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Amazon, Facebook, Google

Internet-Firmen machen den Telcos Konkurrenz

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
Die großen Internet-Firmen versuchen, sich mehr Kontrolle über den Backbone des weltumspannenden Netzes zu sichern. Das drängt die bislang dominierenden Telcos weiter ins "Dumb-Pipe"-Abseits.

Speziell im vergangenen Jahr hätten Konzerne wie Google, Facebook und Amazon.com, die einen Großteil der Inhalte im Netz bereitstellen, auch ihre Investitionen in Internet-Infrastruktur hochgefahren, schreibt das "Wall Street Journal". Dazu gehörten die Inbetriebnahme neuer Untersee- und unterirdischer Kabel, das Abschließen langfristiger Mietverträge für sogenannte Dark Fiber und das Bauen eigener Netz-Hardware.

Farbenfroh: Kühlleitungen in einem Data Center von Google
Farbenfroh: Kühlleitungen in einem Data Center von Google
Foto: Google

Damit wildern die Internet-Firmen nun immer öfter auch im Revier von Telekom-Firmen, auf deren Kundenliste sie stehen. Google etwa hat über die Jahre ein privates Netz aus Glasfaserkabeln aufgebaut und kontrolliert nach Angaben eines Insiders mehr als 100.000 Meilen (knapp 161.000 Kilometer) Internet-Routen rund um den Erdball. Das ist bereits deutlich mehr als das US-amerikanische Netz von Sprint, das weniger als 40.000 Meilen hat.

Die Internet-Konzerne wollen mit ihrem Infrastruktur-Engagement die Kosten senken, die Leistung ihrer Dienste verbessern und sicherstellen, dass sie ausreichend Kapazität für den wachsenden Traffic, den sie durch Online-Video, Fotos, Spiele andere Services erzeugen.

Eher zufällig haben die Infrastruktur-Bemühungenen auch an Bedeutung dadurch gewonnen, dass der Whistleblower Edward Snowden enthüllt hatte, dass Militärgeheimdienste unter anderem der USA und Großbritanniens auch Leitungen zwischen Rechenzentren von Google und anderen angezapft haben - mit firmeneigenen Leitungen ist dergleichen für NSA und GCHQ natürlich ungleich schwerer unbemerkt zu bewerkstelligen.

Frischluftkühlung im Lulea Data Center von Facebook
Frischluftkühlung im Lulea Data Center von Facebook
Foto: Facebook

Den Telcos sind die Infrastruktur-Umtriebe der Internet-Firmen aber natürlich ein Dorn im Auge. "Wenn wir überall nur noch Dark Fiber verlegen würden, dann wären wir nur noch eine Tiefbaufirma", klagt beispielsweise Jeff Gardner, Chef des ländlichen TK-Anbieters Windstream Holdings, der Webseiten lieber weiterhin wie gewohnt nach Traffic zur Kasse bitten würde.

Die Telekommunikations-Anbieter müssen sich aber wohl oder übel anpassen, denn das Geld und die Machtbalance verlagern sich in Richtung der Inhalteanbieter. "Die Regeln ändern sich", sagt Erik Hallberg, der beim schwedischen Carrier TeliaSonera für den weltweiten Backbone zuständig ist, über den mittlerweile die europäischen Daten von Facebook fließen. "Wir alle in diesem Markt müssen aufgeschlossener sein."

In der Hoffnung auf wachsenden Internet-Traffic hatten Ende der 1990er Jahre Firmen wie Global Crossing und Tyco für Milliarden Dollar Glasfaserkabel verlegt. Die Folge war eine Überkapazität, die viele Unternehmen pleitegehen oder zumindest unterkapitalisiert ließ. Jetzt aber steigt der Online-Traffic getrieben von Video-Streaming und Smartphones tatsächlich - YouTube-Clips verschlingen nach Angaben eines Informanten bereits mehr als die Hälfte von Googles weltweiter Netzkapazität. Ungenutzte Glasfaser (Dark Fiber) gibt es aber immer noch - mit ein Grund, dass die Telekomfirmen als gebrannte Kinder der Bubble-Jahre mit Investitionen in neue Fiber vorsichtig sind.

Was die Internet-Unternehmen wollen, ist für Dan Caruso jedenfalls klar. "Es geht für sie darum, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen", sagt der CEO des Internet-Infrastrukturanbieters Zayo, der Glasfaserleitungen an Konzerne wie Google verkauft. Google hat im vergangenen Jahr 2,3 Milliarden Dollar investiert, um neue Computer. Rechenzentren und Grundstücke zu bauen oder zu erwerben - doppelt so viel Geld wie Analysten erwartet hatten.

Auch die Investitionen von Amazon.com sind im ersten Dreivierteljahr 2013 um 44 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar gestiegen, und dieser Trend soll mittelfristig anhalten. James Hamilton, der für die Cloud-Sparte AWS arbeitet, hatte auf einer Hausmesse im November angekündigt, Amazon gebe jetzt mehr Geld für eigene Netzgeräte und Glasfaserleitungen aus. "Sie werden heuer große Veränderungen in unserem Netz sehen", so Hamilton, "und für das nächste Jahr sind noch größere geplant."

Facebook musste im vergangenen Jahr bei TeliaSonera unterschlüpfen, um seiner wachsenden Nutzung in Europa nachzukommen. Dazu wurden unter anderem wichtige Internet-Knoten mit dem neuen Facebook-Data-Center nahe der schwedischen Stadt Lulea verbunden (da ist es sehr kalt, wodurch Facebook eine Menge Strom für die RZ-Kühlung einsparen kann). TeliaSonera erhellte eine Menge bis dato ungenutzte Glasfasern, um das neue Europa-Netz von Facebook im Juni im Betrieb zu nehmen.

"Wenn sie genug Geld und ausreichend Bandbreitenbedarf haben", sagt Michael Murphy von der Telekomberatungsfirma NEF aus Newton, Massachusetts, "dann ist es ab einem bestimmten Punkt sinnvoll, das selbst zu bauen."