann), des Domain Name System, der Börsenaufsicht SEC sowie Sachverständigen aus amerikanischen Bundesbehörden wie beispielsweise der Federal Communications Commission (FCC). Anfang 2001 soll auch in Europa ein solches Gremium seine Arbeit aufnehmen, das dann die Interessen europäischer Firmen vertreten soll.

Theoretisch stehen allen Surfern die Schlüsselwörter offen, doch leider funktionieren die Realnames-Keywords nur im Internet Explorer. Für den Netscape Navigator gibt es ein Plugin, das sich der User erst aus dem Internet laden muss. Das Navigieren per Keyword funktioniert darüber hinaus auch über Suchmaschinen wie Altavista.de, Web.de, Fireball.de und Metacrawler.de. Wer etwa bei Web.de das Schlüsselwort "Volkswagen" in die Suchmaske eingibt, erhält neben den üblichen Hinweisen zu Kataloginhalten der Web.de-Datenbanken zum Thema auch eine mit dem Realnames-Logo versehene Zeile mit dem Hinweis, dass ein Klick auf dieses Internet Keyword direkt zur VW-Homepage führt. Jede Eingabe im Suchfeld bei Web.de und den anderen Search Engines wird zunächst an Realnames weitergeleitet. Handelt es sich bei diesem Begriff um bereits vergebene Schlüsselwörter, liefert Realnames entsprechende Informationen zurück.

Selbstredend wird dieser Service auch auf den Microsoft-Sites Msn.de und Msn.com angeboten, denn schließlich hält der Softwarekonzern 20 Prozent an Realnames. Die Nähe zu Microsoft ist auch einer der Gründe, warum AOL sich bisher ziert, ebenfalls mit Realnames zusammenzuarbeiten. Zwar nutzen auch AOL-Mitglieder Schlüsselwörter - im AOL-Jargon Kennwörter genannt -, doch sie erleichtern das Navigieren nur innerhalb des proprietären Bereichs des Online-Dienstes, und zwar in Verbindung mit der Zugangssoftware.

Vor allem große Firmen haben sich eine Vielzahl an Wörtern bei Realnames eintragen lassen. Beim Elektronikkonzern Panasonic sind es zum Beispiel etwa 10000, und IBM verhandelt zur Zeit über rund 600000 Schlüsselwörter. Für diese Klientel entwickelt Realnames kundenspezifische Lösungen, bei denen die Unternehmen ihre eigenen Datenbanken mit dem Realnames-System verbinden. Die amerikanische Technologiebörse Nasdaq etwa nutzt Active Namespace, einen speziellen Service für Großkunden, der auf die Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens zugeschnitten wird. Gibt ein Surfer im Browser oder auf Altavista.com "nasdaq intc" zur Abfrage des Aktienkurses von Intel, stellt Realnames eine Verbindung zur eigenen Search Engine der Nasdaq her und kurze Zeit später erscheint der Kurs des Prozessorherstellers im Browser. Das skizzierte Beispiel funktioniert zurzeit allerdings nur auf amerikanischen Suchdiensten beziehungsweise, wenn sich der Surfer in den USA ins Web einklinkt. Es ist laut Realnames-Mann Hölscher günstiger für solche Firmen, Active Namespace zu aktivieren, als eine Vielzahl von Begriffen als Internet Keywords anzumelden (siehe auch Tabelle "Leistungspakete").

Realnames etabliert seinen Dienst zurzeit in einer Reihe von Ländern. Außer in den USA errichtete das Unternehmen in Großbritannien, Deutschland und Japan die erforderliche Infrastruktur. Vier Millionen Keywords sind weltweit in den Datenbanken der Firma gespeichert. Der Anteil Deutschlands ist noch gering: Für das hiesige Internet wurden laut Anbieter bisher knapp 100000 Keywords vergeben.

Active NamespaceRealnames bietet verschiedene Gebührenmodelle an. Für Firmen mit wenig Schlüsselwörtern und nicht so frequentierten Sites ist das Silver Package gedacht. Wer mehr Bedarf hat, fährt laut Realnames mit dem Gold-Paket günstiger. Das Platinum-Angebot richtet sich an Großkunden.

Für Firmen mit besonders hoher Anzahl an Keywords bietet Realnames optional mit den Platinum-Paket den Service Active Namespace für 150000 Euro im Jahr an. Dabei verzweigt das Realnames-System in die firmeneigene Datenbank des Kunden. Das Unternehmen muss dann nicht alle Begriffe als Keywords anmelden. Gleichwohl sind auch die durch Active Namespace anfallenden Visits zu zahlen.

Abb.1: Surfen per Keyword

Die Nutzung von Internet Keywords nimmt zu. In Deutschland steht Realnames noch am Anfang. Quelle: Realnames

Abb.2: Leistungspakete

Quelle: Realnames