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Wenn es barrierefrei ist

Internet ist für Blinde das Tor zur Welt

08.10.2013
Im Internet kurz was nachlesen, mit dem Smartphone navigieren - das ist längst Alltag. Doch nicht jeder kann die Inhalte ohne Schwierigkeiten nutzen. Für Blinde gibt es bei digitalen Angeboten manche Barrieren - dabei sind gerade sie darauf angewiesen.

Schon in der Schule war der Computer Jakob Herrmanns ständiger Begleiter. Seit er auch einen Internetzugang hat, bieten sich dem Tübinger Studenten viele neue Möglichkeiten. Mal eben schnell was nachschlagen, das war für den 30-Jährigen früher undenkbar - denn er ist von Geburt an blind. "Wenn ich dann mal irgendwas wissen wollte, musste ich immer nachfragen. Seit ich das Internet hab', habe ich das ganze Wissen jederzeit, das ich brauche." Wie für Herrmann werden digitale Angebote auch für andere Menschen mit Handicap heute immer wichtiger. Problemlos nutzen können sie diese aber nur, wenn die Inhalte auch barrierefrei sind.

Eine Braillezeile kann Texte vom Computerbildschirm in Blindenschrift ausgeben.
Eine Braillezeile kann Texte vom Computerbildschirm in Blindenschrift ausgeben.
Foto: Aktion Mensch / Hartmut Reich

Barrierefreiheit im Digitalen bedeutet, "dass man Inhalte in einer Form präsentiert, die von ihrem visuellen Eindruck unabhängig sind", erklärt Markus Erle, Berater für digitale Barrierefreiheit und Inhaber der Tübinger Agentur Wertewerk. Die Inhalte müssen für jeden wahrnehmbar, nutzbar und verständlich sein. Für keinen Anwender dürfen wegen eines Handicaps Informationen verloren gehen - egal ob Homepage, Textdokument, Abbildung oder App.

Welche Anforderungen ein digitales Angebot erfüllen muss, variiert je nach Handicap. Für die Gestaltung barrierefreier Websites gibt es jedoch gewisse Grundsätze, erklärt Erle: Neben einer klaren Struktur sind Navigation und Orientierung für den Nutzer wichtig. "Damit er weiß, wo er gerade ist", präzisiert er. Kein Inhalt sollte nur über Visuelles oder Farben vermittelt werden. Ebenso ist die Bedienbarkeit mit der Tastatur von Bedeutung.

Für Informatik-Student Herrmann ist eine klare Strukturierung der Online-Inhalte wichtig. Sinnvoll verwendete Überschriften etwa helfen ihm, sich zu orientieren. Essenziell sind außerdem textliche Alternativen für Visuelles wie Beschriftungen oder Beschreibungen von Bildern und Grafiken. Grafik-Spielereien oder aufwendige Designs sollten die Entwickler möglichst vermeiden: "Eine normale Seite, die auf Spezialeffekte verzichtet, ist in der Regel auch zugänglich - auch wenn sie nicht explizit barrierefrei ist. Sobald Spezialeffekte verwendet werden, ist meistens irgendwann Feierabend."

Herrmann ist nicht nur für sein Informatikstudium auf digitale Angebote mit Netzzugang wie PC oder Smartphone angewiesen. Auch im Privaten setzt er auf die Technik: "Es würde gar nicht mehr ohne gehen", erzählt er. "Ich verlasse mich da wirklich drauf."

Der Student lässt sich die Inhalte am PC doppelt ausspielen: Er nutzt eine Software zur Audio-Ausgabe, um sich Texte vorlesen zu lassen, sowie eine Braillezeile, die Texte in Blindenschrift darstellt. Mithilfe der Technik kann er sich problemlos im Internet bewegen, sagt der Student. Zwar kann er bestimmte Hilfsmittel wie die Maus nicht nutzen, eingeschränkt fühlt er sich deswegen aber nicht: "Dann muss ich mich halt intensiver mit dem System befassen und verstehe dann auch Sachen womöglich ein bisschen besser."

Die deutschen Behörden sowie deren Auftragnehmer und Lieferanten sind durch das "Behindertengleichstellungsgesetz" (BGG) zur allgemeinen Barrierefreiheit verpflichtet. "Das Internet ist für Menschen mit Behinderung eine riesen Chance, weil die Kommunikationsmöglichkeiten gestiegen sind", sagt der baden-württembergische Behindertenbeauftragte Gerd Weimer. Allerdings werde gerade für Sinnes- und Lernbehinderte noch zu wenig geboten. "Es geht langsam voran, aber es entwickelt sich", sagt Erle. Auch die private Wirtschaft erkenne langsam, wie wichtig das Thema sei. Dennoch: Mehr als 70 Prozent von Erles Kunden sind per Gesetz zur Barrierefreiheit verpflichtet, nur eine Minderheit achtet freiwillig darauf.

Auch wenn in Sachen Barrierefreiheit im Digitalen seiner Meinung nach noch Nachbesserungsbedarf herrscht, kann sich Herrmann keinen Alltag mehr ohne Online-Zugang oder Smartphone vorstellen: "Ich würde wahrscheinlich vieles anders machen, wenn es die Möglichkeit nicht geben würde. Aber dadurch wäre ich natürlich auch eingeschränkter." (dpa/tc)